am 14. Oktober 2022 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Heute sind sieben Jahre vergangen seit Margaret starb. Vielen Dank für Euern Postbrief vom 28.9. der gestern, also etwa zwei Wochen unterwegs, wenn auch mit unleserlichem Abgangsstempel, hier ankam. Ihr fragt nach den Beziehungen zwischen dem Hund und mir. Im Anhang zu diesem Brief, um Eure Phantasie zu schüren, ist ein Überwachungsbild von einer elektronischen Kamera die Klemens vor Jahren einbaute um von überall mit seinem Telephon feststellen zu können, ob ich zur Zeit am Tisch sitze, im Bett bin, oder auf dem Fußboden liege. Ihr seht den Hund, wie er mit Vorliebe aus dem Fenster guckt. Ihr seht das Bett, ihr seht den Tisch mit meinem Klapprechner, und dahinter die Fenster mit dem Blick durch die vier großen Scheiben auf die jetzt noch grünen, bald aber kahlen Bäume. Meine Beziehung zum Hunde ist problematisch. Ich glaube er würde am liebsten den ganzen Tag und die ganze Nacht auf meinem Bett liegen, als dem ihm am weichsten und bequemsten Ruheort. Am Tage stört er mich nicht; des Nachts aber ist er auf dem Bett meinen Beinen, die ich sowieso ansonsten kaum umzustellen vermag, im Wege. Deshalb hab ich Nathaniel gebeten den Hund übernacht anderswo als in meinem Zimmer zu beherbergen. Seit einigen Tagen aber bleibt der Hund auch tagsüber fort, oder wird fortgehalten. Nathaniel bemängelt, der Hund betrachte mich lediglich als Leckerbissenautomat den ich mit meinen Delikatessenabgaben zur Liebe verführt habe, und der infolge meiner schmackhaften Gefühlsbezeugungen zu schwer wird. Es mag auch sein, dass Nathaniel ein wenig eifersüchtig ist, weil, aus welchen Gründen auch immer, es dem Hund besser gefällt bei mir. Meinerseits kann ich nicht sagen, dass ich den Hund entbehre. Ich erlebe meine Beziehung zu ihm und seine Beziehung zu mir als die äußerste hermeneutische Problematik. Was heißt es, frage ich mich und frage ich Euch, ein fremdes Wesen, sei es Mensch oder Tier, zu verstehen oder von ihm verstanden zu werden? Wenn Nathaniel sagt, "sit", dann setzt sich der Hund, wenn Nathaniel sagt, "come", dann kommt er. Wie unterscheide ich Dressur von Verständnis? Inwiefern betrachtet Ihr, Lehrer die Ihr nun einmal seid, die Fähigkeiten die ihr Euern Schülern habt angedeihen lassen als Verstehen und inwiefern als Dressur? Gewiss ist das Wedeln seines Schwanzes wenn der Hund meine Stimme hört, oder meine streichelnde Hand auf seinem Rücken fühlt, nicht Dressur, sondern Ausdruck wenn nicht seines Verständnisses, dann vielleicht seiner Gefühle. Was besagt es über mich und über mein Denken und Fühlen, dass es mir unmöglich ist viele mathematische Sätze als anschaulich auf- und anzunehmen; dass sie zu lernen ich statt dessen als eine Dressur empfinde in die mich zu fügen, eine der übrigbleibenden Aufgaben meines zuendegehenden Lebens ist? Wie stets, entschuldige ich mich für meine Gedanken und sende Euch meine herzlichen Herbstgrüße. Euer Jochen