Beim Lesen von Schopenhauer fällt mir auf in welchem Maße seine "Philosophie" ein Instrument der Sprache, der Worte ist, womit er sein geistiges Erleben beschreibt, erklärt und rechtfertigt. Ein solcher Versuch befriedigt jeweils den Verfasser dem es seine geistige Existenz bestätigt, verbleibt aber dennoch hinfällig und allgemein unannehmaber, insofern es aus zufälligen persönlichen, gesellschaftlichen und geschichtlichen Umständen erzwungen ist. Weder das persönliche Erleben, noch das gesellschaftliche, wenn es so etwas gibt, lässt sich sprachlich erschöpfen in welchem Maße auch immer es in der Sprache, im Sprechen, im Schreiben, im Lesen, sich zu behaupten vermag. So vermag "die Philosophie" solange es denkende Menschen gibt zu einem Beschluss zu kommen, ebensowenig wie das Leben zu einem Beschluss kommt. Diese meine Deutung der Schriften Schopenhauers ist triftig auch in Hinsicht auf mein Verständnis anderer "philosophischen" Schriften, einbeschlossen meiner eigenen. So komme ich vom Ausgangspunkt einer "negativen Theologie", über die Vermutung einer "negativen Erkenntnistheorie" (docta ignorantia) zum Vorschlag einer "negativen Philosophie" die in der Einsicht bestünde, dass jeder Versuch mein Denken unter der Ägis der Vernunft zu beschreiben, - geschweige denn dass Denken meiner Mitmenschen -, weil es Unmögliches beansprucht, zum Scheitern vorbestimmt ist, und lediglich die Genugtuung liefert die sich aus höchst persönlicher dynamischer seelischer Beherbergung (Oikeiosis) ergibt, es sei denn dass es gelungen wäre Bücher zu schreiben die irgendjemand kaufen wollte, oder Vorlesungen zu geben, die irgendjemand hören wollte. Jetzt in meinem 93. Jahre muss ich mich fragen, ob ich die vergangenen 77 Jahre in denen ich meinte der "Philosophie" nachspüren zu sollen, zu müssen oder zu können vergeudet habe. Ich will es nicht behaupten, möchte aber die Erwägung vorschlagen, dass die "Philosophie" das Denken ist, und das "reine" Denken der Geist, und der Geist das Leben. Dann entspräche die scheinbare Sinnlosigkeit des Denkens einer tatsächlichen Sinnlosigkeit des Lebens. Oder wäre es möglich, dass das Denken das Leben sinnvoll machte?