am 30. Oktober 2022 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Vielen Dank für Euern Brief, und besonderen Dank, dass Ihr Euch über den Inhalt meines letzten Schreibens nicht geärgert habt. Bei fast jedem Brief an Euch bedenke ich die fast zwangsmäßigen Stellungnahmen, zu denen ich mich in Betreff auf Eure Vorschläge veranlasst fühle. Auch diese Neigung, wie so viel in meinem Leben, stammt aus meiner Kindheit, wo meine Eltern darauf bestanden, dass die eindeutige Aussprache jedem Gedanken, jedem Gefühl, jeder Ahnung und jeder Sorge gerecht zu werden vermöchte. Die ewig wiederkehrende Frage, "Was denkst du?" bedurfte letzten Endes aber kaum einer Antwort, denn meine Mutter beanspruchte auch unausgesprochenen Gedanken zu ergründen, und wenn ihr eine meiner Aussagen über mein Denken nicht genügte, sagte sie mir ins Gesicht: "Du lügst." Dabei bin ich mir bewusst, in welchem Ausmaß jene nimmer erschlaffenden Diskussionen, - "Auseinandersetzungen" wie wir sie nannten - den Stil meines Lebens bis auf heute geprägt haben. Später, nachdem sich ihre Familie aufgelöst, und ich mich verheiratet hatte, waren es meiner Mutter drei Hunde deren Seelen sie meinte erforschen zu können. Indem ich so schreibe, möchte ich anerkennen und betonen, wie sehr ich Eure liebevollen Beziehungen zur Natur bewundere, zu all den Blumen und Pflanzen, zu all den fliegenden, laufenden und kriechenden Tieren, zu den Schmetterlingen, Käfern und zu allen anderen Insekten. Ich muss der Versuchung widerstehen, Schuld für mein diesbezügliches Versagen auf meine Knochen und Gelenke zu schieben, obgleich sie es mir fast unmöglich machen auch nur von dem Stuhl auf dem ich sitze aufzustehen, geschweige denn die Treppen hinab durch die Hintertür nach draußen zu gelangen um im Hintergarten auch nur den kürzesten Spaziergang zu machen. Vielmehr scheint mir, dass es sich um ein Unverständnis meinerseits handelt, ein Missverständnis das schon in der schlichten Beziehung zwischen Nathaniels Hund und mir in Erscheinung tritt. Mich sehnt es mit dem Hunde wie mit einem Menschen umzugehen, aber der Hund ist kein Mensch und kann für meine Gedanken und für meine Gefühle kein Verständnis haben. Nathaniel, glaube ich, hat recht mit seiner Behauptung der Hund betrachte mich als wenig mehr denn einen Delikatessenautomat. Da ahne ich eine Erlebniskluft zwischen dem Hund und mir, die zu überbrücken mein Humor nicht reicht. Wenn mein Kopf zum Schreiben zu müde ist, oder anderweitig zu leer lese ich auf dem Bildschirm in LeMonde und freue mich bei den verschiedenen Aufsätzen am Klang und an der Melodie der zauberhaften französischen Sprache bis sie sich mir mit dem Satz "La suite de cet article est réservée aux abonnés," entzieht. Dann muss ich aufhören, denn zu abonnieren hieße in meinem folgerichtigen Haushalt mich zu täglichem umfänglichen Lesen zu verpflichten, und dafür hab ich viel zu viel anderes im Sinn. Neulich stieß ich in Le Monde auf die Besprechung eines Buches, "L'animal et la mort, Chasses, modernité et crise du sauvage" von einem Anthropologen Charles Stépanoff, http://las.ehess.fr/index.php?2243 mit den Thesen: La modernité a divisé les animaux entre ceux qui sont dignes d’être protégés et aimés et ceux qui servent de matière première à l’industrie. Comment comprendre cette étrange partition entre amour protecteur et exploitation intensive ? Parce qu’elle précède cette alternative et continue de la troubler, la chasse offre un point d’observation exceptionnel pour interroger nos rapports contradictoires au vivant en pleine crise écologique. À partir d’une enquête immersive menée deux années durant, non loin de Paris, aux confins du Perche, de la Beauce et des Yvelines, Charles Stépanoff documente l’érosion accélérée de la biodiversité rurale, l’éthique de ceux qui tuent pour se nourrir, les îlots de résistance aux politiques de modernisation, ainsi que les combats récents opposant militants animalistes et adeptes de la chasse à courre. Explorant les cosmologies populaires anciennes et les rituels néosauvages honorant le gibier, l’anthropologue fait apparaître la figure du « prédateur empathique » et les rapports paradoxaux entre chasse, protection et compassion. Dans une approche comparative de grande ampleur, il convoque préhistoire, histoire, philosophie et ethnologie des peuples chasseurs et dévoile les origines sauvages de la souveraineté politique. Au fil d’une riche traversée, cet ouvrage éclaire d’un jour nouveau les fondements anthropologiques et écologiques de la violence exercée sur le vivant. Et, en questionnant la hiérarchie morale singulière qu’elle engendre aujourd’hui, il donne à notre regard sensible une autre profondeur de champ. Ich finde keine Notwendigkeit Charles Stépanoffs Behauptungen weder mit Eueren noch mit meinen Beziehungen zur Tierwelt zu vereinbaren. Mich verlockte an diesem Artikel die tatsächlich so seltene theoretische Erörterung der Beziehungen zwischen Mensch und Tier. Ich erinnere Albert Schweitzers Theorieen von der "Ehrfurcht vor dem Leben" die ich Euch gegenüber erwähnt haben möchte. Mit dem was Stépanoff anbietet sind sie unvereinbar. Jeden Nachmittag finde ich in meinem e-mail Postfach eine Sendung Auszüge aus der Braunschweiger Zeitung mit der Überschrift "Ihre News aus Braunschweig" die ich sehr flüchtig überlese um mich zu erinnern in welch unerreichbarer Ferne meine Kindheit liegt; und doch behauptet sie sich immer wieder wenn plötzlich Erinnerungen an fast belanglose Lieder und Gedichte auftauchen, wie etwa an die Heidelieder von Hermann Löns. Fast jeden Nachtmittag um 14 Uhr lasse ich die ARD Tagesschau-20 auf dem Bildschirm meines Rechners erscheinen und verwundere mich über die Unterschiede zwischen der öffentlichen Welt und der privaten in der ich zuhause bin. Ich kann nicht sagen, dass mir die Politiker Kopfschmerzen machen, aber sie tun mir leid. Eure Einsichten und Ansichten über die Politik interessieren mich. Herzliche Grüße and Euch beide. Euer Jochen.