am 8. September 2022 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Vor etwa zwei Stunden brachte mir Nathaniel Euern Postbrief vom 24.8. mit den so anheimelnden Bildern von Euch beiden, von Bernd, von Euerm Haus, und von Euerm Garten. Habt vielen Dank. Das von der ZEIT inszenierte Gespräch zwischen Jasha Nemtsov und Christian Thielemann über Richard Wagner und sein Festspielhaus in Bayreuth ist mir so anregend, dass ich kaum weiß wo ich aus meiner Froschperspektive die unvermeidlich ungebührlichen Erwägungen ansetzen soll. Der Name Thielemann ist mir seit meiner Kindheit, längst vor der Geburt von Christian, geläufig. Otto Thielemann, ein braunschweiger sozialdemokratischer Redakteur, von Anfang an beredter Gegner der Nationalsozialisten und von ihnen 1936 in Dachau ermordet, war ein so geläufiges Thema bei den Tischgesprächen im Elternhause, dass ich unter dem Eindruck aufwuchs, Otto Thielemann sei ein entfernter Verwandter meiner Mutter. Seinen Namen habe ich nie vergessen. Wahrscheinlich war Otto weder mit meiner Familie noch mit Christians verwandt, denn laut dem Internet tragen ungefähr 4,521 Leute den Nachnamen Thielemann, der tatsächlich 103,911. häufigste in der Welt. Ich selber habe mich niemals nach Bayreuth gewagt ebenso wenig wie auf die Reeperbahn in Hamburg. Ich betrachte das Festspielhaus als eine Venusbergwabe in welcher Christian wie ein zeitgenössischer Tannhäuser den Honig schlemmt, ein Seelenbordell das auch durch das Gastieren dort von Giacomo Meyerbeer nicht bereinigt würde, nicht einmal wenn Felix Mendelssohns Musik dort ertönte. Ob auf irgendeiner Wartburg eine Elisabeth wartet um Christian zu erlösen, und ihn zur Beichte nach Rom zu bugsieren, weiß ich natürlich nicht. Tannhäuser ist die einzige Oper von Wagner mit der ich einigermaßen vertraut bin, und dies zum Teil weil ich mich als 15 jähriger Abiturient an der Germantown Friends School bei der Metropolitan Opera, bei einer Tannhäuseraufführung in der Philadelphia Academy of Music, South Broad Street, Ecke Walnut Street, als Komparse anheuerte. Man gab mir, ohne mir einen Lohn anzubieten, ein Fahne in die Hand die ich feierlich in Gesellschaft der anderen Geladenen zum Sängerstreit in der Wartburg auf die Bühne trug. Als Vergütung verwies man mir dann den Eintritt in den Konzertsaal zum letzten Akt. Das Gepräch zwischen Nemtsov und Thielemann ist mir - und hier kommt die Froschperspektive - vorab wegen seiner Belanglosigkeit bedeutsam; denn weder der eine noch der andere erreicht die Fragen die mir wesentlich erscheinen. Nemtsovs Vorschlag Wagners Antisemitismus aufzuwiegen in dem man Meyerbeer einlädt das Festspielhaus mit Wagner zu teilen, finde ich zugleich bedauerlich und bezeichnend für die Seichte von politischer Korrektheit (political correctness) welche in so markanter Weise den Schein mit der Wirklichkeit verwechselt, derselbe geistige Unfug welcher uns befiehlt statt von Lehrern und Schülern, von LehrerInnen und SchülerInnen zu schreiben. Die Beschreibung von Wagners Bemühungen um den Ruhm seiner Dichtung, seiner Musik, seines Schauspielhauses und letztlich seiner selbst, ist ein Thema von außerordentlichem persönlichen Interesse für mich. Mein verstorbener Freund Helmut Frielinghaus versicherte mir, die bestimmbare Qualität eines jeden gegebenen Schriftstückes würde sich im Laufe der Zeit durch seine Beliebtheit unweigerlich kundgeben, versagte dann aber in dem Versuch als Verleger sein vermeintliches Verständnis für die öffentliche Annehmbarkeit von Büchern in wirtschaftlichen Erfolg zu übersetzen. Wagners monumentaler gesellschaftlicher Erfolg aber hat sich durch selbstbewusste Förderung