Es sollte als vorausgesetzt anerkannt sein, dass unsere Gemüter - dass mein Gemüt - unvermeidlich mit Geschehen, mit Erfahrungen, mit Erleben in vergangenen Zeiten behaftet und von ihnen beherrscht ist, dass demgemäß das von mir Eingesehene und Verstandene anderweitig unerreichbar ist und somit mythenhaft. Meine Aufgabe ist diese Gedanken, diese Vorstellungen, in Hinsicht auf ihre theoretische und praktische Bedeutung kritisch zu beurteilen und zu sortieren. Das oftmals unbestimmte und unbestimmbare Ausmaß der Verlässlichkeit und und Unzuverlässigkeit einer Aussage entspricht allgemeiner alltäglicher Erfahrung. Ob in den nächsten 4, 12, 24, 48 Stunden Regentropfen fallen, Donner rollen oder Blitze einschlagen werden, kann kein Mensch wissen. Die Unwissenheit aber lässt sich durch statistische Berechnungen ersetzen oder verdecken. Im Vergleich, sind die Voraussagen der Tages und Jahreszeiten, von Tag und Nacht, von Sommer und Winter unbedingt verlässlich. Das Geheimnis der Erkenntnistheorie ist die Unterscheidung zwischen den verlässlichen und den unverlässlichen, zwischen den glaubwürdigen und den unglaubwürdigen Vorstellungen des Wissens. Es gilt zu unterscheiden zwischen den symbolischen Formen welche glaubwürdig erscheinen weil sie, wie die Beschreibungen und Berechnungen der Tages- und Jahreszeiten immer und immer wieder in der Erfahrung bestätigt werden, und jenen anderen symbolischen Formen, wie etwa die Platonischen Ideen und soviele Wortgefüge anderer ihm folgenden Philosophen, dazu auch auch mathematische Formeln und Berechnungen welche sich in das weiche empfängliche Gemüt eingeprägt und es verwandelt haben. Deren Gültigkeit entspricht dann einem Beharrungsvermögen des menschlichen Gemüts. Es gibt eine Perspektive aus welcher mathematische Konstruktionen, wie etwa Hilbertraum und Schrödingergleichung so undurchsichtig wie Religionsbehauptungen erscheinen, glaubwürdig weil unstrittig, und unstrittig weil sie sich durch Einübung und Wiederholung unausmerzlich ins mathematische Gemüt gegraben und sich in ihm verankert haben. Gestern habe ich viel Stunden über die Plattentektonik nachgelesen, Dargestellt wird ein Modell der Erde an verschiedene mutmaßlich verlässliche und wiederholbare Messungen gebunden und auf ein Gefüge von Vorschlägen und Vorstellungen basiert, welche zwar nachvollziehbar sind, aber nicht beweisbar. Wie man einst im Alten Griechenland Donnern und Blitzen als Zeichen des göttlichen Zorns erklärte, so heutzutage als Entladung hoher elektrischen Spannungen und deren akustische Folgen, und so erklärt man sich neuerdings Erdbeben als Ergebnisse von Verschiebungen der gesonderten steinernen Platten welche die Erde umschließen. Das scheinen mir glaubwürdige Beschreibungen, und dennoch handelt es sich um ein Gefüge auf dessen Entwicklung im Verlauf von 100 Millionen Jahren, und auf dessen Eigenschaften man nur spekulativ zu schließen vermag, wenn nur weil es wegen ihrer zeitlichen Entlegenheit, ihrer physischen Verborgenheit, und ihrer hohen Temperatur es unmöglich ist, sie zu beobachten. Dass an den tektonischen Platten, an ihren Verschiebungen, an den von ihnen ausgelösten Erdbeben und Vulkanen ein Maß von Anschauung haftet, verlegt sie, wie alles potentiell Anschauliche in den Bereich der Gegenwart ohne sie von dem Mythos den ihre Unsichtbarkeit und Unerreichbarkeit stiften, zu befreien.