Ingeborg Bachmann und Max Frisch: Wie nah wir diesen beiden Toten kommen Welches Lektüreerlebnis ist es, heute die Briefe zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch erstmals zu lesen? Ein E-Mail-Wechsel über diesen Briefwechsel zweier Liebender Von Iris Radisch und Volker Weidermann 12. November 2022, 8:59 Uhr 11 Kommentare Artikel hören Ingeborg Bachmann und Max Frisch: Ingeborg Bachmann und Max Frisch um 1960 Ingeborg Bachmann und Max Frisch um 1960 © Buhs/​Remmler/​ullstein; picture alliance/​KEYSTONE Wie nah wir diesen beiden Toten kommen – Seite 1 Lieber Volker, gestern Nacht den letzten Brief gelesen, den letzten von fast 300, es ist wie ein Sturm, der durchs Haus gefegt ist, eine Verwüstung hinterlassen hat, eine Begeisterung. Aber auch Scham. Wie nah bin ich diesen beiden Toten gekommen, die in diesen Briefen so verliebt und lebendig sind und die das Ende damals noch nicht kannten, das wir kennen, weil es Literaturgeschichte geworden ist: Bachmann verbrannt in der Nacht vom 25. September 1973 in Rom, gestorben mit 47 Jahren an ihren Brandwunden und ihrer Tablettensucht am 17. Oktober 1973; Max Frisch weiterlebend bis in sein achtes Lebensjahrzehnt mit immer jüngeren Frauen. Und der entsetzliche letzte Satz in Bachmanns Roman Malina, der wie ein Fallbeil herunterkrachte und ein Urteil zu sein scheint über die grundsätzliche Unmöglichkeit des Zusammenlebens von Mann und Frau, über die unmögliche Liebe zwischen Mann und Frau und vielleicht auch über das Liebesunglück zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Der Satz heißt: "Es war Mord." Diese Last – Feuertod und Leid der Frau, Weiterschreiben und Weiterleben des Mannes, der sich zu trösten wusste – lässt sich für mich nicht ausschalten. Ich lese atemlos, weil ich zu erfahren hoffe, was ich mich seit Jahren frage: Warum ist Ingeborg Bachmann nach der Trennung von Max Frisch zusammengebrochen? Warum ist aus der strahlenden jungen österreichischen Dichterin diese aufgedunsene verzweifelte Frau geworden, die sich in den finsteren Katakomben eines Romanprojekts über weibliche Todesarten verirrt und viel zu viele Tabletten schluckt? Was ist geschehen in Rom und in Zürich zwischen dem berühmten Schweizer Schriftsteller und dem einzigen weiblichen Superstar der Gruppe 47? War es Mord, wie es in Malina stand, zwei Jahre vor ihrem Tod? Thema: Briefwechsel Die Briefe: "Du bist so grausam gegen mich" Ingeborg Bachmann und Max Frisch: Ein Liebesroman in Briefen Die Liebe zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch begann am 3. Juli 1958 in Paris. Am 2. Juli 1958 hatte sich Bachmann endgültig von Celan getrennt. Von ihrer großen, unmöglichen Liebe. Man kann das einen rasanten Wechsel nennen. Vom jüdischen Dichter der Todesfuge zum Schweizer Bearbeiter hochmoderner männlicher Identitätsproblematiken. Ich ahne, was die 32-jährige Ingeborg Bachmann wohl bei diesem 47-jährigen Schweizer Familienvater und Schwimmbadbauer gesucht haben könnte, der für sie auf ganzer Linie ein Anti-Celan gewesen sein muss. Iris Radisch ist Redakteurin im Feuilleton der ZEIT. Sie hat vielfach über Ingeborg Bachmann und deren Werk geschrieben. zur Autorenseite Aber was sucht Max Frisch bei der Dichterin Ingeborg Bachmann? Bei den beiden sind ja Liebe und Literatur kaum voneinander zu trennen, eigentlich gar nicht. Die Briefe bestehen ganz aus Literatur. Die Liebe wahrscheinlich auch. Und gleich im zweiten überlieferten Brief, am 6. Juli 1958, schreibt Frisch, er sei nicht verliebt in Bachmann, aber erfüllt von ihr. Er nennt sie ein "Meertier", einen "langgefürchteten Engel". Was bedeutet es, wenn