am 24. Juli 2022 Lieber Jürgen, Es ist schön dass der Briefwechsel zwischen uns ein weiteres Mal aufflackert, und wenn ich Dir wieder umgehend antworte, so ist es nicht um einen aufwendigen Austausch zu schüren, sondern aus einer gewissen Verlegenheit um die verschwindende Zeit die das störrische Gedächtnis sich weigert als Gegenwart zu erhalten. Mein Spiel mit der Sprache ist der leidenschaftlich verzweifelte und letztlich vielleicht auch lächerliche Versuch, das Leben zu ergreifen und zu befestigen. Meinem unablässigen Schreiben ist die übliche Abwesenheit von Lesern selbstverständlich geworden; die verwandelt jedes Absenden eine Briefes in die Gelegenheit zu einer bescheidenen Feier. Wie ich erwähnte, bin ich nun 92 Jahre alt, bin der ältest Überlebende in meiner Familie, einbeschlossen die Angehörigen meiner vor fast sieben Jahren verstorbenen Frau. Wie es um meinen geistigen Zustand stünde, wäre ich selber der unzuverlässigste Berichterstatter. Wie es um meinen körperlichen Zustand steht, weist auf die Frage, ob ein Zustand zu stehen vermag, wenn das Stehen den Beinen fast unmöglich geworden ist. Seit etwa drei Jahren war mir das Gehen möglich nur mit der Stütze auf zwei Stöcke oder auf einen Gehbock der mir inzwischen auch um nur zu stehen unentbehrlich geworden ist. Seit es mir vor acht Monaten unmöglich wurde, die Treppen auf und abzusteigen, ist mir die zweite Etage dieses Hauses, das wir seit sechzig Jahren bewohnen, zu dem denkbar angenehmsten Gefängnis geworden. Hier verbringe ich nun mein restliches Leben. Nachts, zehn bis zwölf Stunden in tiefem meist traumlosen Schlaf. Am Tage sitze ich in diesem geräumigen lichten Zimmer an drei Seiten mit insgesamt zehn Fenstern umrandet, an einem kleinen Schreib-Esstisch, vor meinem Klapprechner und lese nach, und schreibe auf, was immer mein Denken zuweilen beschäftigt. Wenn mir nichts einfällt, blicke ich auf und sehe die grüne Dornröschenhecke hochgewachsener Bäume die das Hinterhaus umringt. Zwei Mal täglich bringt mir mein Enkel Nathaniel, der mit seiner Freundin Sabine im vergangenen Dezember hier eingezogen ist, das Essen. Statt mit Reisen ans Meer oder in die Berge, erholt sich mein Gemüt mit Ausflügen in die Literatur, in die Geschichte, und ja, sogar in die Geheimnisse - oder Geheimnistuereien der mathematischen Physik. Gestern war mein Ziel das Nibelungenlied das ich von jeher überschlagen, vernachlässigt hatte. Nun meine ich mich mit ihm auseinandersetzen zu sollen, um was Sprache ist, aus ihrer Kindheit verstehen zu lernen, mehr noch um zu erahnen was diese tragische Geschichte des Verfalls einer Familie den Menschen die sie im Verlauf der Jahrhunderte gehört und gelesen haben bedeutet haben möchte. Da erinnerte ich den Kommentar des Aristoteles über die Tragödie: sie diene den Zuschauern Schaudern und Jammer einzuflößen, um das Gemüt von Kummer zu bereinigen. Vielleicht sind es dieses Schaudern und dieser Jammer, die es mir unmöglich machen mich an der Heldenhaftigkeit eines Siegfried zu erbauen. Dabei beeindruckt mich dann eine andere Heldenhaftigkeit, nämlich die Tapferkeit mir der Du bereit bist ununterbrochen der Unmenschlichkeit des Nazi-Deutschlands ins Auge zu blicken. Dazu frage ich mich, ob es Feigheit meinerseits sein möchte, zu versuchen auch jene Unmenschlichkeit als menschlich auszulegen. Das täte ich nicht um die Unmenschlichkeit zu entschuldigen, sondern um die Schuld zu verallgemeinern, als einer Last der auch ich nicht zu entkommen vermag. Also genug, wenn nicht schon viel zu viel. Ich sende Dir meine herzlichen Hochsommergrüße. Jochen