NICHT ABGESANDT Liebe Gertraud, lieber Bernd, Dass ich mit diesem Entwurf einer Antwort an Euch nicht warte bis ich Euern Brief tatsächlich empfangen habe, rührt von der Tatsache dass nicht nur all mein Schreiben, sondern auch meine Denken ein Austausch ist, eine Hinwendung nicht an mich selber, sondern an einen anderen, von dem ich sehr wohl weiß dass meine Gedanken ihm gleichgültig, wenn nicht gar widerwärtig sind, dass mein Schreiben für den Empfänger eine Belästigung darstellt, wenn nicht gar ein Ärgernis. Seit Monaten, wenn nicht gar seit Jahren, beschäftigt mich die Vorstellung, dass all mein -, dass all unser Denken als seinen gemeinsamen Nenner die Sprache hat und letzten Endes nur durch die Sprache zugänglich ist, dass aber der Sinn der Sprache nicht nur vom Sprechenden oder Schreibenden gestiftet wird sondern in vergleichbarem Maße vom Hörenden oder Lesenden. Ich betrachte das Gedicht als den äußersten und endgültigsten Ausdruck der Sprache, besonders insofern als das Gedicht auf anderweitig unscheinbare unaufweisbare Bereiche des Erlebens hinweist. Ich muss zugeben und möchte betonen dass das Erleben in diesen Bereichen nicht mitteilbar ist. Es gibt kein gemeinsames Verständnis von Gedichten. Was der eine beim Lesen eines gegebenen Gedichts denkt, fühlt oder anderweitig erlebt, wird im Text des Gedichts gespiegelt. Jeder Leser sieht in Text des Gedichts das Spiegelbild nur seines eigenen Geists, eine Spiegelbild das weder mit dem Geist des Dichters übereinstimmt, noch noch mit dem Geist irgendeines anderen Lesers. So ergibt sich das Gedicht als eine nur scheinbare und letzthin unüberquerbare Brücke zwischen zwei Geistern oder, wenn man will, zwei Seelen. So steht das Gedicht steht als Monument, als Merkmal, zugleich der Zusammengehörigkeit und der Getrenntheit zweier Gemüter. Dies mein Erleben der Dichtung dient mir nun als Rahmen, als Matrize meiner Deutung der Sprache überhaupt. Ich habe viele Jahre über Sinn und Bedeutung der Philosophie nachgelesen und nachgedacht. Ich komme zu dem Beschluss dass auch diese Schriften am sinnvollsten (sinnigsten) als Dichtung, als Gedichte, gedeutet werden müssen; dass sie verständlich sind, nur insofern jedem Leser das Recht eingeräumt wird sie in eigener Weise zu verstehen und zu deuten. Dass das Verständnis, das Beherrschen philosophischer Lehren darin besteht sie eigens,im Rahmen des eigenen Erlebens sie zu rekonstruieren. Weil die Anregung zum Entwickeln philosophischer Gedanken eine sprachliche ist, so mag die Entwicklung philosophischen Verständnisses als Erweiterung und Vertiefung der Sprachfähigkeiten des Einzelnen verstanden werden. Nikolai Hartmann's Ästhetik mag als Beispiel dienen. Und in den Geisteswissenschaften,sogenannt, Fritz Strich's Deutsche Klassik und Romantik. Wie fügensich andere Disziplienen, wie etwa Physik und Mathematik diesem Schema?