am 4. August 2022 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Vielen Dank für Euern Brief, den ich nur zögernd beantworte, weil ich, wohl zum Schutz gegen die Beschränkungen des Alters im Allgemeinen und gegen die Erniedrigung körperlich verkrüppelt zu sein, mich in ein dichtes Gedankennetz eingesponnen habe, aus dem ich einen brieflichen Ausweg an Euch kaum noch zu entdecken vermag. Euer Hinweis auf Peter Wapnewksi erinnerte mich wie sehr ich die Literatur des deutschen Mittelalters vernachlässigt hatte und bewog mich mit dem Beheben dieses Versäumnisses allenfalls den Anfang zu machen. Vom althochdeutschen Hildbrandslied war mir fast kein einziges Wort bekannt. Einer Übersetzung entnahm ich, dass es auf die möglichen Feindseligkeiten zwischen Vätern und Söhnen deutet, wie sie in den altgriechischen Mythen von den Titanen vorrangig sind. Das mittelhochdeutsche Nibelungenlied war mir eher zugänglich. Auch diese Mythen deute ich als Hinweise auf allzumenschliche Streitigkeiten innerhalb der Familie, als Bilder, ähnlich denen der ehernen Schlangen, (IV Mose,21:6-9), Mythen die möglicher Weise den Menschen die sie entdeckten und pflegten, zum geistig-seelischen Schutz gegen das Schicksal dienten. Vom Nibelungenlied war es dann nur ein kurzer Weg zu Wagners übermäßig erfolgreichem "Gesamtkunstwerk" dem es als Rohstoff dient, zu Nietzsches ursprünglicher Bewunderung und nachträglicher Ablehnung, und schließlich über Nietzsches Hinweis, zu Schopenhauer. Was ich diesmal von Schopenhauer zu lernen meine, ist dass alles wesentliche Schreiben im Grunde als das Entdecken einer neuen Wirklichkeit, und somit als das Erfinden einer neuen Sprache gedeutet zu werden vermag. Nun erscheinen mir meine Unfähigkeiten bekannte Schriften, einbeschlossen naturwissenschaftliche Feststellungen, zu verstehen, die Folge unzulänglicher Sprachkenntnisse die sich nur mühsam beheben lassen. Das Erlernen auch nur einer einzigen Sprache erfordert ein ganzes Leben. Selbst 92 Jahre sind nicht genug. Herzliche Hoch- und Heißsommergrüße an Euch beide. Euer Jochen