Beim Lesen von Welt als Wille und Vorstellung wird mir klar in welchem Maße das Denken an die Sprache gebunden ist, dass neues Denken eine neue Sprache erfordert, und das die Kunst des Philosophierens allenfalls teilsweise die Kunst des Übersetzens ist, die alte herkömmliche gewohnte Sprache den neuen Gedanken und Einsichten anzupassen und gerecht zu machen. Oder auch eine neue Sprache zu erfinden. Versuchsweise frage ich, ob vielleicht die Naturwissenschaft als bewusste ausdrückliche Erfindung einer neuen Sprache verstanden sein sollte; indessen die Geisteswissenschaft die Entdeckung (und Entwicklung) der inbegriffenen Bedeutung der bestehenden, geläufigen Sprache wäre. Damit würden sich Denken, Sprechen, Schreiben und Lesen (die Literaturwissenschaft also) als Schlüssel nicht nur zu den Geistes- sondern auch zu den Naturwissenschaften und somit als die höchste geistige Beschäftigung erweisen. Mir ist Schopenshauers Wille verständlich nur als Ausdruck seines eigensten Geistes, seines eigenen Erlebens, als Ausstellung seiner eigenen Gedankenwelt, die ich besuchen darf, die ich aber als eine mir unvertraute Landschaft betrachten muss, wo ich mich zuhause zu befinden nicht erwarten sollte, von der es jedoch unvermeidlich ist, dass ich durch die Berührung mit ihr, mich an sie assimiliere. Schopenhauer Welt als Wille und Vorstellung I 25: "Inzwischen ist mir, bei Betrachtung der Unermeßlichkeit der Welt, das Wichtigste Dieses, daß das Wesen an sich, dessen Erscheinung die Welt ist, – was immer es auch seyn möchte, – doch nicht sein wahres Selbst solchergestalt im gränzenlosen Raum auseinandergezogen und zertheilt haben kann, sondern diese unendliche Ausdehnung ganz allein seiner Erscheinung angehört, es selbst hingegen in jeglichem Dinge der Natur, in jedem Lebenden, ganz und ungetheilt gegenwärtig ist; daher eben man nichts verliert, wenn man bei irgend einem Einzelnen stehen bleibt, und auch die wahre Weisheit nicht dadurch zu erlangen ist, daß man die gränzenlose Welt ausmißt, oder, was noch zweckmäßiger wäre, den endlosen Raum persönlich durchflöge; sondern vielmehr dadurch, daß man irgend ein Einzelnes ganz erforscht, indem man das wahre und eigentliche Wesen desselben vollkommen erkennen und verstehen zu lernen sucht." So entpuppt sich Schopenhauers Denken als Mystik, und seine Schriften als Einladungen ihm in der Mystik Gesellschaft zu leisten. Ich deute die Mystik als Umkehrung von Innen und Außenwelt. Der Mystiker entdeckt die Außenwelt in seinem Inneren, und wenn auch in vielleicht geringerem Maße sein Innerstes in dem was gewöhnlich als Außen betrachtet wird, in der Natur, in Wiesen und Wäldern, im Mond- und Sonnenlicht, in der Kunst und in der Musik. Vielleicht lohnt sich der Versuch Kants Lehren, ohne welche Schopenhauers System undenkbar ist, ebenfalls als Mystik zu deuten.