ein Schriftsteller, der seit Jahren für seine demonstrative Neusachlichkeit gerühmt wird, für eine berühmte Lyrikerin, mit der er vor zwei Tagen zum ersten Mal geschlafen hat, solche Minnegesänge anstimmt? Lieber Volker, Du hast ja eine Biografie über Max Frisch geschrieben. Hast Du eine Vermutung, welchen Traum Max Frisch in dieser Liebe träumte? Und überhaupt: Wie geht es Dir mit diesen Briefen? Herzliche Grüße, Iris Liebe Iris, ja, was für Briefe! So viele Jahre nach dem Tod der beiden, so viele Jahre, nachdem ihr Werk für immer abgeschlossen vor uns liegt. Es ist wirklich ein neues, literarisches Werk der beiden. Und ihr erstes und einziges gemeinsames. Klar hatte auch ich viele Momente der Scham beim Lesen und das Gefühl unerlaubten Schauens in die privaten, intimen Abgründe der beiden. Vor allem auch deswegen, weil sie ja beide immer wieder eine spätere Publikation ihrer Briefe ausdrücklich verbieten. Und doch schreiben sie von Anfang an wie für ein Publikum. Man hat das Gefühl, sie können gar nicht anders. Denn beiden ist die Verwandlung von Leben in Literatur programmatisch gewesen, von Anfang an. Sobald sie schreiben, inszenieren sie sich. Schreiben sich in eine Rolle hinein. Sie "probieren Geschichten an wie Kleider", wie es Frisch in seinen, in diesen Jahren entstehenden Roman Mein Name sei Gantenbein hineinschreibt. Newsletter ZEIT ONLINE – Kultur Was die Musik-, Kunst- und Literaturszene bewegt. Jede Woche kostenlos per E-Mail. Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die Datenschutzerklärung zur Kenntnis. Wie schön, das alles neu beginnen zu sehen. Diese größte Liebesgeschichte aus dem Wirklichkeitsbereich der deutschen Literatur, die wir alle nur noch von ihrem fatalen Ende aus kennen. Wie traumhaft schön diese Euphorie von beiden zu Beginn. Von zweien, die sich nur aus ihren Büchern kennen. Frischs erster Brief ging verloren. Wir kennen ihn, als Selbstzitat, nur aus seiner späteren Erzählung Montauk. Darin schreibt er von ihrem Hörspiel, das er gerade gehört hatte, Der gute Gott von Manhattan, in dem es zum Beispiel heißt: "Bei dir sein möchte ich bis ans Ende aller Tage und auf den Grund dieses Abgrundes kommen, in den ich stürze mit dir." Und Ingeborg Bachmann wiederum kannte vor allem Frischs Roman Homo faber, hatte ihn nächtelang gelesen und mit Freunden diskutiert. Die Geschichte des Technikers mit dieser fürchterlichen Angst vor Gefühlen, für den Frauen eigentlich alle wie poison ivy sind, giftiges Efeu, Schlingpflanzen, die den Mann in den Abgrund ziehen. Volker Weidermann leitet gemeinsam mit Christine Lemke-Matwey das Feuilleton der ZEIT. Im Jahr 2010 erschien von ihm die Biografie "Max Frisch. Sein Leben, seine Bücher" (Kiepenheuer & Witsch). zur Autorenseite Sie haben sich also aus der Ferne vielleicht erst mal in Bücher verliebt. In ein Schreiben. Und ich verstehe sehr gut Deine Verwunderung über den, nun ja, lyrischen Stil, den Frisch in seinen ersten Briefen anschlägt. Ich würde sagen: Da versucht ein unlyrischer Mann sich der Adressatin anzupoetisieren. Das kann nicht gut gehen. Es führt aber zu einer möglichen Antwort auf Deine Frage, was dieser sachliche Schriftsteller bei dieser Dichterin suchte: das ganz andere. Er bewunderte ihr Schreiben ja wirklich. Davon, wie auch von seinen eigenen literarischen (und anderen) Minderwertigkeitskomplexen ist dieser Briefwechsel ja im weiteren Verlauf auch durchdrungen. Er liebte ihre Gedichte. Und er hoffte, sich an der Seite dieser Frau noch einmal selbst zu erfinden. Noch mehr als für sie war Leben und Schreiben quasi eins. "Eine Frau – ein Buch" ist wohl nur eine