Die Betrachtung des Mittelalters wohin ich mich durch Gertrauds Hinweis auf Wapnewski habe ablenken lassen, erscheint mir zunehmend ein Beispiel und Hinweis auf das synthetische Wesen all meiner Vorstellungen der Vergangenheit. Parenthetisch fällt mir auf, dass ihrem Wesen nach die vorgestellte Welt unvermeidlich eine vergangene sein muss. Die Gegenwart ist mir zugänglich nur durch mein Handeln, indessen dies Handeln der Ausdruck meines Willens ist. Leopold von Rankes "Wie es eigentlich gewesen" was a self-deception of a higher order, eine Selbsttäuschung höheren Ranges, den keiner vermag seinen Geist in die Vergangenheit zu versetzen. wo die Mythe, ehr die grundlegende Erzählung und Geschichte war, und vielleicht umso wahrer. Möglicherweise berichten das Hildebrandslied und Nibelungenlied "wie es eigentlich gewesen". Vielleicht sind die Gesichte der Hildegard von Bingen und ihrer Geschwister ein Gegengewicht, ein Ausgleich für die scheinbare gewissenlose amoralische Brutalität der Nibelungen. Werden diese ergaenzt oder werden sie widerlegt durch die frommen Phantasien etwa einer Hildegard von Bingen? Liegt das Mittelalter wirklich hinter uns, oder ist es, wie der Koelner Dom dessen Gestein fortwaehrend von Staffellei Geruesten umgeben, wo geisteswissenschaftliche Arbeiter, Professoren also, beschaeftigt sind den vom Wetter anfaelligen Bau zu reparieren und sich mit diesen Reparaturen Ergaenzungen und Verbesserungen ihre berufliche Stellung und ihr Einkommen sicherstellen? So dass sich der Bau der sich ohne hin ueber mehr als 600 Jahre erstreckte, fortan in die Gegenwart und in unabsehbare Zukunft erstreckt. Moeglicherweise hat die Geschichte, oder der Mythos, des Mittelalters ein Bestehen und ein Vergehen vergleichbar mit dem Bestehen des steinernen Gotteshause. Moeglicherweise ragt nicht nur der Dom, sondern der Geist von dem anzunehmen ist, dass er nicht nur die steinernen Bauten des Mittelalters beselte auch heute noch lebendig ist. Und dass nicht nur der Dom in die Gegenwart ragt, dass Wagners Musik die Fortsetzung des Mittelalters ist, nicht weniger als die Politik. Sollte vielleicht Dante Aligheries Hoellenfahrt als Reiseprospekt ins Dritte Reich gedeutet werden? Wuerde vielleicht das Dritte Reich erst als Auslaeufer des Mittelalters verstaendlich. Wusste nicht Adrian Leverkuehn dass es noetig war alles zurueckzunehmen? Bezeugen Wagners Opern und der stilgerechte Ausbau des Koelner Doms, dass man sich, allenfalls im zweiten Teils des 19. Jahrhunderts noch im ersten, oder vielleicht in einem zweiten Mittelalter befand. Oder etwa in den zwoelf Jahren des Nationalsozialismus?