am 2. Januar 2023 Liebe Gertraud, liebe Bernd, es ist schon dreiviertel vor sechs, der sonnige Nachmittag ist längst dahin, seit Mittag sitze ich an meinem kleinen Tisch über den Rechner gebeugt, hab mir über das Internet mehrmals wiederholt, mehrere französische Lesungen, Gedichte von Andre Chernier, und Prosa aus La Nouvelle Heloise von einer verschroben aufdringlichen Studentin namens Marie Yvenat im Internet angehört und angeschaut. https://www.youtube.com/watch?v=FZ_uWwGwn4o ... am 7. Januar 2023 Inzwischen sind fünf Tage vergangen, während ich mich habe ablenken lassen, und nicht nur von Marie Yvenat. Auch deutsche Literatur hab ich mir vortragen lassen indem ich mir folgendes Angebot zunutze machte: "Mein Name ist Fritz Stavenhagen, ich bin Regisseur, Schauspieler und Sprecher. Auf dieser Website können Sie mehr als 1700 Gedichte von 120 deutschsprachigen Autoren: innen aus dem Fundus unseres Literaturerbes von mir gesprochen kostenlos hören." https://www.deutschelyrik.de/home.html Es versteht sich dass ich mir nur einen kleinen Bruchteil dieses Angebots angehört habe, und doch besonders zufriedenstellend Gedichte von mir bisher unvertrauten Schriftstellern, wie etwa https://www.deutschelyrik.de/ich-saz-uf-eime-steine.html Gestern kam Euer Paket mit dem so liebevoll und so persönlichem selbst zusammengestellten Kalender, mit dem Januar Frosch, mit der April Nachtfalterraupe, mit der August Gelbbrandkäferlarve, mit dem September Scheckenfalter, und dem Oktober Zunderschwamm; dazwischen Bilder von Euerm Garten und von der wunderbaren Landschaft Südfrankreichs. Welch eine großzügige Einladung an meine Phantasie sich von dem Lehnstuhl an den ich gefesselt bin zu Ausflügen in eine weitere Welt zu befreien! Auch die Zeitungsblätter fand ich anregend. Der Artikel über die "Pioniere des Sakropop" stifteten die Fragel, ob ich mich ablenken sollte mir derartige Musik anzuhören um mich dadurch mit einer fremden Seelenlandschaft vertraut zu machen, oder ob ich mich mit dem ablehnenden Vorurteil mit dem mein Vater sich gegen das Eindringen auf ihn der verschiedensten modernen Künste bewahrte: "Das hat mit mir nichts zu tun," abschotten sollte. Ich weiß es noch nicht. Vielleicht sollte ich mich zuerst mit der vielen anderen Musik die ich bisher vermieden habe, bekannt machen, wie etwa von Gustav Mahler oder Richard Strauß, Musik die meinem Dirigenten Enkel Nathaniel so sehr gefällt. Die "Vielzahl an Gottesdiensten" zu Weihnachten und Neujahr, von der ein weiteres Zeitungsblatt berichtet, hätte ich, wie vermutlich auch ihr, auch wenn ich nicht verkrüppelt wäre, an mir ohne meine Beteiligung vorüberziehen lassen. Ich kann mich an nur drei Gottesdienste erinnern, denen ich in den vergangenen siebzig Jahren beigewohnt habe, meine eigene Hochzeit 1952, und die Gedächtnisfeiern, für meinen verstorbenen Vater 1987, und für meine Mutter 1990. Trotz dieser scheinbaren Gleichgültigkeit gegen religiöse Feiern, wohl weil ich diese als ungebührlich in mein Privatleben einzudringen betrachte, hege ich für öffentliche Erscheinungsformen religiösen Erlebens eindringliches Interesse. Ich deute Spinozas "Deus sive Natura" als Erkenntnis, dass die Leidenschaft für die Natur eine Erscheinung der Religion ist, und dass wiederum das Religionserleben des Menschen in seiner Natur verankert ist. In diesem Sinne deute ich Novalis: "Wo keine Götter sind, walten Gespenster". In Leibnizens Vorschlag vom Kosmos als Ausdruck einer von einem Gott "Prästabilierten Harmonie" sehe ich eine Vorlage für unsere verzweifelten hoffnungslosen zeitgenössischen natur- und geisteswissenschaftlichen Bemühungen eine vernünftige Welt zu entdecken und zu beschreiben. Wieder einmal hab ich den Mund zu voll genommen. Nichts bleibt übrig als mich zu entschuldigen und Euch ein zufriedenes und gesundes Neue Jahr zu wünschen. Euer Jochen