leichte Übertreibung seiner Programmatik … Was hat sie so sehr elektrisiert? Trotzdem bin ich natürlich von Beginn an auch ein parteiischer Leser dieser Briefe und erhoffe einen Freispruch vom Mordvorwurf, vom Vorwurf des eiskalten Lebenszerstörers mit literarischen Mitteln, der Frisch von Bachmann-Lesern immer wieder gemacht wurde. Und so bin ich natürlich gleich alarmiert, wenn Du darauf hinweist, er schreibe in seinem ersten Brief, er sei "nicht verliebt", aber erfüllt von ihr. Stimmt. Aber drei Zeilen weiter schreibt er doch: "Du bist schön, wenn man Dich liebt, und ich liebe Dich. Das weiß ich – alles andere ist ungewiss." Das lässt Du einfach weg. Willst Du ihn hier schon gleich als eiskalten, berechnenden Killer präsentieren, bevor er überhaupt richtig angefangen hat zu lieben? Lass ihn doch erst mal seine Rolle finden. Bachmann wird ja von seinem ersten Brief geradezu magnetisch angezogen. Sofort will sie zu ihm nach Zürich kommen: "Ich könnte zwei, drei, vier Tage bleiben, und ich hoffe so sehr und ohne rechte Überlegung, daß auch Sie es wünschen könnten." Was hat sie so sehr elektrisiert? Sie musste doch ahnen, dass dieser Gefühlsallergiker Faber etwas mit seinem Erfinder Max Frisch zu tun haben könnte, oder? Freue mich auf Deine Antwort Herzliche Grüße Volker Lieber Volker, ja, Du hast recht, Max Frisch schreibt Ingeborg Bachmann nach der ersten Liebesnacht: "Du bist schön, wenn man dich liebt, und ich liebe dich." Das habe ich unterschlagen. Zu seinen Gunsten. Denn was sagt dieser mehr als seltsame Syllogismus eines erklärtermaßen Nichtverliebten? Mit Wohlwollen gelesen: Du bist schön, wenn ich dich liebe. Ohne Wohlwollen: nur schön, wenn ein Mann (wie ich) dich liebt. Aber lassen wir diese Liebesphilologie. Natürlich liebt er sie. Er wird es in den kommenden Jahren noch oft und weniger verletzend schreiben. "Ich liebe Dich, Ingeborg." Du fragst mich, was Ingeborg Bachmann an dem Schweizer Geliebten elektrisierte? An diesem ordentlichen Mann, der sich für die Telefongespräche mit ihr vorbereitende Notizen machte, um sie von Punkt 1 bis Punkt 4 durchzunehmen? An dem Baumeister der Liebe, der die zukünftige gemeinsame Wohnung, die sie noch gar nicht kennt, schon mal mit dem Zollstock ausmisst? Ich vermute, dass sie diese vertrauenserweckende männliche Vermessung und Durchnummerierung der Welt angezogen hat. So wie ihn die dunkle, mit dem Feuer spielende Dichterin, die furchtlos über jede innere und äußere Grenze geht. Am Ende sogar die des eigenen Lebens. Auch wenn das nicht die ganze Antwort sein kann. Und doch gibt es für mich diese Biedermann-und-die-Brandstifterin-Dimension in den Briefen – in Gestalt von viel zu engen Geschlechterkostümen, die die beiden sich gegenseitig auf den Leib schreiben. Bachmann, Doktorin der Philosophie und führende Lyrikerin deutscher Sprache, gibt sich brieflich als überforderte, weltverlorene weibliche Unschuld. Eine Rolle, die mich an ihre Darbietungen bei der Gruppe 47 erinnern, wo ihr die Stimme versagte und ihre Taschentücher und Manuskriptblätter vor der sprungbereiten männlichen Elite der deutschen Nachkriegsliteratur nur so zu Boden flatterten. Sie sei, schreibt die enge Freundin von Paul Celan, Hans Werner Henze, Uwe Johnson, Ilse Aichinger, Hannah Arendt und Hans Magnus Enzensberger, jetzt in maximaler Selbstverleugnung, vollkommen einsam und ohne Zusammenhang, habe keine Bindung, keinen Halt, keinen Ort, keine Position, keinerlei Boden. Sie verbrenne inwendig. Das einzige Mittel dagegen: natürlich Max Frisch. Ihr "Strahlenschutz". Der Garant für "etwas Kompromissloses mit Mann und Haus und Kind". An