Gestern schrieb ich über die Zeit, über Gegenwart und Vergangenheit. Heute versuche ich über das Gestrige weiterhin nachzudenken und zu schreiben. Besagt dieser Versuch, das Gestrige zu vergegenwärtigen, das jenes, und alles sonstig Vergangene mittels der Vergegenwärtigung zur Gegenwart wird? In diesem Fall wäre der Anspruch Gegenwart und Vergangenheit zu unterscheiden nicht unberechtigt, insofern als durch mein Bewusstwerden des Einstigen, alles Vergangene gegenwärtig wird, ebenso wie alles Gegenwärtige, indem ich es bedenke, schon vergangen ist? Ich versuche meine Beziehung zur Vergangenheit zu klären indem ich mir aufs Neue, einstige Gedanken, Unterhaltungen, Briefe, Bilder, Aufzeichnungen und die verschiedensten aufbewahrten Gegenstände ins Gemüt zitiere. Durch solche Bemühungen lasse ich mich von der Annahme täuschen, dass mir die Vergangenheit irgendwie außer in der Gegenwart erreichbar wäre. Dass dies nicht der Fall zu sein vermag, wird mir unentrinnbar sowie ich von dem eigens Erlebten abweiche in die unzähligen mir völlig fremden Bereiche wo ich niemals gewesen bin, und wo ich niemals hätte sein können, zu unerlebtem und unerlebbarem Geschehen, das mich dennoch mit ebenso eindringlicher Begeisterung anfällt wie alles andere das mir soeben geschieht. Um mich für diese Erwägungen vorzubereiten, hab ich den heutigen Tag mit dem Lesen von Aufsätzen in englischer, deutscher und französischer Sprache über Plattentektonik und die Entwicklung des Gefüges der Erde im Verlauf von etwa 100 Millionen Jahren verbracht. Ich frage nach dem die Unterschied dieser wissenschaftlichen Vorstellungen zu denen man mich einlädt, zum Beispiel mit den Vorstellungen der politischen Revolutionen von 1918, 1848, 1789, 1775, der Kriege von 2022, 1939, 1914, 1870, 1803, 1618, oder mit meinen Erlebnissen der vergangenen Nacht oder des gestrigen Tages, die ja auch Vergangenheit sind. Es stimmt dass alle Vorstellungen, dass alle Feststellungen betreffs der Vergangenheit als Seelendichtung, als Mythos verstanden und gedeutet werden müssen. Dennoch sind die Mythen um die es sich handelt, unterschiedlich. Sie müssen ihrer Bedeutung entsprechend eingestuft werden. Dergleichen kritische Bewertung wäre die eigentliche Aufgabe einer "Philosophie als Wissenschaftslehre," also einer Betrachtung der Natur- und Geisteswissenschaften, welche eines neuen Anlaufs bedarf, weil die herkömmlichen Analysen zu wenig kritisch waren, sich über die gesellschaftlichen und geistig-seelischen Beschränkungen getäuscht, und sich von akademischen Prätensionen haben einschüchtern lassen. Um der erforderlichen Kritik fähig zu sein, ist es notwendig aufs innigste mit der jeweiligen Wissenschaft vertraut zu sein, und es dünkt mich wahrscheinlich dass die erforderlichen Kenntnisse sogar dem fleißigsten, gewissenhaftesten und begabtesten unter uns unerreichbar sind. Dann müssten wir die kritische Unterscheidung und Beschreibung der Vergangenheitsvorstellungen als ein unmögliches Ziel aufgeben; und fortfahren uns mit den Unzulänglichkeiten unseres Vergangenheitsbewusstseins so gut wie möglich abzufinden. Alfred Wegener https://de.wikipedia.org/wiki/Plattentektonik Wir müssen die Begriffe Mythos und Mythisch überholen.