Nietzsches Unzeitgemäße Betrachtung über Wagner, besagt wenig über den Dichter-Musiker; besagt etwas mehr über die ansteckende Begeisterung die von Wagners Opern ausströmt; ist aber vor allem ein eindrucksvolles und doch zugleich enttäuschendes Beispiel der Pseudo-realität, der Scheinwirklichkeit zu welcher die Sprache sich brauchen oder missbrauchen lässt. Über Wagner lehrt mich diese Betrachtung fast garnichts; über Nietzsche, dass er auf der Suche nach einer geistigen Wirklichkeit ist, die er noch nicht gefunden hat; über die Sprache, dass sie ein gefügiger Stoff ist, zu Sinn aber auch zu Unsinn dienlich, die sich ihre eigene Bedeutung schafft, nur zuweilen, oder in unbestimmten Maße fast immer. Wieder einmal hab ich mit dem Lesen von Schopenhauers Welt als Wille und Vorstellung den Anfang gemacht. Dabei beeindruckt mich die These, dass es übertragbare, mitteilbare begriffliche Gebilde geben möchte, von Schopenhauer entdeckt, mit unbedingter Wahrheit, von ihm eindeutig ausgesprochen, und vom verständigen, vernünftigen Leser unverbrüchlich verstanden. Zugleich dient diese Wahrheit als Maßstab woran der Verstand und die Vernunft des Lesers geeicht werden. Mein Wahrheitserlebnis aber ist ein anderes, und läuft darauf hinaus, dass Wahrheit die Triftigkeit der Wahrnehmung und Anschauung des Einzelnen ist, und dass diese Triftigkeit unter vorteilhaften Umständen in gesellschaftlicher Übereinstimmung und Zusammenarbeit zum Ausdruck kommt.