am 27. Dezember 2022 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Habt vielen Dank für Euern Brief. Seitdem ich von Gertrauds Unwohlsein erfuhr, muss ich immer wieder an Euch denken mit dem dringenden Wunsch, dass es ihr schon viel besser geht, dass die Krankheit längst vorüber ist und zur Vergangenheit zählt, - all dies mit dem Bewusstsein der Schwachheit von guten Wünschen, die an den Tatsächlichkeiten des Lebens nichts ändern. Wie schon seit längerer Zeit hab ich von mir selber nichts triftigeres zu berichten als dass ich es zufrieden bin mit allen Mitgliedern meiner Familie - und mit mir selber - in Frieden und Eintracht zu leben, - gedeihen wäre wohl ein zu starker Ausdruck. Mich mit der Behinderung beim Gehen, die mir das Reisen unvorstellbar macht, abzufinden, ist eine Aufgabe in der ich mich täglich üben muss. Ich glaube mehr als zwei Jahre sind vergangen seit ich zuletzt in Konnarock und auf Nantucket war. Wir haben beide Anwesen mit Überwachungskameras versehen. Die machen mir tägliche elektronische Besuche per Internet möglich. Die Winterstürme welche Nordamerika heimgesucht haben, sind Konnarock sowohl als auch Belmont erspart geblieben. In Konnarock, wie Ihr auf dem Bilde seht ist nur leicht Schnee gefallen, in Belmont überhaupt nicht. Dort war in einer kalten Nacht die Temperatur bis zu minus 18 Grad Celsius gefallen, Hier in Belmont waren es nur minus 12 Grad. In wenigen Tagen soll es wärmer werden. Für Neujahr sind plus 12 Grad Celsius vorausgesagt. Um sicher zu sein einschlafen zukönnen gehe ich des Nachts erst um zwei Uhr morgens zu Bett. Manchmal schlafe ich fest, manchmal wälze ich mich bei dem Versuch die Hüftenschmerzen zu beschwichtigen, stundenlang hin und her. Wunderbar lindernd aber ist die Gedächtnisschwäche. Ich vergesse alles, nicht nur die Gleichungen der mathematischen Physik die ich so gern verstünde, aber auch wie als Vergütung, die Unruhe und Unbehaglchkeit der durchwachten Nächte. Heute Nachmittag (28.12) hörte ich im Internet (Youtube) eine französiche Theateraufführung von Racines "Esther". Freute mich, wie so oft, an dem wunderbaren Klang der fremden Sprache die ich mit Hilfe des gedruckten Textes auf dem Bildschirm fast durchweg zu verstehen vermochte, und erinnerte dabei die große Kunst nicht nur von Shakespeare sondern auch von Schiller. Inzwischen hab ich zwei weitere Tage verfließen lassen ohne diesen Brief abzusenden. Ich bin mir bewusst wie leicht ich mich ablenken lasse, und entschuldige mir meine Zügellosigkeit mit der Erklärung dass mich zugunsten eines vorgefassten Stundenplans zu unterbrechen die mögliche Ergiebigkeit meines Denkens und Fühlens nur beeinträchtigen würde. Um meine Perspektive von Racine "Esther" zu ergänzen schaute ich mir im Internet die ersten Szenen einer Aufführung von Schillers Maria Stuart an, und las dann die Eingangsszenen von Sophokles Antigone. Aber meine Gedanken über all dieses wollen sich nicht sammeln. Inzwischen ist es zum Vorvorabend des Neuen Jahres geworden, und ich will diese Gelegenheit wahrnehmen Euch alles Gute, Zufriedenheit und Gesundheit zu wünschen. Euer Jochen