seiner Seite sieht sie sich "aufgenommen zum ersten Mal in die Ordnung, in den Bestand". Kleines Problem: Dieses erstickende Liebesmodell hat mit diesen beiden ungewöhnlichen Menschen in meinen Augen rein gar nichts zu tun. Vor allem Frisch wehrt sich entschieden gegen eine Neuauflage einer Liebe, die er schon hinter sich hat – mit Trudy, seiner Schweizer Noch-Ehefrau, die er 1942 in Frack und Zylinder geheiratet hat. Er nennt, was Bachmann sich wünscht, ein bisschen zu abfällig, "Liebe im Hauptberuf". Ich stimme Dir zu, lieber Volker, Frisch will sich mit jeder Frau neu erfinden, auch verjüngen, so oft, bis die letzte Geliebte die Tochter einer früheren sein wird. Bei ihm geht es schon um den rasenden Fortschrittsmotor, den man heute, glaube ich, als disruption anpreist. Die produktive Zerstörung alles Alten und nur Gewohnten. Den ständigen Abriss und Neubau eines Lebensentwurfs, in dem das einzig Beständige seine riesige schwarze Brille war. Und die Pfeife. Und der Whisky, um das alles auszuhalten. Wahrscheinlich hatten sie nie eine Chance. Ich empfinde Frisch in diesen Briefen am Anfang so wie Bachmann ihn empfindet: kalt und abweisend. Oder hellsichtig? Vier Wochen nach der ersten Liebesnacht schreibt er: "Wir wären ein Unheil füreinander." Sie will "eine Unmasse Liebe", sonst könne sie nicht mit ihm leben, sonst bliebe sie lieber allein. Er wünscht sich ein "Traumschloß" für sie beide mit zwei weit voneinander entfernten "Flügeln". Sie klagt, dass er keine "wirkliche Beziehung" zu ihrem Körper gefunden habe. Er wünscht sich – seltsame Vorstellung – nur von ihren Gedichten ein Kind (echte Kinder hat er ja schon, von Trudy). "Diese Liebe ist unglaublich kompliziert" Ich glaube, er hat sie zu sehr bewundert und sich selbst zu wenig. Später hat er sich beklagt, sie sei nie zu Hause gewesen. Sie sei viel zu sehr: Ingeborg Bachmann gewesen. Er habe seine "Hörigkeit" in dieser Liebe nicht mehr ertragen. Der Kritiker Peter Hamm hat mir einmal erzählt, wenn er die Bachmann in Rom am Telefon verlangt habe und Frisch sei am Apparat gewesen, habe der immer gesagt, er rufe "den Chef". Diese Liebe ist unglaublich kompliziert. Literaturgeschichte, Liebesgeschichte, Geschlechtergeschichte, beinahe in jedem Brief. Am Ende haben sie beide in ihren Romanen zurückgeschrieben. Er in Mein Name sei Gantenbein. Sie in Malina. Ingeborg Bachmann hat sich durch Frischs Roman benutzt gefühlt, degradiert zum literarischen Material. Was ist da dran? Ich muss jetzt mal aufhören, obwohl es mir schwerfällt. Wahrscheinlich widersprichst Du mir gründlich? Herzliche Grüße, Iris Liebe Iris, ist es nicht verrückt, dass Du von einem "erstickendem Liebesmodell" der beiden schreibst – wo doch im Zentrum ihrer Liebesgeschichte eigentlich die Freiheit steht? Zugegeben, eine etwas spießige, altmodische Form der Freiheit – denn sie haben sie in einem Vertrag festgehalten. Dem sogenannten Venedig-Vertrag, in dem sie sich gegenseitig völlige Freiheit in Liebesdingen zugestehen, Affären mit Dritten, Flirts, Verliebtheiten, Sex, alles kein Problem, so lange es "nicht ernst" wird, so lange es ihre gemeinsame Geschichte nicht berührt. Und trotzdem lese ich die Briefe genau wie Du, liebe Iris: erstickend. Eng. Von Misstrauen geprägt. Vielleicht genau deswegen: Sie wollten eine moderne, offene, freie Liebe. Für die Konsequenzen waren sie aber beide nicht gemacht. Max Frisch hat während ihrer gemeinsamen Geschichte mehr gelitten, sie danach. Sie hat ihre Freiheit nach außen zelebriert, hat ihn verleugnet, gleich am Anfang eine Affäre mit dem luftigen Enzensberger begonnen und in Briefen mit diesem