am 29 August 2022 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Vielen Dank für Euern Brief. Seit meinem letzten Bericht an Euch haben sich meine Tage in verschienen Weisen, die Euch interessieren möchten, geändert. Am 10. September findet in Chicago die Hochzeit meines Enkels Benjamin statt; und da die Braut aus einer sehr wohlhabenden Familie stammt, ist ein üppiges feierliches Hochzeitsfest angestellt, zu dem alle in Massachusetts wohnenden Familienmitglieder, abgesehen vom Großvater, für drei oder vier Tage dorthin fliegen werden. Nathaniels Hund und ich werden hier bleiben und uns gegenseitig Gesellschaft leisten. Es ist eine Gelegenheit uns besser kennen zu lernen. Den Hund heißen sie "Joe"; das aber ist ein Name den ich vermeide, weil es der Name meines Großvaters väterlicherseits war, und weil ich ein tiefes Bedürfnis hege die Unterschiede zwischen meinen Beziehungen zu Menschen und zu Tieren zu wahren. Nichts desto weniger scheint der Hund mit mir zufrieden zu sein. Da er ein vernüftiger Hund ist, misstraut er der offenen Wendeltreppe im Anbau, aber auf der geraden Treppe im älteren Teil des Hauses pendelt er hin und her vom Parterre in die erste - oder sollte es heißen die zweite Etage, leckt mich am Ellenbogen um mich zu begrüßen, und lagert sich dann stundenlang auf meinem Bett. Ihn zwei Mal täglich spazieren zu führen, wie es es bedarf und gewohnt ist, bin ich leider zu übermäßig verkrüppelt. Zu diesem Zwecke stellt Nathaniel ein Mädchen an, Emilie Nielsen, die Tochter von Alexander Nielsen, dem deutsch-amerikanischen Anwalt der vor etwa zehn Jahren das Haus nebenan (166 School Street) kaufte und mit seiner Familie dort wohnt. Wahrscheinlich hab ich Euch vor Jahren von meiner lebhaften Korrespondenz mit Emilies Großvater, Niels Holger Nielsen, einem Gymnasialprofessor in Heidelberg, berichtet. Diese Korresponenz ist nun schon seit längerer Zeit versickert, ich vermute weil es dem alternden Herrn Nielsen übermäßig beschwerlich wurde, auf meine ungezügelt extravaganten Gedanken einzugehen. Nun beabsichtige ich die Gelegenheit wahrzunehmen meine aufblühende Bekanntschaft mit Nathaniels Hund zu nützen, diesem die verschiedenen Gedanken und Gedichte die mich von Tag zu Tag beschäftigen vorzutragen. Seit meinem letzten Brief an Euch hab ich viel über Peter Wapnewski nachgedacht, jedoch ohne weiter in seiner Autobiographie zu lesen. Was mich beschäftigt ist das Mittelalter, von dem ich so wenig weiß, und über das ich von ihm lernen möchte. Ich besinne mich dass mein kürzlich verstorbener Schwager, Alex McPhedran, der damals als wir zusammen in Harvard waren, Geschichte studierte, mir erklärte: The Middle Ages are to be understood as five hundred years without a bath. Vielleicht ist es weil es mir seit etwa drei Jahren körperlich unmöglich ist den Rand einer Badewanne zu übersteigen, ich mich jetzt in meinem 93. Jahr irgendwie zum Mittelalter hingezogen fühle. Laut den Berechnungen der hiesigen Social Security Adminstration die mit zunehmender Ungeduld auf mein Ableben wartet, ist meine statistische Lebenserwartung etwa 3,25 Jahre. Mein persönliches Mittelalter würde dann nicht five hundred years, sondern six and a quarter years without a bath. Meine Schwellenfrage an Euch ist nach den geographischen Grenzen von Professor Wapnewskis Medävistik. Hat er auch außer dem Mittelalter in Mitteleuropa, denn "Deutschland" gab es ja damals noch nicht, über das Mittelalter in Italien, in Frankreich, in England, in Skandinavien, im Balkan, in Polen, in der Ukraine, in Russland doziert? Irre ich mich wenn ich die brutale Gewissenslosigkeit und Gottlosigkeit unseres Nibelungenliedes mit der in ihrer Weise ebenso brutale Gewissenshaftigkeit und Religiosität der Divina Commedia vergleiche? Hat das Nibelungenlied irgendetwas mit den Gedanken des Thomas von Aquino oder des Nikolaus von Kues zu tun? Im Internet (Youtube) hörte ich eine wahrscheinlich historisch unzuverlässige Wiedergabe einiger unter dem Namen Hildegards von Bingen überlieferter Gesänge. Ich denke an die vielen romanischen und gothischen Kirchen die mich als Kind so nachhaltig beeindruckten. Ich habe nachgelesen über die Geschichte des Kölner Doms, 1248 begonnen und erst 1880 vollendet, und frage mich ob vielleicht Richard Wagners Dichtung und Musik gleichfalls als eine Verlängerung des Mittelalters in die Moderne zu deuten wären. Das alles sind Fragen über die ich mich gern mit Professor Wapnewski unterhielte. Was würde er mir sagen? Ich lese so viel und behalte so wenig. Kürzlich hat mich eine tagelange Gedächtnisprobe beschäftigt. Ich versuche Shakespeares Sonnet 116 auswendig zu lernen: Let me not to the marriage of true minds Admit impediments. Love is not love Which alters when it alteration finds, Or bends with the remover to remove. O no! it is an ever-fixed mark That looks on tempests and is never shaken; It is the star to every wand'ring bark, Whose worth's unknown, although his height be taken. Love's not Time's fool, though rosy lips and cheeks Within his bending sickle's compass come; Love alters not with his brief hours and weeks, But bears it out even to the edge of doom. If this be error and upon me prov'd, I never writ, nor no man ever lov'd. Versuche verschiedentlich, um mein Gedächtnis zu eichen, mir dies Gedicht vorm Einschlafen im Bett, im Stillen aufzusagen, und bemerke wie fleckenhaft einzelne Worte, besonders "impediments" sich immer wieder versteckt halten; um dann plötzlich, unerwartet aus dem Meer des Vergessenen aufzutauchen. Kann nicht umhin mir einzugestehen, dass nicht nur meine Hüften am Versagen sind. Herzliche Grüße an Euch beide. Euer Jochen