Die Wissenschaften, inbeschlossen die Mathematik sind Instrumente um die naturgegebenen geistigen und seelischen Beschränkungen des Individuums wenn nicht aufzuwiegen, dann zu beschwichtigen. Die Bestimmung und Beschreibung dieser Beschränkungen sind bedeutsame Schlüssel zum Verständnis und zur Erklärung der Wissenschaften. Ich zähle auf: die Grenzen dessen was ich zu sehen vermag, die Grenzen dessen was ich zu erinnern vermag, die Grenzen dessen was ich (hörend) zu verstehen vermag. Damit wäre ein Anfang gemacht. Der Anspruch alles zu wissen führt nicht nur zu dem Aufheben des eigenen Nichtwissens sondernes verlagert das Nichtwissen, das Unwissen, von der äußeren vermeintlich erkennbaren und doch unerkannten Welt allenfalls in eine Ahnung der eigenen geistig-seelischen Unzulänglichkeiten. Ich gestehe von der Mathematik und Physik verwirrt zu bleiben, und tatsächlich, je mehr ich mit diesen Fächern ringe, umso verwirrter komme ich mir vor. Einiger Maßen mehr erklärlich werden mir dann die Schranken meines eigenen Wahrnehmens und Denkens, meines Sehens, Hörens, meines Erfindens und Deutens von Symbolen und von den Vorgängen welche sie zu verbinden und sinnbar zu machen scheinen. Ich möchte die Vernünftigkeit all dessen was in Vorlesungen, Veröffentlichungen und Lehrbüchern als Tatsachen, als wahrhaftig, als wirklich behauptet wird ein weiteres Mal überdenken und überprüfen. Das Wahre, das Wirkliche, wäre ein Seiendes, ein Bleibendes, ein Unveränderliches. Zugleich scheint unsere Intelligenz, unsere Geistigkeit, wie der Ton einer gezupften Saite zu schwinden, zu verschwinden und verlangt, benötigt, fordert unaufhörlich, ununterbrochen wiederholten Antrieb um den Schein der Beständigkeit zu erwerben und zu erhalten. Mit diesem Widerspruch hab ich mich, wie wir uns alle, längst abgefunden. Längst abgefunden habe ich mich auch mit der Tatsache, dass mein Verständnis nur zum Teil dauerhaft, vielfalls aber vergänglich ist, wie etwa das was ich gestern als "wahr" zu erkennen meinte, mir heute als fehlerhaft erscheinen möchte, vielleicht weil ich des Besseren belehrt worden bin, vielleicht weil die Gesellschaft auf die ich mich verlassen muss, des Besseren belehrt worden ist. Wenn ich erkläre, dass sich die Sprache als Vorbild, als Muster meines Wissens betrachte und verstehe, so weise ich unmittelbar darauf hin, dass wie die Sprache wesentlich eine gesellschaftliche Erscheinung ist. so auch mein Wissen und mein Verstehen. Dem Zwitterverhältnisse zwischen Ich und Ihr, zwischen Mich und Euch, zwischen Ich, Wir und Sie, liegen inmitten der Unbestimmtheit und der Unbeständigkeit meines Wissens und Verstehens. Wenn ich behaupte oder bekenne etwas zu wissen oder nicht zu wissen, zu verstehen oder nicht zu verstehen, dann muss ich den Anteil der Gesellschaft an diesem Wissen und Nichtwissen, and diesem Verstehen und Nichtverstehen stehts in Erwägung ziehen. Es ist eine stolze, kühne Annahme und Voraussetzung dass die Gesellschaft über ein Weltverständnis verfügt von dem es doch so offenbar ist, dass dieses Verständnis einem jeden Einzelnen von uns, so wie auch unserer Gemeinschaft entgeht, und dass wir uns einen Gott anstellen müssen um dieses Verständnis und dies Wissen zu gewährleisten und zu bewahren. Einst hat der Kaiser Konstantin II das Konsilium von Nizäa einberufen, um die Wahrheit zu bestimmen und durch unzählige Wiederholungen dem Glauben einzuimpfen. Heutzutage ist die Versicherung des Glaubwürdigen die Pflege der Wahrheit auf den Universitäten. Dem Wissbedürftigen eröffnen sich zwei Pfade: der erste, die mühevolle Einübung in das überlieferte Wissen, the conventional wisdom, mit der erhofften Bestätigung durch eine Professur, durch Veröffentlichungen, vielleicht in Lehrbüchern; der zweite, das demütigende Abtakeln der gesellschaftlich beglaubigten wissenschaftlichen Übereinkünfte, wobei vorerst nicht die Nacktheit des Kaisers in seinen neuen Kleidern zur Schau gestellt werden muss, sondern die eigene Anfälligkeit (Verwundbarkeit vulnerability) für das Verlorensein, für die Verlorenheit im Dunkel des Unwissens, der Ahnungslosigkeit. Wer aber den Mut - oder die Verfrorenheit - aufweist sich in die Bereiche des Nichtwissens zu begeben, wird mit der großen, verlockenden, erschreckenden Freiheit von überlieferten Vorstellungen belohnt, die es ihm ermöglicht seine Mitmenschen auf etlich von ihnen bisher Übersehenes hinzuweisen, und sich damit einen Ort der Aufmerksamkeit und des Ruhmes im Mythos der Geistesgeschichte zu ergattern. Die von den Wissenschaften behandelte Problematik spiegelt sich in den Hinfälligkeiten meines Gemüts, derer ich mir unmittelbar bewusst bin, a) die Beschränkungen des Handelns aufgrund unzulänglicher Zeit, b) die Beschränkungen der Wahrnehmung aufgrund unübersichtichen Raumes, c) die Beschränkungen der Schlussfolgerung aufgrund unbestimmter Zeichen, d) die Beschränkungen des Wirkens aufgrund beschränkter Kraft. Möglicherweise fällt mir im Verlauf des Überlegens noch weiteres ein.