offenbar gleich die Möglichkeit einer Ehe besprochen. Was Frisch später voller Entsetzen aus heimlich gelesenen Briefen erfährt. Sie lesen überhaupt viel, um einander zu verstehen. Ein toller Notizzettel enthält Stichworte für ein Streitgespräch, weil offenbar vor allem sie mündlich oft nicht schnell und präzise genug war. Sie machte sich Notizen, um ihre Punkte zu machen. Besonders lustig finde ich, dass sie einmal sagt, sie habe Stiller gelesen, um ihn besser zu verstehen. Ausgerechnet Stiller – die Geschichte eines Mannes, der alles dafür tut, nicht erkannt zu werden. Oh, es ist so viel Komisches, Schreckliches, Tragisches in diesen Briefen … Und, ja, er hat sich schreibend gewehrt. Er hat Mein Name sei Gantenbein schon ganz zu Beginn ihrer Liebe zu schreiben begonnen. Die Geschichte des nur scheinbar Blinden, der mit der wunderschönen, bewunderten, inszenierungssüchtigen Lila zusammenlebt. Seine Behinderung ist sein Trick, um mit dieser glanzvollen Frau überhaupt zusammenleben zu können. Sie glaubt, er sieht nicht ihre Affären, ihre Lügen, durchschaut nicht ihre Lebensshow. Aber er sieht alles schrecklich genau. Es ist unglaublich, in den Briefen zu verfolgen, wie früh Max Frisch die Frau, mit der er lebte, und sich selbst in Literatur verwandelte. Früh kopierte er Briefe, um sie in den Roman einzufügen. Frisch hat das schon immer so gemacht. Schon in seinem ersten Roman Jürg Reinhart schreibt er über eine Protagonistin aus der Wirklichkeit, an der sich literarisch rächen will: "Baronin, Sie werden verwertet." Aber in diesem Fall hat es die Beschriebene früh gewusst. Sie, die später von seinem "Blutbuch" schrieb und in Fanny Goldmann klagte, "er hatte sie ausgeweidet, hatte aus ihr Blutwurst und Braten gemacht, er hatte sie geschlachtet auf 386 Seiten in einem Buch" – sie hat seinen Roman begeistert begleitet, schrieb von der Größe dieses Werkes, kannte alle Fassungen, bat ihn um Änderungen, die er alle übernahm. Nur, und das können wir in diesen Briefen lesen: Ingeborg Bachmann dachte offenbar lange, dass dieses Buch, das ihre gemeinsame Geschichte erzählte, sie zusammenhalten könnte. Er hatte seine Version der Geschichte erzählt, so würden sie ihre gemeinsame weiterleben können. Aber je weiter das Buch voranschritt, desto klarer wurde ihr: Das Buch ist das Ende. Mit diesem Buch war die Geschichte für ihn auserzählt. Abgetippt hat das Manuskript schon die nächste Frau, Marianne Oellers, spätere Frisch, die später über dem Manuskript von Montauk weinend zu Hause sitzen wird. Am Ende des Gantenbein beginnt schon die Geschichte mit ihr. Der Roman, von dem sich Bachmann am Ende vernichtet sehen wird, endet mit dem glücklichen Satz: "Leben gefällt mir." Liebe Iris, ich merke schon, je länger ich schreibe, desto mehr nähere ich mich den Anklägern von Max Frisch an. Was ja lächerlich ist. Was haben wir überhaupt zu richten über die Toten, deren Briefe wir endlich lesen dürfen. Aber man kommt ja nicht umhin, Partei zu ergreifen in diesem großen Rosenkrieg der deutschen Literatur. Oder bist Du am Ende sanfter gestimmt? Und: Was meinst du, warum hat das Ende dieser Liebe dieser Frau für immer den Boden unter den Füßen weggezogen? Ich freue mich auf Deine Antwort. Herzlich Volker Lieber Volker, Du hast vollkommen recht, wir sind Literaturkritiker und keine Richter in einem Liebeskrieg. Aber es ist unbestreitbar, dass Ingeborg Bachmann diese verrückte Liebe zu Max Frisch, die aus Literatur bestand und zu Literatur wurde, am Ende als Krieg erfahren hat. Dass sie in den dunklen Januartagen 1963, in denen Max Frisch, 51, und Marianne Oellers, 23, in der Wohnung