am 19. Dezember 2022 Liebe Gertraud, lieber Bernd, vielen vielen Dank für Euern Brief. Täglich hab ich an Euch gedacht, mit dem Bewusstsein dass es doch an mir war, an Euch zu schreiben. Krank war ich auch, aber nur für ein paar Stunden, also kein Grund, keine Entschuldigung, nicht geschrieben zu haben. Seit es mir unmöglich geworden ist, die Treppe hinab zu steigen um mir in der Küche die Mahlzeiten zu bereiten, bringt mir Nathaniel zweimal täglich das Essen in mein Gefängniszimmer. Obwohl ich ihn nicht darum gebeten hatte, hab ich diesen Ausdruck seiner Sorge um mich dankbar angenommen. Die Zeiten aber waren unvorhersagbar unterschiedlich, manchmal brachte er das Abendessen um 18 Uhr 30, manchmal viel später. Am 11. Dezember brachte er es erst um 22 Uhr 20. Da sich mit zunehmendem Alter mein Magen mit abnehmender Geschwindigkeit leert, vermochte er so spät an diesem Abend die stark gewürzte Schwarzbohnensuppe nicht mehr zu verkraften. Statt wie es sich gehört sie in den Zwölffingerdarm zu entlassen, schwappte er die saure Brühe hin und her, hin und her, und zurück hinauf mir in die Speiseröhre und in den Mund, von wo ich sie, weil ich meinen gelähmten Beinen den Weg zum Erbrechen ins Badezimmer nicht zutraute, immer und immer wieder, die schlaflose Nacht hindurch, verschlucken musste. Mein Gaumen nahm das Säurebad sehr übel, er schwoll und schmerzte, die Mandeln fühlten wie heiße Kartoffeln und die Epiglottis selbt war so unglücklich, sie flehte verschluckt zu werden. Am Morgen brachte mir Nathaniel das Zubehör für einen Covid Schnelltest,- der war negativ, und ein Fieberthermometer das wegen entleerter Batterie unbrauchbar war, - aber Fieber hatte ich nicht, denn ich fühlte mich weder heiß noch kalt. Dann, sehr schnell, im Verlauf von nur zwei weiteren Stunden war der Magen leer, die Entzündung der Schleimhaut verflüchtigte sich, und am kommenden Morgen war von der Krankheit nichts übrig geblieben als Stoff zu diesem Briefe, aber keineswegs zulänglich seine Verzögerung zu entschuldigen. Eine Entschuldigung, wenn es sie gäbe, möcht darin liegen, dass ich nichts zu schreiben habe als was derweilen mein Gemüt bewegt, nämlich physikalische Quantenmechanik und mathematische Mengenlehre, und dass ich mich schäme, Euch mit meinen diesbezüglichen Erwägungen zu belästigen, weil ich das worüber ich dann schreiben würde nicht zu verstehen vermag, jedenfalls nicht im amtlichen akademischen Sinne. Dass ich besonders deshalb, dass ich es nicht verstehe, mich gezwungen fühle darüber nachzulesen, nachzudenken, und fortzuschreiben, bewirkt dass, wie von selbst, sich bei mir ein "eigenes" nur mir "selbstverständliches" und doch sehr beschämendes Pseudo-verstehen entwickelt, ein anderen unsichtbares Irrlicht auf das hinzuweisen zu nichts als zu noch größerer Beschämtheit Ausschlag geben würde. Dass ich es nicht unterlassen kann mich immer und immer wieder an das Verständnis des mir Unverständlichen zu wagen, erinnert an die Albert Einstein zugeschriebene Definition von Wahnsinn, "immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten." Nathaniels Hund "Joe" ist vernünftiger. Er weiß worum es geht, nämlich um das Weißbrot im Schrank das ich mit ihm Teile und wovon er nicht genug zu bekommen vermag. Wenn das Fressen alle ist, steigt er aufs Bett und lagert, springt zuweilen, wenn er meint im Hof irgendetwas Ungehöriges gehört zu haben, auf, fängt