Die von den Wissenschaften behandelte Problematik spiegelt sich in den Hinfälligkeiten meines Gemüts, derer ich mir unmittelbar bewusst bin, a) die Beschränkungen des Handelns aufgrund unzulänglicher Zeit, b) die Beschränkungen der Wahrnehmung aufgrund unübersichtichen Raumes, c) die Beschränkungen der Schlussfolgerungen aufgrund unbestimmter Zeichen, d) die Beschränkungen des Wirkens aufgrund beschränkter Krafte. e) die Beschränkungen des Erlebens aufgrund der zeitlichen und räumlichen Gegebenheit und Unabänderlichkeit des Jetzt und Hier. Möglicherweise fällt mir im Verlauf des Überlegens noch weiteres ein. Obgleich mir in gewisser bornierter Perspektive was ich jetzt und hier erlebe, als das einzig Wirkliche erscheinen, so sind doch beide in unmittelbarer Perspektive, durch Eigenartigkeiten und Zufälligkeiten, in kosmischer Perpektive auf die Schranken des Unmittelbaren begrenzt. "Es gibt so manche Straße, die nimmer ich passiert. Es gibt so manchen Wein, den nimmer ich probiert." Das stimmt in einem Maße, das mich zu bekennen zwingt, dass ich nichts weiß, oder jedenfalls nichts weiß als das Wissen, dass ich nichts weiß. Es ist ein großer überwältigender Widerspruch, es ist mein unerbittliches Schicksal, dass das einzig Wirkliche das ich jetzt und hier erlebe, ein Nichts ist, und dass der Kosmos, vom Urknall bis zur sich mit Lichtgeschwindigkeit ausdehnenden Welt, ein Alles ist, das mir auch, und besonders geistig, unerreichbar bleibt. Bei a) den Beschränkungen des Handelns aufgrund unzulänglicher Zeit, denke ich vorerst an das Zählen, welches sich mir als zeitgebundene Tätigkeit bietet. Ich erlebe das Zählen als ein Schreiten, wo ich im Geiste einen Fuß vor den anderen, eine Zahl vor die nächste setze. Somit ist es der Verlauf der Zeit in ihrer Knappheit welche das Ende, die Endlichkeit meines Zählens bestimmt. Meine Vergesslichkeit, meine Müdigkeit, mein Verfallen in vorübergehendes oder unwiderrufliches Unbewusstsein, bezeichnet mir die Grenze zum Unendlichen, welche durch die Unfähigkeit mir ein Zählen jenseits des Bewusstseins zu errechnen, mich ebenso unüberzeugend Anmutet wie das Leugnen des Todes zugunsten eines Ewigen Lebens. Oder sollte vielmehr die Unerlebbarkeit der unzählbaren Zahlen daraufhin gedeutet werden, dass sich die Mathematik im Bereich des Phantastischen bewegt, und dass es des Mathematikers problematische Aufgabe ist dieses Phantastische in ein Unmittelbares zu verwandeln. Das wäre ein Verfahren dem ich offensichtlich nicht gewachsen bin. Bei b) den Beschränkungen der Wahrnehmung aufgrund unübersichtichen Raumes, erinnere ich Aristoteles Einleitung zur Metaphysik: πάντες ἄνθρωποι τοῦ εἰδέναι ὀρέγονται φύσει. σημεῖον δ᾽ ἡ τῶν αἰσθήσεων ἀγάπησις: καὶ γὰρ χωρὶς τῆς χρείας ἀγαπῶνται δι᾽ αὑτάς, καὶ μάλιστα τῶν ἄλλων ἡ διὰ τῶν ὀμμάτων. οὐ γὰρ μόνον ἵνα πράττωμεν ἀλλὰ καὶ μηθὲν [25] μέλλοντες πράττειν τὸ ὁρᾶν αἱρούμεθα ἀντὶ πάντων ὡς εἰπεῖν τῶν ἄλλων. αἴτιον δ᾽ ὅτι μάλιστα ποιεῖ γνωρίζειν ἡμᾶς αὕτη τῶν αἰσθήσεων καὶ πολλὰς δηλοῖ διαφοράς. φύσει μὲν οὖν αἴσθησιν ἔχοντα γίγνεται τὰ ζῷα, ἐκ δὲ ταύτης τοῖς μὲν αὐτῶν οὐκ ἐγγίγνεται μνήμη, τοῖς δ᾽ ἐγγίγνεται. καὶ διὰ τοῦτο ταῦτα φρονιμώτερα καὶ μαθητικώτερα τῶν μὴ δυναμένων μνημονεύειν ἐστί, [6] Allgemein in der menschlichen Natur liegt der Trieb nach Erkenntnis. Das zeigt sich schon in der Freude an der sinnlichen Wahrnehmung, die auch abgesehen von Nutzen und Bedürfnis um ihrer selbst willen geschätzt wird, und vor allem der Gesichtswahrnehmung. Denn nicht bloß zu praktischem Zweck, sondern auch ohne jede derartige Rücksicht legt man auf die Gesichtswahrnehmung im ganzen und großen einen höheren Wert als auf jede andere, und zwar deshalb, weil gerade sie vom Gegenstande die deutlichste Erkenntnis vermittelt und eine Fülle von unterscheidenden Beschaffenheiten an ihm erschließt. Wahrnehmungsvermögen haben die lebenden Wesen von Natur; bei einigen von ihnen aber läßt das Wahrgenommene keine dauernde Erinnerung zurück, dagegen wohl bei anderen. Die letzteren sind deshalb die intelligenteren und zum Lernen befähigteren im Vergleich