von Marlene Dietrich in der New Yorker Park Avenue als Liebespaar logierten, im Schwesternhaus vom Roten Kreuz in Zürich lag und sich die Gebärmutter entfernen lassen musste – um gleich darauf in das Räderwerk der Psychiatrie zu geraten, mit Angstattacken, Selbstmordversuchen, Depressionen, Krämpfen, Ohnmachtsanfällen und Wahnvorstellungen. Sie hat da wenig ausgelassen. "Lange habe ich nichts gelesen, das mich so bewegt hat" Die Operation hat sie zunächst heruntergespielt. Später schreibt sie: "Ich habe kein Geschlecht, keines mehr, man hat es mir herausgerissen." In den letzten Briefen, als die Trennung schon beschlossen ist, springen die Worte "Trauma" und "meine geheimste Wunde" ins Auge. An den Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld schreibt sie über Frisch: "Ja. Er ist mein Mörder." Der Beschuldigte ist hilflos, betroffen, verliebt in das neue "Mädchen". Er bietet Bachmann Geld. Sie weist jede "Abfindung" tief verletzt zurück. Du musst bedenken, den Mordvorwurf gegen Frisch formuliert sie als Kranke. In ihrem Todesarten-Projekt weitet sie ihn aus zu einer Klage gegen das Gesamtschuldsystem Mann. Das ist nach der Trennung ihr Lebensthema: die Missachtung und die Selbstzerstörung der Weiblichkeit, der Krieg der männlichen Welt gegen die Frauen, den diese in ihrem Inneren fortsetzen, bis sie daran sterben. Es kann nicht sein, dass das alles der arme Schweizer Erfolgsautor verbrochen hat, der seine Liebesgeschichten so eindrucksvoll zu Romanen verarbeitete. Der hat ihr nur "das Herz gebrochen". Nein, ich kann nicht einseitig Partei für sie ergreifen. Aber ich nehme sie ernst in ihrer kompromisslosen Untröstlichkeit. Und ich finde, dass das unerhörte Ausmaß ihrer Verwundbarkeit in einem ausgewogenen Verhältnis zu den Schwierigkeiten stand, die sich vor einer so bedeutenden Intellektuellen in der allerletzten Epoche ungebrochener Männerherrschaft auftürmten – auch und vor allem in der Liebe. Parteiisch empfinde ich die Herausgeber, die eine (später in Montauk sogar noch recycelte) Briefstelle von Max Frisch zum Titel dieser Edition gemacht haben: "Wir haben es nicht gut gemacht." In diesem jovial-gemütlichen Max-Frisch-Satz ist das existenzielle Leiden der Bachmann nicht mehr enthalten. Er maßt sich das männlich-stellvertretende Sprechen in der ersten Person Plural an. Er verteilt Zensuren, auch an sie. Damit wäre sie niemals einverstanden gewesen. Und auch nicht mit der Überschrift des Nachworts, das die erschütternde geschlechts- und liebespolitische Sprengkraft dieser Briefe herunter dimmt zu einem achselzuckenden "gegenseitigen Verhängnis". Dieses schicksalsmilde Herbstlicht passt nicht zu diesen Liebenden, die so viel riskiert und noch mehr verloren haben. Das war's von mir. Was ich vor allem sagen wollte: Lange habe ich nichts gelesen, das mich so bewegt hat. Liebe Grüße, Iris Liebe Iris, weißt Du – vielleicht bin ich einfach harmoniefreudig wie Frisch. Auf jeden Fall möchte ich so gern das Schöne und Große und Einmalige am Ende sehen. Vor allem natürlich das Glück, das da war, diese wahnsinnige Liebe, dieses Nichtaushaltenkönnen der Größe des Gefühls von beiden. Die Angst vor dem Verlassenwerden. Dieser Wille zu unbedingten Vertrauen. Und immer wieder Scheitern. "Nichts wird wilder sein als Eure Liebe damals, bestenfalls ebenso. War sie wild? Davon sprecht Ihr nicht. In zärtlicher Schonung der Gegenwart. Oder es sei denn mit Vorwurf, der falsch ist wie jeder Vorwurf an das Leben." Das schreibt Max Frisch im Gantenbein. Du schreibst, er hat Zensuren verteilt, an beide. Ja. Aber was sind das für zärtliche, verständnisvolle, gemeinsam