NICHT ABGESANDT am 22. August 2022 Liebe Gertraud, liebe Bernd, Bitte entschuldigt diese Fortsetzung meines Briefes von gestern. Hinter mir, eine Nacht unruhigen Schlafes, das heißt, im Dunkeln des Halbschlafes, Fortsetzung der Gedanken des vorigen Tages, also über Peter Wapnewski und seinen Vortrag den ich im Internet hörte. Ich erinnerte meine Freude an seiner gepflegten deutschen Sprache. Hatte erwartet ich würde den ursprünglichen Klang des Mittelhochdeutsch in Peter Wapneskis Lesung hören und lernen. Ich war enttäuscht dass es nur eine Übersetzung ins moderne Hochdeutsch war die ich zu hören bekam. Wenn ich recht erinnere, sagte Peter Wapnewski in der Einführung zu seiner Vorlesung es bedürfe sechs Jahre Studium um den ursprünglichen Text zu verstehen. 2. Âventiure 20 In sînen besten zîten, bî sînen jungen tagen, man mohte michel wunder von Sîvride sagen, waz êren an im wüehse und wi schœne was sîn lîp. sît heten in ze minne diu vil wætlichen wîp. Täusche ich mich, wenn ich wähne den obigen Vierzeiler schon jetzt zu begreifen? Ich führe "wüehse" auf "wüchse" und "wætlichen" auf "weidlich" zurück. Oder irre ich mich und beweise meine Dummheit? Seit Jahren hab ich mich überzeugt, dass der Sprechende (bezw. Schreibende) die Sprache überhaupt erst entdeckt, wenn er sie nicht gar erfindet, und dass jegliche vermeintliche Übersetzung den Sinn der ursprünglichen Worte begräbt. Ich kann mir vorstellen, dass Peter Wapnewski meine diesbezüglichen Gedanken als Unsinn abgekanzelt hätte. Hildegard von Bingen Dennoch begann Hildegard 1141 in Zusammenarbeit mit Propst Volmar von Disibodenberg und ihrer Vertrauten, der Nonne Richardis von Stade, ihre Visionen und theologischen wie anthropologischen Vorstellungen in Latein niederzuschreiben. Da sie selbst die lateinische Grammatik nicht beherrschte, ließ sie alle Texte von ihrem Schreiber (letzter Sekretär: Wibert von Gembloux) korrigieren. Ihr Hauptwerk Scivias („Wisse die Wege“) entstand in einem Zeitraum von sechs Jahren. Dieses Buch enthält 35 Miniaturen. Diese Miniaturen theologischen Inhalts[10] sind äußerst kunstvoll in leuchtenden Farben gemalt und dienen hauptsächlich zur Veranschaulichung des komplizierten und tiefsinnigen Textes.[11] Die Originalhandschrift gilt seit Ende des Zweiten Weltkrieges als verschollen, in der Abtei St. Hildegard in Eibingen befindet sich eine illuminierte Kopie aus dem Jahr 1939. Die Entstehung des Textes lässt sich durch in ihm vorausgesetzte politische Strukturen und durch Bezüge zur zeitgenössischen Dichtung auf die Jahre 1190 bis 1210 (und damit auf die „Blütezeit“ der mittelhochdeutschen Literatur) eindeutig eingrenzen. Es gibt Indizien für eine Entstehung knapp vor dem Jahre 1204. Frikativ Reibelaut