NICHT ABGESANDT am 31. Oktober 2022 Liebe Gertraud, lieber Bernd, In den Dateien meines Rechners befindet sich so mancher Briefentwurf an Euch mit der Überschrift "Nicht abgesandt", und es ist möglich, dass auch aus diesem Versuch ein solches Versagen wird. Aber das tätige Gemüt verfügt über seine eigene Beharrung, und es gibt keinen Kippschalter mit dem man es ab- und wieder anzuschalten vermöchte. Ich weiß es aus Erfahrung: der Gedanke, und besondes er, will geschmiedet sein eh er verkühlt. Wenn aber ein Kippschalter - oder irgend ein anderer elektrischer Schalter in ein verschränktes fehlerhaftes Netz gebunden ist und man meint ihn trotzdem anstellen zu sollen, dann gibt es einen kleinen Puff, vielleicht einen Funken, der Stromkreisunterbrecher bewährt sich oder die Sicherung schmilzt, und statt mit elektrischem Licht die künstlische Verlängerung des Tages zu genießen, steht man im Dunkeln und tastet die Wand des plötzlichen Kerkers mit den Fingerspitzen ab, um den Ausweg an die Tür zu finden. Heute Morgen, - oder genauer und ehrlicher - heute Mittag erwachte ich mit den an Wallenstein gerichteten Worten im Gedächtnis die Schiller etwa 18 Jahre nach dem Erscheinen der Kritik der reinen Vernunft dem Illo in den Mund legt: Oh! du wirst auf die Sternenstunde warten, Bis dir die irdische entflieht! Glaub mir, In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne. Vertrauen zu dir selbst, Entschlossenheit Ist deine Venus! Der Maleficus, Der einz'ge, der dir schadet, ist der Zweifel. Einstein hat sich kürzer gefasst mit seinem Wahlspruch: "Es lebe die Unverfrorenheit!" Till Eulenspiegel hatte es ihm vorgemacht. Heute Nachmittag, im hellen Sonnenlicht des letzten Oktobertages, meine ich Ähnlichkeiten zu erkennen zwischen den verschiedenen "Kopernikanischen Wendungen", jener bei welcher Copernicus entdeckte dass nicht die Sonne um die Erde, sondern umgekehrt, die Erde um die Sonne kreist; jener bei welcher Kant entdeckte dass die Wirklichkeit des Erkannten nicht in den "unzählbaren" Sternen sondern im Vorstellungsvermögen des Einzelnen zu suchen ist; jenem "kopernikanischen" Rat den der Kantianer Friedrich Schiller seinem Illo als Anweisungen an Wallenstein in den Mund legte: "In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne," und schließlich - wage ich es auszusprechen, - dem eignen Denken. Inzwischen habe ich weiteres über Tycho Brahe, über Kopernikus, Kepler, Galileo, und Isaac Newton als die Begründer der modernen mathematischen Physik nachgelesen. Ich suchte - und suche immer noch - den Übergang von der Astrologie in die Astronomie, von der aristotelischen in die neuzeitliche Physik, von der Alchemie in die heutige quantenphysikalische Chemie. Dabei entdecke ich, dass im Dreißigjährigen Krieg, Johannes Kepler bei zwei Gelegenheiten für den Oberbefehlshaber Wallenstein der kaiserlichen Armee, Horoskope verfasst hat in denen Kepler, der in Astrologie bewandte Entdecker der Planetenbahnen dem Abenteuerer Wallenstein für sein Todesjahr 1634 große Schwierigkeiten vorhersagte. Von Isaac Newton wird berichtet, dass er nach und trotz seinen bahnbrechenden Arbeiten auf den Gebieten der Physik und der Sternenkunde, sich an seinem Lebensabend mit weiteren alchemischen Untersuchungen und theologischen Spekulationen tröstete. Dabei stellt sich mir die Frage, worin denn eigentlich der Unterschied zwischen den alten Wissenschaften, der Astrologie und Alchemie einerseits und andererseits, den modernen Wissenschaften wie etwa Kosmologie und Quantenmechanik bestehen möchte. Ich erkläre mir die Wissenschaften, die alten so wie die neuen, als aus der jeweiligen Gesellschaft entspringende und in sie verankerte Religionen, die den jungen Menschen in ihren Elternhäusern, in ihren Schulen von Lehrern und Lehrerinnen wie Ihr, und zuletzt auf den Universitäten, eingeimpft werden, welche den Gemütern der Erwachsenden die Maßstäbe des Wirklichen, des Wahren und vielleicht auch des Heiligen einpflanzen. In Bezug aber auf die zeitgenössischen Wissenschaften bin ich verdammt mit Heinrich Faust zu klagen: Was sucht ihr, mächtig und gelind, Ihr Himmelstöne mich am Staube? Klingt dort umher, wo weiche Menschen sind. Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind. .... So etwa lautet meine Relativitätstheorie. In diesem Zusammenhang versuche ich vergebens die Unterscheidung zu treffen zwischen meinem Unverständnis der mittelalterlichen Wissenschaften, zum Beispiel der Astrologie oder der Alchemie, und meinem Unverständnis der modernen Wissenschaften, zum Beispiel der Quantenfeldtheorie oder der allgemeinen Relativitätstheorie. Ist es ein Missverständis meinerseits anzunehmen, dass die Lehren der Astrologie und der Alchemie wenn ich sie mir gewissenhaft, inständig und langwierig genug einprägen würde, mich ebenso zwingend und überzeugend anmuten würden wie die Lehren von Hilberträumen, von Quantenfeldtheorie oder von der allgemeinen Relativitätstheorie es tun sollten, angenommen, dass ich mich den alten überholten Lehren mit vergleichbarer Leidenschaft und mit vergleichbarer Überzeugung - und vergleichbarem Glauben - widmete, wie den modernen fortschrittlichen Lehren? Bei genauerer Betrachtung stellt sich dann heraus, dass die neueren und die neuesten Lehren keineswegs so unbestritten und so unbestreitbar sind wie man aus Inhalten von Vorlesungen, Übersichtsartikeln, Handbüchern und Examen schließen möchte. Der überzeugendste und schlüssigste Hinweis auf die Vorläufigkeit des wissenschaftlichen Wissens ist die Tatsache dass es ohne beständige Erneuerung und Verbesserung nicht zu bestehen vermag. Weil ich selbst so erpicht bin auf mein eigenes Wissen und Verstehen, bin ich geneigt zu übersehen, zu vergessen dass auch dies Wissen, wie meine Sprache ein gesellschaftliches Geblüt ist. Nicht nur das Wissen selbst, sondern auch dessen Bewertung, die Unterscheidung zwischen Gültigkeit und Täuschung, die Auswahl des Wissenswerten ist nicht nur gesellschaftlich beeinflusst, nein, sie sind gesellschaftlich bestimmt. Ich betrachte Johannes Kepler, den Astrologen der für Wallenstein zwei Mal ein Horoskop verfasste, denselben Astronomen und Mathematiker der die elliptischen Bahnen der Planeten unseres Sonnensystems entdeckte - oder sollte ich schreiben erfand - der also zugleich in der alten und in der neuen Wissenschaft bewandert war, als eine Übergangsgestalt, in welcher sich beide, das alte und das neue Wissen spiegeln. Offensichtlich war Kepler mit dem Glauben an beide, an die alte und an die neue Wissenschaft begnadet. Und auf den Glauben kommt es an. Demgemäß lege ich mein Unwissen als ein Gebrechen, als Unglauben aus. Das eigentliche Wissen ist ein Verstehen, und als solches ist es alles andere als willentlich. So wie mein Gemüt vom Licht gebadet wird, wenn ich des Morgens die Augen öffne, so sollte es auch unwillkürlich auf die Vorstellungen der Wissenschaft reagieren. Wenn es sich dazu unfähig erweist, wird meine Blindheit mir zum Schicksal. Vielleicht weil ich meine zu erleben, dass das Wissen selig macht, hege ich die reformatorische Offenbarung, dass der Glaube der Schlüssel nicht nur zur Seligkeit sondern auch zum Wissen ist. Ich richte meine Gedanken auf die Bereiche der sogenannten reinen Mathematik, auf die Quantentheorie, besonders auf die Quantenfeldtheorie, auf das Standard Modell der atomaren Teilchen, auf das Standard Modell der Kosmologie auf all die wissenschaftlichen Geheimnisse um deren Verständnis ich ringe. Jedes hat seine Eigenschaften, jedes ruft besondere Erwägungen hervor, und wenn ich dieses oder jenes nicht verstehe, so ist es weil mir der Glaube fehlt, weil ich das mir Unverständliche nicht zu erleben vermag, und es deshalb meinen Geist als unglaublich anmutet. "Es lebe die Unverfrorenheit" war nicht nur der Wahlspruch von Albert Einstein sondern auch von Till Eulenspiegel. Wieder einmal bitte ich um Entschuldigung, und sende Euch beiden meine herzlichen Herbstgrüße. Euer Jochen