empfangene Zensuren im Vergleich mit ihrem in die Ewigkeit gerufenen Urteilsspruch, "Mörder"? Er hat sein Leben lang mit dieser Anklage gelebt und sein ganzes bisheriges Nachleben auch. "Eure Briefe, wenn Ihr einmal getrennt seid, erschrecken Euch fast, beseligen Euch selbst, indem Ihr schreibt mit einem Sturm vergessener Worte, mit einer Sprache, die Ihr verlernt habt." Auch das steht im Gantenbein, dem "Blutbuch". Sie sind beide lange tot. Sie haben uns Literatur hinterlassen, auch mit ihren Briefen, Literatur und damit die einzigartige Möglichkeit, mit uns völlig fremden Menschen mitzufühlen, mitzuleben, uns mitreißen zu lassen, von diesem Sturm vergessener Worte. Viele Jahre nach ihrer Trennung schrieben sie einander noch einmal kurz. Förmliche Briefe einander fremd Gewordener sind das. Gewaltsam einander fremd geworden, um sich selbst zu schützen. Er bittet sie um Gedichte, die er in einer amerikanischen Anthologie, die er zusammenstellt, aufnehmen kann. Sie nennt ihm fünf Gedichte. Jedes von ihnen ist ein vollendetes Kunstwerk, jedes zeugt von einer Erschütterung, die bleibt. Eines, Eine Art Verlust, endet so: "Aus dem Seeblick hervor ging meine unerschöpfliche Malerei. / Von dem Balkon herab waren die Völker, meine Nachbarn zu grüßen. / Am Kaminfeuer, in der Sicherheit, hatte mein Haar seine äußerste Farbe. / Das Klingeln an der Tür war der Alarm meiner Freude. // Nicht dich hab ich verloren, / sondern die Welt." Liebe Iris, es war schön, mit Dir Briefe zu schreiben über diese beiden. Dein Volker XXXXXXXXXXXXXXXXXXX Kommentare 11 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren Neueste zuerst Nur Leserempfehlungen Andreas Lerner Lerner #1 — vor 4 Tagen 11 Danke für diesen Briefwechsel, liebe Autoren! Lange nicht mehr hat mich ein kurzes Stück Literatur (ja, das ist es ebenso) so sehr bewegt, in meine Tiefe geführt, und mich auf schönste Weise zurückgeführt zu der Literatur meiner Jugend, die schon fast vergessen war! Herzlichen Dank dafür! Andreas Lerner LasstWinnetouNachSachsen #1.1 — vor 2 Tagen 1 Hatte ich auch erst mal gedacht, bis ich erfuhr, dass Ingeborg Bachmann sich vehement der Veröffentlichung der (Liebes-) Briefe widersetzt hat. Sie forderte die Briefe von Frisch zurück, der sie behielt. Nun wird der Briefwechsel also doch gegen Ingeborg Bachmanns ausdrücklichen Wunsch in die Öffentlichkeit gezerrt. Und so ist dieser ganze sensationelle, die Literaturinteressierten und -voyeuristen bedienende Rummel ein fortgetzter Vertrauensbruch. An dem viele - auch Feuilleton-Redaktionen - am Sensationsgeschäft teilnehmen. Avatarbild von Inaflorin Inaflorin #2 — vor 4 Tagen 8 Sehr schön! Danke. Con Alma #3 — vor 4 Tagen 13 Danke für diesen einfühlsamen Schriftwechsel über einen faszinierenden Briefwechsel. Die durch die Namen der Autoren geweckten Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Ein echter Volltreffer und ein Glanzstück kenntnisreicher und mitreißender Literaturkritik. Iris Radisch & Volker Weidenmann sollten als "Literarisches Duett" häufiger in Erscheinung treten! Anneessens #3.1 — vor 1 Stunde Jaaaaaaa zum 'Literarischen Duett'. An wen muss man da schreiben, um diese Idee weiter und näher an eine Realität zu bringen ? Denn V.W. fehlt uns mit seinem trockenen Humor und seiner vornehmen Zurückhaltung dank der er den Gästen Zeit und Platz zur Verfügung stellte. Das ist nun leider nicht mehr so. Ich spreche vom 'Literarischen Quartett', falls das unklar war. Und Iris Radisch wäre mit ihrer Begeisterungsfähigkeit ein tolles Pendant. nicola.maus #4 — vor 4 Tagen 11 Eine schöne Idee, Briefe über Briefe auszutauschen.