Als ich jünger war, machte ich mir das Leben bunt, angenehm, wenn nicht gar erträglich, durch Abwechselung, durch Ausflüge, durch Reisen, ans Meer, auf die Insel, in die Berge zum Wandern, zu den Eltern in Konnarock, zuweilen sogar nach Europa, nach Deutschland... Und jetzt wo ich so alt und verkrüppelt bin, dass ich mit Vorbedacht und mit erheblicher Mühe auch nur zu stehen vermag, um das Gehen, das Treppensteigen, das Spazierengehen unerwähnt zu lassen, da bleibt mir zur Ablenkung nur das Denken, - und besonders als lautes Denken, das Reden; und wo keiner da ist mich anzuhören, das Schreiben; und dann zu lesen was ich geschrieben habe, quasi ein mit mir selber Sprechen, Soliloqui. Kürzlich habe ich meistens über Physik gelesen, von einem Netzort der sich Hyperphysics nennt, und in täuschend vereinfachender Weise, vermutlich sogar Gymnasiasten verständlich, die wesentlichsten Gedankengänge (Theorieen) und Tatsachen (Daten) dieser zweit edelsten der Wissenschaften darstellt. Fast alles an diesem Netzort mir dargebotene meine ich zu "verstehen" - aber was heißt verstehen? Verstehe denn ich - oder irgend ein anderer Mensch, das Quäken der Frösche in der Abenddämmerung, das Lied der Lerche im Morgensonnenlicht? Wenn man, wie gewöhlich, annimmt die Voraussetzung des Verstehens sei das vermeintlich Verstandene zu besitzen, also zu erinnern, dann ist es aus mit mir, denn mein Gedächtnis ist ein weitlöcheriges Sieb, das nichts mehr halten will. Wenn es aber gilt sich mit dem Dargebotenen auseinanderzusetzen, dann liegt die Sache anders; denn etwas zu erinnern heißt sein Gemüt durch das Erinnerte verwandelt haben zu lassen, wonach dann das Verstehen lediglich zu einem Wiederholen, zu einem bestätigen wird. Das sind die Ausmaße des Verstehens, der Gelehrsamkeit des jungen Menschen. Gewusst aber und wieder vergessen zu haben, entspricht der berüchtigten Weisheit des alten Mannes. Denn nur er verfügt über die notwendige Distanz, über den Raum der es ihm ermöglicht das ihm Dargebotene als von ihm unabhängig, fast möchte ich schreiben, als ihm fremd zu bewerten. Es macht beträchtlichen Unterschied, ob ich urteile über was zu mir gehört, will sagen, über mich selber, oder über was mir fremd ist, was ursprünglich "nichts mit mir zu tun hat," und was ich in meinen Bereich einbeziehe, erst indem ich es zu verstehen beanspruche. Aus dieser Perspektive eröffnet sich mir der Blick in eine neue Welt. Denn nun wird das eingens Erinnerte, das eigne Wissen zum Stoff, zum Inhalt, zum Gegenstand der Wirklichkeit. Somit erfülle ich Forderung von Kierkegaard und befestige die Subjektivität als Wahrheit.