am 18. Juli 2022 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Vielen Dank, wie stets, für Euern Brief. Aus meiner geplanten eintägigen Reise zur Gedächtnisfeier an meinen verstorbenen Schwager Alex McPhedran, ist nun doch nichts geworden, denn zwei Tage zuvor musste ich einsehen, dass ich beim Aufstehen aus dem Bett, und beim Versuch dann auch nur einen einzigen Schritt zu wagen, so unbeholfen war, dass der geplante Auftritt in der kleine Familienversammlung in eine Blamage, wenn nicht in noch ärgeres, ausarten müsste. Statt dort als Ausstellungsinvalide zu erscheinen, entschied ich vorm Bildschirm meines Rechners sitzen zu bleiben. Das war, wenn ich ihn jetzt bedenke, der richtige Entschluss. Ich erinnere die Unruhen vergangener Zeiten, wo es mir regelmässig notwendig erschien das Haus zu verlassen, Spaziergänge zu unternehmen, Wanderungen in den Bergen, Fahrten ans Meer, das kalendermäßige Pendeln nach Virginia, die Reisen ins kanadische Felsengebirge, und nach Deutschland. Jetzt wo ich körperlich verkrüppelt bin, ersetzen innere Bemühungen, die unablässigen Versuche neues zu lernen, die einstigen äußeren Anregungen wechselnder Landschaften. Stattdessen verlasse ich mich heutzutage auf Reisen in die inwendigen Länder der Literatur und der Physik und täusche mich mit der Vorstellung die Not sei eine Tugend. In der Einsamkeit wo ich meine Tage und Nächte verbringe, wird das Bedürfnis zu reden durch Schreiben ersetzt. Wie schon so oft erwähnt, vermag ich nicht zu bestimmen, wie ausführlich, und über was ich Euch schreiben sollte. Ich bin unfähig zu entscheiden was Euch interessieren, was Euch langweilen, und was Euch vielleicht sogar ärgern möchte. Der Keim meiner geistigen Bemühungen ist der Drang zu verstehen, und wenn verstehen sich als unmöglich erweist, dann will ich wenigstens versuchen mein Nichtverstehen irgendie zu begreifen und mich mit ihm abzufinden. Wie stets, herzliche Grüße an Euch beide. Euer Jochen