mit denen, die das Vermögen der Erinnerung nicht besitzen. Im Geist des Vorherigen bemerke ich, dass mein zwangsmäßiges Interesse an der Physik Ausdruck meines Bedürfnisses ist, mein Verständnis der Welt in der ich lebe zu begreifen. Die eindringliche Vermutung, dass dies Verständnis über die Brücke der sinnlichen Wahrnehmung entstehen muss, wäre im Lichte von quantentheoretischer Verschränkung ein weiteres Mal zu bedenken. Ist es vorstellbar, ist es annehmbar die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass meine Vorstellung von einem Geschehen oder einem Gegenstand außer mir auch abwesend jeglicher Photonen die meine Netzhaut zu reizen vermöchten, zustande kommen könnte? Ich erinnere Goethes, "Wär nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt es nicht erkennen." Das bekannte Syndrom amblyopia ex anopsia weist auf die Tatsache, dass das Gemüt, - oder das Gehirn -, durch seine Berührung mit der Außenwelt gestaltet wird. Umfangreiche geistige Tätigkeiten einbeschlossen das Sprechen der Muttersprache, wie auch fremder Sprachen lässt sich durch die Assimilation des Gemüts an die Außenwelt, oder nicht weniger triftig, die Assimilation der Außenwelt ans Gemüt, wenn man das Gemüt als durch die Außenwelt gestaltet erkennt, erklären. Ein Punkt als Flächengebilde ohne Ausdehnung möchte als Ausdruck der Fovea der Netzhaut erläutert werden, jenem engbegrenzten Herd, dem solitären Fleck mit dem ausschließlichen Vermögen den Feinkontrast des Bildes zu ermitteln. Die Wahrnehmung eines Bildes, einer Landschaft, geschieht dann als Zusammenfassung vieler einzelner Ausrichtungen der Fovea auf die Außenwelt in kleinen kurzen schnellen zuckenden und doch gänzlich unbewussten Bewegungen des Auges die dem Gemüt eine homogene ununterbrochene Fläche darstellen welche von ihrer stochastischen Entstehung und Zusammenstellung nichts verrät. Es verwundert mich nicht, dass die Geometrie den Vorgängen der psychischen und körperlichen Wahrnehmungen der Fläche, des Raumes und der Bewegung nicht gerecht zu werden vermag. Diese Überlegungen bieten den Rahmen für mein Verständnis meiner Wahrnehmungen von Punkt, Strich, Fläche, Raum und Bewegung. Sie alle sind Erzeugnisse meines mir unmittelbar gegenwärtigen Bewusstseins. Dieses Bewusstsein ist mir die unerlässliche Grundfeste meiner geistigen Existenz und meines intellektuellen Handelns. Es ist ein Anker den ich nicht zu entbehren vermag. Indem ich die Beschreibung und Zergliederung meiner Gedankenwelt auf mein Bewusstsein stütze muss ich die unvermeidbare Beschränkungen meines Daseins erkennen und bekennen. So unvergleichbar die geringen Stuhl, Tisch und Zimmer wo ich mich befinde, mit Stadt, Land und Hemisphäre, um die Erde im Sonnensystem und Weltraum unerwähnt zu lassen, so unvergleichbar gering ist auch die Gedankenwelt der ich mich rühme. Wohlbemerkt besinne ich mich dennoch der winzig kleinen unmittelbar vergänglichen Welt in der ich mich befinde und in der ich Zuhause bin und die ich mit der großen, weiten, unendlichen ewigen Welt verwechsele. Diese Verwechslung ist menschlich, währt seit dem ersten Tag als man denn schöpferischen Gott entdeckte - oder erfand - als Bestätigung, Erklärung, Ersatz oder Ergänzung des menschlichen Ich. Diese Verwechslung des Ich mit dem Kosmos begeistert uns alle, nicht nur die Vertreter der Modelle der Kosmologie, der Teilchenphysik, der Quantenmechanik, der Relativitätstheorien und der Mathematik. Ich weiß von drei Aufgaben: 1) mich selbst zu erkennen so gut ich es vermag, 2) die Welt in der ich lebe zu erkennen so gut ich es vermag. 3) mein Unvermögen mich selber und die Welt zulänglich zu erkennen. Ich vermag sie nicht zu entgehen, den Wunsch und die Pflicht die von meinen Mitmenschen aufgezeichneten Beschreibung der Wirklichkeiten welche sie zu erkennen meinen nachzuziehen. Diese doch so notwendige Aufgabe ist umso schwieriger weil sie mich in meinem Denken aufrüttelt und stört. Die Gedankengänge anderer nachzuschreiten ohne den eigenen Weg zu verlieren ist eine schwieige Aufgabe, die vielleicht über meine Kräfte geht.