am 19 September 2022 Liebe Gertraud, lieber Bernd, habt vielen Dank für Euern Brief aus dem Bayrischen Wald. Er erinnerte mich an die eintägige Stippvisite dorthin, die Margaret und ich etwa im Jahr 1992 machten, mit dem Aufstieg auf den Lusen, auf dessen Spitze ein großes hölzernes Kreuz mich mahnte, dass ich mich auf keinem Gipfel in New Hampshire verirrt hatte. Heutzutage, wie Ihr wisst, wage ich nicht einmal mehr den Ab- und Aufstieg in den zweiten Stock. Gestern verbrachte ich mehrere Stunden mit dem Anschaun auf dem Bildschirm des Rechners von Photographien vergangener Tage und Zeiten, und immer wieder fordere ich mein Gedächtnis mich in vergangene Welten zurückzutragen. Aber vergebens, und das Einzige was geschah, war schwafelndes Erwägen von der Unerreichbarkeit all dessen was vergangen ist, und demzufolge über das eigentliche Wesen der Zeit. Mir fällt auf, je behinderter und beschränkter meine Beweglichkeit auf der Erde, umso ungezügelter die Streifzüge in den Bereichen der Phantasie und der Gedanken die ich mir erlaube. Heute Nachmittag vertat ich fast eine Stunde mit dem Anschauen eines Film im ARD von den Begräbnisfeiern für die verstorbene englische Queen, von der die Deutschen erzählen als ob sie das Wort Königin nie gehört hätten. Dabei musste ich an Heine denken: Gedächtnisfeier Keine Messe wird man singen, Keinen Kadosch wird man sagen, Nichts gesagt und nichts gesungen Wird an meinen Sterbetagen. Doch vielleicht an solchem Tage, Wenn das Wetter schön und milde, Geht spazieren auf Montmartre Mit Paulinen Frau Mathilde. Mit dem Kranz von Immortellen Kommt sie, mir das Grab zu schmücken, Und sie seufzet: »Pauvre homme!« Feuchte Wehmut in den Blicken. Leider wohn ich viel zu hoch, Und ich habe meiner Süßen Keinen Stuhl hier anzubieten; Ach! sie schwankt mit müden Füßen. Süßes, dickes Kind, du darfst Nicht zu Fuß nach Hause gehen; An dem Barrieregitter Siehst du die Fiaker stehen. Was in diesen Tagen in England vor sich geht ist eine maßlose Ausstellung des menschlichen Herdeninstinkts die mich beschämt und beängstigt, da ich es bis jetzt unterlassen habe Margarets Asche auszustreuen, wohl weil kein Ort mir dafür heilig genug erschien. Jetzt bin ich zu alt und zu verkrüppelt. Ich hatte sie (die Asche) vorläufig in der Schublade in unserem gemeinsamen Schlafzimmer untergebracht, und nun muss diese Asche dort warten bis man sie, hoffentlich in nicht allzu langer Zeit, mit der meinen vermischen kann. Mein Schreiben wurde in den jüngst vergangenen Tagen durch die Betriebsstörung des von mir bevorzugten Rechners behindert. Es war durch meine Schuld gekommen, denn ich hatte eine heiße elektrische Glühbirne zu nah an den äußeren Rand des geöffneten Deckels des Klapprechners gestellt. Dieser Rand, scheinbar aus hitzeanfälligem Kunststoff, war teilweise geschmolzen und im Verlauf der Monate hatte sich der in den Deckel geklammerte Bildschirm gelöst und war schließlich unbrauchbar geworden. Meine Versuche meine verschiedenen Rechner instand zu halten ist das Nachspiel von lebenslangem Tändeln mit der Elektrotechnik. Einzelheiten bleiben Euch erspart, weil ich mich mit der verunreinigten technischen Sprache nicht abzufinden vermag. So viele, fast alle technischen Ausdrücke sind unlegiert aus Fremdsprachen übernommen. Ich komme mir lächerlich vor, wenn ich mich Ausdrücken wie etwa, der Computer, die Hardware, die Software, der USB Stick sperre, während ich es seit meiner Kindheit zufrieden war im Auto oder mit dem Bus zu fahren, meinen Sweater anzuziehen um nicht zu kalt zu werden, und zu versuchen zu lernen, wie man die verschiedensten Apparate und Instrumente repariert. Und warum sollte es annehmbarer sein über das Programm zu schreiben als über die Software? über ein Operating System als über ein Betriebssystem? um von Varianten statt Alternativen, oder umgekehrt, zu schweigen. Ich denke eine erkünstelt von Fremdwörtern bereinigte Privatsprache wäre anstößiger noch als die üblichen gemixten Pickel. Eine andere Wahl wäre das Deutsch in den Schrank zu stellen und über die zeitgenössische Technik auf Englisch zu erzählen. Vielleicht wäre es aber das Beste zu schweigen. Und das will ich tun, aber nicht ohne meine herzlichen Herbstgrüße an Euch beide. Euer Jochen