an laut zu bellen, läuft zur Tür und fängt an diese zu kratzen als Signal an mich in rauszulassen um entsprechend seiner Gewohnheit von einer Etage zur anderen, von einem Ende des Hauses zum anderen zu pendeln, mich jedes Mal nötigend von meinem Sessel aufzustehen und mich auf den Gehbock gestützt an die Zimmertür zu schieben, die für ihn und seine Wanderungen geöffnet sein muss, geschlossen aber wegen der Zimmertemperatur im ungeheizten Hause. So veranlasst er mich zu wiederholter Bewegung, der einzigen die ich genieße. Vielleicht sogar erhält er mich damit am Leben. Bedanken tut er sich bei mir, indem er mir liebevoll die Handflächen und die Finger leckt, die ihm besonders munden, weil an ihnen keine Spur von Seife zu erschnüffeln ist. Fünf Tage noch bis Heilig Abend. Sollte dies mein Weihnachtsbrief an Euch sein, vielleicht sogar der letzte? Ich weiß es nicht. Wenn ich um Mitternacht zu müde zu schreiben oder auch nur lesen geworden bin, schalte ich mir manchmal auf dem Rechner https://www.youtube.com/watch?v=Ocm2z3BVkic die Bach Kantate Nr. 27 an: BWV 27 Wer weiß, wie nahe mir mein Ende?     1. Coro e Recitativi S A T Corno, Oboe I/II, Violino I/II, Viola, Continuo Wer weiß, wie nahe mir mein Ende? Sopran Das weiß der liebe Gott allein, Ob meine Wallfahrt auf der Erden Kurz oder länger möge sein. Hin geht die Zeit, her kommt der Tod, Alt Und endlich kommt es doch so weit, Dass sie zusammentreffen werden. Ach, wie geschwinde und behände Kann kommen meine Todesnot! Tenor Wer weiß, ob heute nicht Mein Mund die letzten Worte spricht. Drum bet ich alle Zeit: Mein Gott, ich bitt durch Christi Blut, Machs nur mit meinem Ende gut!     2. Recitativo T Continuo Mein Leben hat kein ander Ziel, Als dass ich möge selig sterben Und meines Glaubens Anteil erben; Drum leb ich allezeit Zum Grabe fertig und bereit, Und was das Werk der Hände tut, Ist gleichsam, ob ich sicher wüsste, Dass ich noch heute sterben müßte: Denn Ende gut, macht alles gut!     3. Aria A Oboe da caccia, Organo obligato, Continuo Willkommen! will ich sagen, Wenn der Tod ans Bette tritt. Fröhlich will ich folgen, wenn er ruft, In die Gruft, Alle meine Plagen Nehm ich mit.     4. Recitativo S Violino I/II, Viola, Continuo Ach, wer doch schon im Himmel wär! Ich habe Lust zu scheiden Und mit dem Lamm, Das aller Frommen Bräutigam, Mich in der Seligkeit zu weiden. Flügel her! Ach, wer doch schon im Himmel wär!     5. Aria B Violino I/II, Viola, Continuo Gute Nacht, du Weltgetümmel! Jetzt mach ich mit dir Beschluss; Ich steh schon mit einem Fuß Bei dem lieben Gott im Himmel.     6. Choral Corno e Oboe col Soprano I, Violino I col Soprano II, Violino II coll' Alto, Viola col Tenore, Continuo col Basso Welt, ade! ich bin dein müde, Ich will nach dem Himmel zu, Da wird sein der rechte Friede Und die ewge, stolze Ruh. Welt, bei dir ist Krieg und Streit, Nichts denn lauter Eitelkeit, In dem Himmel allezeit Friede, Freud und Seligkeit. ============ Der Schlusschoral, "Welt, ade! ich bin dein müde," wurde zum Andenken an die inzwischen verstorbenen Beteiligten alljährlich bei den Bachfestspielen in Bethlehem, Pennsylvania vorgetragen. Ich höre in dieser Kantate keineswegs den Fahrplan meines eigenen Lebens, aber dennoch meine ich an ihr die Grundfeste der Kultur zu erkennen welche zu erleben das Glück meines Daseins war. Herzliche Weihnachtsgrüße an Euch beide. Euer Jochen