Liebe Gertraud, lieber Bernd, Dank, wie stets für Euern Brief, diesen aus Würzburg. Ich besinne mich an Margarets und meinen Besuch dort im Jahr 1992, auf dem Rückweg von Dinkelsbühl,Rothenburg und Creglingen. Wir stiegen auf den Marienberg zum Mainfränkischen Museum. In den seither vergangenen dreißig Jahren hat man es umbenannt. Jetzt heißt es Museum für Franken. Dort hängt im Riemenschneidersaal eine Sandsteinskulptur von einer vom Schicksal heimgesuchten Großmutter die mit ihrer linken, eine blutjunge verschämte Tochter umarmt, und mit ihrer rechten, einen Enkel fast größer als seine alleinerziehende Mutter, ein Bildnis mit dem Namen "Anna Selbdritt" der sich in meinem Gedächtnis verankert hat. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tilman_Riemenschneider_Anna_Selbdritt_(um_1495)_Mainfraenkisches_Museum_Wuerzburg-2.jpg Den Schlüssel zum Verständnis dieses Kunstwerks finde ich in dem 116. Sonett Shakespeares das ich Euch im vorigen Brief zitierte und das auswendig zu lernen mir inzwischen gelungen ist. Let me not to the marriage of true minds Admit impediments. Love is not love Which alters when it alteration finds, Or bends with the remover to remove. O no! it is an ever-fixed mark That looks on tempests and is never shaken; It is the star to every wand'ring bark, Whose worth's unknown, although his height be taken. Love's not Time's fool, though rosy lips and cheeks Within his bending sickle's compass come; Love alters not with his brief hours and weeks, But bears it out even to the edge of doom. If this be error and upon me prov'd, I never writ, nor no man ever lov'd. Die Übersetzung von Stefan George lautet: CXVI Man spreche nicht bei treuer geister bund Von hindernis! Liebe ist nicht mehr liebe Die eine ändrung säh als ändrungs-grund Und mit dem schiebenden willfährig schiebe. O nein · sie ist ein immer fester turm Der auf die wetter schaut und unberennbar. Sie ist ein stern für jedes schiff im sturm: Man misst den stand · doch ist sein wert unnennbar. Lieb' ist nicht narr der zeit: ob rosen-mund Und -wang auch kommt vor jene sichelhand .. Lieb' ändert nicht mit kurzer woch und stund · Nein · sie hält aus bis an des grabes rand. Ist dies irrtum der sich an mir bewies · Hat nie ein mensch geliebt · nie schrieb ich dies. Wieder einmal ein Beispiel oder ein Beweis, dass ein Gedicht der Deutung des Lesers bedarf um verständlich zu werden. So liegt es im Wesen der Sprache. I interpret this sonnet is an exercise in dialectic. It propounds the thesis that there should be "true love" but demonstrates the antithesis that nature conspires against "true love", and the synthesis: that the assertion nonetheless of the existence of "true love" is a repudiation of reality, a denial of reason, of truth, and hence also of language. The opening couplet: Let me not to the marriage of true minds Admit impediments. Love is not love might correctly be paraphrased: Let me pretend that to the marriage of true minds impediments do not exist. Love is not love. Each of the three stanzas demonstrates the truth of what it denies, and while claiming the opposite, shows that "the marriage of true minds" is in fact impossible. The sonnet ends with the admission: If this be error and upon me prov'd, I never writ, nor no man ever lov'd. Exactly. This closing couplet hits the nail on the head. "I never writ," is an explicit repudiation of the factitious thesis of "the marriage of true minds". The poet's task is to pretend an ideality with which the reader is to comfort himself for the absence of that "true love" of which the reader is in such desperate need. The result is tragedy, the inspiration of pity and fear which here as elsewhere, serve to purge the reader's soul of these emotions. Dies 116. Sonett ist eine gewaltige Zurücknahme der Zuversicht auf Liebe, und somit auf Gott, denn dem Mythos des Christentums gemäß soll Gott Liebe sein. Die theologischen Folgen des Verfalls der Liebe sind unverkennbar. Ich erinnere Bachs Hochzeitskantate BWV 197, "Gott ist unsere Zuversicht, wir vertrauen seinen Händen." Was aber wird aus uns, wenn wir vermuten dass, "treuer Geister Bund", "the marriage of true minds", vielleicht doch nur eine hochherzige Täuschung ist? In dieser Stimmung betrachte ich "Anna Selbdritt" als äußerste und eigentliche Erklärung der Weihnachtsgeschichte, als künstlerische Darstellung des Schicksals der Menschen, eine Darstellung die den Weihnachtslobgesang der Engel,"Ehre sei Gott in der Höhe" wesentlich entschleiert, und die Bekehrung von Ebenezer Scrooge in einem erschreckenden Licht erscheinen lässt. Liebe Gertraud und lieber Bernd. Ich entschuldige mich für diesen Brief, dessen Inhalt wahrscheinlich sehr weit von allem liegt, das Euch jetzt beschäftigt. Versteht ihn bitte in folgender Weise. Ich bin zu verkrüppelt um zu reisen, um spazieren zu gehen, auch nur die 13 Stufen der Treppe ins Erdgeschoss. Mir bleibt nichts als das Denken. Die Gedanken aber sind eigensinnig und lassen sich nicht küren; und weil sie den Euren möglicherweise fremd sind, sollten wir sie vielleicht als Unsinn, wenn nicht gar als Irrsin oder Wahnsinn abtun. Herzliche Spätsommergrüße an Euch beide. Euer Jochen