am 12. August 2022 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Vielen Dank für Euern Brief. Lasst mich Eure Frage, wie die Texte von Wapnewski auf mich gewirkt haben, vorerst mit dem Bekenntis beantworten, dass mein Vater mich als junger Mensch mit dem Vorwurf rügte, ungebührlich egozentrisch zu sein, indem ich mir (wie Schopenhauer) die Welt ausschließlich von einem egoistischen Standpunkt in ihrer Mitte vorstellte. Nachdem ich mein Universitätsstudium beendet hatte, ergänzte er diese Rüge mit der Klage über meine Arroganz, für die er Harvard verantwortlich machte. Tatsächlich aber war es mein eigenes Wesen, das immer wieder zum Ausdruck kam, und dass sich bis heute nicht geändert hat. Jetzt, am späten Abend meines langen Lebens bin ich verkrüppelt, kaum fähig auch nur zu den wenigen Schritten zum Badezimmer oder zum winzigen Eisschrank auf dem Nachttisch neben dem Bett, sitze an meinem brüchigen Klapprechner und versuche, bisher vergeblich, den neunten Band meiner Romanserie über einen vermeintlich bevorstehenden Gipfel hinweg zu Ende zu schreiben; bedacht mich so wenig wie möglich von diesem Ziel ablenken zu lassen. Aus dieser Sorge habe ich es bisher unterlassen mich weiter in Wapnewskis Autobiographie zu vertiefen. Ich bin ein allzu empfindlicher Leser. Mit der Einäugigkeit die er sich als Merkmal des Schicksals auf sein literarisches Wappen setzt, erklärt er sich zu meinem Patienten. Mein berufliches Leben als Augenarzt wäre von der Sorge beschattet gewesen, er möchte mit dem Verlust auch des anderen Auges erblinden. Wahrscheinlich, da er sich mit einem gewissen Stolz auf den Verlust seines Auges brüstet, hätte er mich wegen meiner Sorge um ihn verachtet. Entsprechend seiner abschätzigen Zurückweisung von Studenten die bei gesellschaftlichen Zusammenkünften ihn mit literarischen Fragen angingen, muss ich mir vorstellen, dass, wäre ich sein Student gewesen, er mich und meine unbeholfene Leidenschaft zur Literatur verschmäht hätte. Ich denke mir, dass als Student in seiner Universität, ich es vermieden hätte mich von ihm prüfen zu lassen. Vielleicht, wenn ich eines Tages dazu komme mich in die Einzelheiten von Peter Wapnewskis Leben zu vertiefen, werde ich ungeahnte Sympathien mit ihm entdecken. Inzwischen stimmt Wapnewskis scheinbare Begeisterung für Richard Wagner mich nachdenklich. Ich frage mich ob Wagners musikalische Verklärung der Mythen des teutonischen Mittelalters als ein romantischer Nachklang im zunehmend materialistischen 19. Jahrhundert verstanden sein sollte, vergleichbar mit Bachs musikalischer Verklärung der Mythen der protestantischen Reformation als pietistischer Nachklang im zunehmend rationalistischen 18.Jahrhundert. [Der Unterschied zwischen Bach und Wagner möchte sein, dass Bachs Musik die Bestätigung und Vertiefung von lebensnotwendigem geistig-seelischem Erleben ist, indessen Wagner vorgetäuschte Leidenschaften mit einer Blechtrommel feiert.] Dabei gebe ich zu das diese meine Überlegungen möglicher Weise belanglose Schwafeleien sind. Meint Ihr dass auch einst eine große Dürre die Vorbereitung für die ursprüngliche Sintflut war? Herzliche Hochsommergrüße an Euch beide. Euer Jochen