am 21. August 2022 Liebe Gertraud, lieber Bernd, vielen Dank für Euern Brief, und besonderen Dank für Eure Geduld mit mir. Unsere Korrespondenz ist mir sehr wertvoll. Ich schätze sie als ein wesentliches Band an meine Vergangenheit, wie sie war, wie sie hätte werden mögen, und wie sie nicht geworden ist. Dass mich Peter Wapnewski "nicht interessieren" sollte, ist ein Missverständnis. Ich weiß wie stark seine Vorlesungen Dich als Studentin in Heidelberg beeindruckt haben. Um gewissermaßen an diesem Erleben teilzunehmen, habe ich mir die erste seiner sechs Vorlesungen über das Nibelungenlied https://www.youtube.com/watch?v=bEDN6SOaWQk (1 Stunde, 23 Minuten) im Internet angehört, und kann mir vorstellen, warum Du von ihm begeistert warst - und bist. Der Gelehrte der mich als Siebzehnjährigen in vielleicht ähnlicher Weise beeindruckte, hieß Karl Viëtor. Er war aus Gießen nach Harvard gekommen und löste bei seiner kleinen Hörerschaft mit seinen künstlerisch eingeübten Vorlesungen in deutscher Sprache bezauberte Bewunderung aus. Viëtor gestand unbefangen dass er sich mit besonderem Unterricht in der Vortragskunst für seine Vorlesungen vorbereitet hatte. Ich habe den Eindruck, dass auch Peter Wapnewski seine Vorträge mit vergleichbare Gewissenhaftigkeit und Leidenschaft vorzubereiten pflegte. Möglichen Kommentar zu Peter Wapnewskis Autobiographie möchte ich aufschieben. Von jeher empfinde ich Versuche sich selber und sein eigenes Leben zu beschreiben als problematisch, und kann mir keine Aussage über eine Menschen Dasein vorstellen, die ich nicht später bereuen würde und zurückzunehmen wünschte. Umso bedeutender erscheint mir Wapnewskis berufliches Gebiet, das Mittelalter, von dem ich so wenig weiß dass mir auch nur der Versuch meine Unkenntnis zu beheben, hoffnungslos erscheint. Inzwischen herzliche Grüße und alle guten Wünsche an Euch beide. Euer Jochen