am 16. Januar 2023 Liebe Margret, Deine Karte vom 26. des vergangenen Monats mit dem Nachruf auf Hartmut, und mit dem Gedicht von Hesse, liegt mir seit ich sie empfing im Sinn. Für Dein Vertrauen bin ich anerkennend und dankbar. Sieben Jahre und drei Monate sind vergangen seit meine Frau starb. Wir hatten uns 69 1/2 Jahre zuvor getroffen. Wir waren dreiundsechzig Jahre und sieben Monate ohne auch nur eine einzige Unstimmigkeit vereiratet gewesen. Es war mir gegönnt sie in den Monaten ihrer letzten Krankheit und in den Tagen ihres Sterbens zu pflegen. Als ich mich nach ihren Tode wiedergefunden hatte, flüchtete ich in meine Gedanken und in mein Schreiben, nicht um gelesen zu werden, nicht zur Veröffentlichung, sondern um mich zu trösten und um mir Gesellschaft zu leisten. Inzwischen hat mein körperlicher Gesundheitszustand wesentlich abgenommen. Seit etwa einem Jahr ist mir das Treppensteigen unmöglich. Jetzt vermag ich nur noch gestützt auf einen Gehbock mich durchs Zimmer zu schieben. Mein Gefängnis im zweiten Stock ist ein geräumiges lichtes Zimmer mit zehn hohen und weiten Fenstern, mit einem kleinen Mikrowellenofen und einem kleinen Kühlschrank. Hier sitze ich vor dem Bildschirm und über die Tastatur meines Rechners gebeugt an einem kleinen Tisch, am Tag mit Ausblick in die Äste der kahlen Bäume, bei Nacht auf die mondbeschienenen Häuser umher, oder ins schwarze Dunkel. Da habe ich viel Gelegenheit an Dich und Deine Verlassenheit zu denken, Dir alles Gute was das Leben für Dich noch übrig hat zu wünschen, und Dich inmitten des Winters ein weiteres Mal herzlich zu grüßen. Grüße auch von Nathaniel, der sich regelmäßig nach Dir erkundigt. Dein Jochen