seines Schaffens und seiner Person ergeben. Wieder einmal erinnere ich Goethe: Man merkt die Absicht und man ist verstimmt. (Tasso) Ich weiß von keinem Schriftsteller der nicht darum besorgt und bekümmert war, bekannt zu werden. Das ist es ja, weshalb ich von ihnen weiß!! Auch solche, wie etwa Kierkegaard, der mit dem Ruhm verstecken spielte, mit seinem literarischen Versagen protzte und sich zierte "nur einen einzigen Leser" (hiin enkelte) zu haben, verausgabten zuweilen ihre ganze Erbschaft um ihre Schriften drucken zu lassen. Hölderlin beklagte dass die Weimaraner, Goethe und Schiller, von ihm nichts wissen wollten, und Verzweiflung um die Tatsache dass trotz, nein, dass wegen ihrer Größe, seine Schriften unbeachtet blieben, hat zu Kleists Selbstmord beigetragen. Ebenso waren von Hofmannsthal, Rilke und George um Anerkennung und Ruhm bemüht. Es ist unverkennbar dass Wagner auf Ruhm erpicht war, und dass die Kunst ihm das Mittel zum Zweck war. Wagners Antisemitismus war ein weiterer Ausdruck seines Willens zur Macht. Der Schriftsteller verdankt seinen Ruhm dem Kritiker. Um die 1900 Jahrundertwende hat Georg Brandes Kierkegaard und Nietzsche zu dem ersehnten Ruhm verholfen. In unserer Zeit sind es Kritiker wie Marcel Reich-Ranicki mit seinem Literarischen Quartett denen die Schriftsteller ihren "Erfolg" verdanken. Kaum ein Leser vermag unabhängig zu lesen und zu urteilen. Das Lesenswerte wird nicht vom eigenen Verständnis sondern von der "best seller list" einer Zeitung, wie etwa der New York Times bestimmt. Man liest, nicht um ein Einzelner zu werden, sondern um sich zu versichern, dass man ein Teil der geistigen Herde ist. Mein, und unser aller, Wissen und Verständnis der Literatur ins besondere und der Kunst im allgemeineren, beruht auf den Kunstwerken die uns überliefert sind, und deren Überlieferung beruht erstens auf der Entschlossenheit der beliebigen Künstler berühmt zu werden, beruht wiederum auf der Empfänglichkeit der jeweiligen Gesellschaft in welche diese Kunst sich ergoss. Wir möchten glauben, und wir bilden uns ein, dass die Überlieferung von Kunstwerken sich nicht aus purem Zufall, sondern aus einer idealen prästabilierten ästhetischen historischen Notwendigkeit ergäbe. Dies aber ist nicht der Fall, und vielleicht ist es unsere wesentlichste Aufgabe uns mit der Zufälligkeit unserer körperlichen und geistigen Existenz abzufinden. Und für mich ist nun diese vermeintliche Erkenntnis der Zufälligkeit literarischer Überlieferung und Anerkennung eine außerordentliche Befreiung die es mir ermöglicht fast unablässig all die Stunden meines Wachens mit dem Entwickeln und Niederschreiben meiner Gedanken zu verbringen, ohne Bedenken dass sie von irgend einem gelesen, und wenn gelesen keinem gefallen würden. Ich wäre der erste zuzugeben, nein zu behaupten, dass meine ausposaunte Zufriedenheit mit meiner Unauffälligkeit der Inbegriff der Sauerheit unerreichbarer Trauben ist. Nichtsdestoweniger, mit dem hinterlistigen Gedanken dass meine Gedanken vielleicht doch einen Wert haben möchten, trage ich sie gewissenhaft in die Rechnerkarteien meines Netzorts http://ernstjmeyer.ddns.net ein. Dieser Netzort entspricht dem Zylinder in einem Witz der in meinem Elternhaus kursierte: Ein Mann mit einem Zylinder auf dem Kopf sitzt anderweitig splitterhagelnackt in seinem Arbeitszimmer. Da klopft es, und sein Freund tritt durch die Tür und fragt: "Was machst du denn da, in deinem Adamskostüm?" Empfängt die Antwort, "Es kommt ja doch keiner?" "Und was soll der Zylinder auf deinem Kopf?" Da sagt der zylindrierte Nackte, "Ja, vielleicht kommt doch einer." Herzliche Spätsommergrüße an Euch beide, Euer Jochen