Die Sprache ist ein Spiegel darin das weite Spektrum menschlicher Erfahrung und menschlichen Erlebens entweder erscheint oder zeigerhaft hingewiesen wird. Ich war war im Begriff zu schreiben, dass die Sprache das Phänomen der Zeit ergänzt. Vielleicht sollte es heißen das die Sprache die Zeit überhaupt entdeckt, entwirft oder erfindet. Allenfalls ist es tunlich sich als Gedankengrundlage eine Geisteswelt vorzustellen ohne die Worte Zeit, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, Erinnerung, Ahnung, Langweile, Boredom, Ennui, Zeiger, Zeichen, Zahl, Sekunde, Minute, Stunde, Tag, Nacht, Woche, Monat, Jahr ... und so weiter. Zugegeben, Gefühle bestehen zu erst, und nur die Sprache macht meine Anschauung, meine Intuition, mein Gefühl macht meine Gegenwart zugänglich. Die Gegenwart ist keine Zeitspanne, denn sie hat weder Anfang noch Ende. Versucht man ihr Grenzen zu setzen, so schwindet sie zu eine Hyperfläche ohne Dauer, verschwindet also, zu nichts. Die Gegenwart ist der Bereich der spontanen Tätigkeit meines Gemüts, meine Geistes. Die Gegenwart ist vergegenwärtigtes Erleben, besteht aus dem was meine Erinnerung mir als einstiges Geschehen vergegenwärtigt, und aus dem was meine Ahnung mir als einstiges Handeln vergegenwärtigt. Dass sich im Hintergrunde die Zweige und Blätter vorm Fenster bewegen, und entsprechend die Sonnenflecke und Streifen auf meinem Tisch, und dass um manches langsamer und gemächlicher die Sonne das Himmelsblau durchzieht, dass Tag und Nacht einander folgen, das alles ändert nichts an der Unmittelbarkeit einer Gegenwart die sich von Augenblick zu Augenblick verwandelt, in ihrem Ausmaß sowohl als auch in ihrer Art. Angenommen ich säße in einem mir fremden Hotelzimmer, ohne Koffer, ohne Zeitungen, Bücher, Briefe oder vertraute Habseligkeiten irgendeiner Art. Der Kleidung die ich zufällig trage, werde ich ich mich Sittlichkeitserwägungen halber nicht entledigen, stattdessen die möglichen Erinnerungen welche diese Kleidung bei mir auslöst, aus dem Spiele lassen. Gewiss, auch die mir unvertraute Möblierung des Zimmers, die mir unbekannten Bilder an den Wänden die Fenster und die Türen sind geeignet Erinnerungen auszulösen, und natürlich der Spiegel mit dem Bild der wenigen unordentlich geschnittenen Haarsträhnen, die verrunzelte Stirn, die müden Augen, den halboffenen zahnlosen Mund, dienen mich an meine Vergangenheit zu verankern. Um mich von allem Äußeren abzulösen, ist es möglich die Augen zu schließen, und somit meine Vorstellungswelt meinen Inneren entsprießen zu lassen. Was vermag ich nun zu sehen, zu fühlen,und zu denken? Nun im Dunkeln, zuerst das Nachbild, in welchem Auge oder ob vielleicht in beiden vermag ich nicht festzustellen. Doch zerfließt es so geschwinde, dass Nachdenken nicht der Mühe wert erscheint. Die plötzliche Abblendung beim Schließen der Augen und der einhergehende Ausfall gesichtlichter Reize wird anders als beim Zubettgehen durch durch keine vertrauten Matratzen, Kissen, Laken oder Decken gedämpft, nichts ist zu fühlen außer der harten Kanten des Tisches und der hölzernen Armlehnen und der Druck des leicht gepolstertem Stuhls wo ich sitze. Die Abwesenheit besonders der Gesichte bewirkt einen unerwarteten Schock. Gedanken stellen sich nur langsam ein. Ich mutmaße die Fähigkeit sie in die verschiedensten düsteren Abteilungen des Gemüts zu entsenden um dort erinnerte Bilder und Vorstellungen einer Vergangenheit die sich nun auf mehr als neunzig Jahre erstreckt, aufzustöbern; bin mir dabei bewusst, dass die Entscheidung, dass der Wille demgemäß dies geschieht eine Täuschung ist. Da ist kein Kern des Ich, keine Seele festzustellen, welche meine Gedanken steuert. Sie erscheinen und verschwinden wenn nicht von selbst, dann "unsichtbaren" und anderweitig unwahrnehmbaren (geistigen) Kräften gehorchend. Auch nicht von göttlichem oder anderweitig heiligem Pneuma bewegt. Vielleicht als Echo oder Spiegelung der eigenen Lebendigkeit zu deuten, am triftigsten gekennzeichnet als Funktion, als reines Wirken des ungezügelten Gemüts mit unbestimmten und vielleicht unbestimmbaren Folgen. Rege und lebendig werden meine Vorstellungen von der Vergangenheit erst wenn ich mich auf Begriffe, also auf Worte besinne, auf meinen Vater, meine Mutter und meine Schwester, auf meine Frau und deren Geschwister, bis auf einen einzigen Bruder, längst verstorben; auf Sohn, Schwiegertochter und Enkel, besonders wenn mein Gedächtnis sie mit Namen ruft. Und dann die Orts- und Straßennamen ausdem Zwielicht der Kindheit, in Baunschweig die Hildebrandstraße, der Burgundenplatz, die Siegfried und die Hamburgerstraßen. Die Sammlungen zahlreicher Photographies, und Briefen; neuerdings die Einrichtungen die Bilder, Landkarten, Satellitenaufnahmen verfügbar im Internet, ermöglichen das Vergegenwärtigen beträchtlicher Bereiche der Vergangenheit, und scheinen somit in ungeahntem Ausmaß Vergangenes in die Gegenwart einzufügen, ohne jedoch die Vergangenheit erreichbar zu machen und ohne die unverbrüchliche Grenze zwischen Gegenwart und Vergangenheit aufzuheben.