am 11. Juli 2022 Liebe Gertaud, lieber Bernd, Wieder einmal Dank für Euern Brief. Dass die Bücher über Peter Wapnewski noch nicht angekommen sind, ist kaum verwunderlich. Die Post bedarf bekanntlich der Zeit. Inzwischen hab ich dem Wikipedia Artikel über Peter Wapnewski entnommen, dass er 1958-59 eine Gastprofessur an der Harvard University hatte, worauf hin man ihm eine Professur als Ordinarius anbot, welche er ablehnte. Vermutlich wäre er ein später Nachfolger meines Mäzens Karl Viëtor geworden, und wenn ich, wie ich es mir zuweilen vorgestellt und gewünscht hatte, mein Studium der deutschen Literatur dort fortgesetzt hätte, wären wir uns begegnet. Wie klein ist doch die Welt! Auch über den Nashornkäfer, European rhinoceros beetle, hab ich mich von Wikipedia belehren lassen. Wenn ich nicht irre, werden die Fühler an seinem Kopf womit er seine Welt erforscht, - wie ich mit den Fühlern in meinem Kopfe, zuweilen auch als Antennen bezeichnet, und wenn Rilke in dem Sonett das ich zitierte Heil dem Geist, der uns verbinden mag; denn wir leben wahrhaft in Figuren. Und mit kleinen Schritten gehn die Uhren neben unserm eigentlichen Tag. Ohne unsern wahren Platz zu kennen, handeln wir aus wirklichem Bezug. Die Antennen fühlen die Antennen, und die leere Ferne trug... Reine Spannung. O Musik der Kräfte! Ist nicht durch die läßlichen Geschäfte jede Störung von dir abgelenkt? Selbst wenn sich der Bauer sorgt und handelt, wo die Saat in Sommer sich verwandelt, reicht er niemals hin. Die Erde schenkt. Sonette an Orpheus I, 12 schreibt: Ohne unsern wahren Platz zu kennen, handeln wir aus wirklichem Bezug. Die Antennen fühlen die Antennen, und die leere Ferne trug... Reine Spannung. so lese ich daraus eine Nebeneinander- oder Gegenüberstellung des Daseins und der Antennenwelt einerseits der Insekten und andererseits der Menschen. Wären dann vielleicht die "lässlichen Geschäfte", mittels derer von der "Musik der Kräfte" "jede Störung" abgelenkt wird, die Bemühungen der Technik welche die störungslose Übertragungen durch die "leere Ferne" ermöglicht? Die behauptete Lässlichkeit solcher Geschäfte deute ich als ein Echo aus Rilkes römisch-katholischer Kindheit, wo alles menschliche Tun und Lassen als gut oder böse gestempelt wurde. Mag sein, dass es das verbotene Essen vom Baum der Erkenntnis war, welche die Menschen zu ihrem Antennenbau überhaupt erst befähigte. Dann erschiene der Dichter als ein weltlicher Priester der den Menschen die Sünden ihrer Überheblichkeit vergibt. Ich vergleiche die "leere Ferne", des von jeglichem Äther bereinigten Raumes, wo die "reine Spannung" des elektromagnetischen Feldes sich als "Musik der Kräfte" erweist, mit dem anderen, in eigener Weise auch unerreichbarem Feld wo "der Bauer sorgt und handelt, wo die Saat in Sommer sich verwandelt, ..." Am kommenden Sonnabend, also am 16. Juli, fährt, bis auf Benjamin der sich im fernen San Francisco zum Neurologen ausbilden lässt, meine gesamte Familie zum 280 Km. entfernten Readfield, Maine, wo der jüngste Sohn, John McPhedran, meines am 17. Dezember letzten Jahres verstorben Schwagers Alex McPhedran von 13 Uhr bis 16 Uhr eine "Gedächtnisfeier" (Memorial Service) für seinen Vater veranstaltet hat, ein gemeinsames Essen auf dem Rasen vor dem Familienhaus, mit, wenn überhaupt, den allergeringsten Formalitäten. Auch ich werde diesmal mit genommen. Stehe um sieben Uhr auf. Dreivietel Stunden später, wage ich das erste Mal in sechs Monaten den Treppenabstieg, aber nur auf Händen und Knieen, rückwärts so dass ich mich beim Hinabgleiten mit beiden Händen an der oberen Stufe festhalten kann. Ins Auto verpacken wir nicht nur meinen Gehbock, sondern auch den alten Rollstuhl den ich vor 35 Jahren für meine Mutter kaufte. Klemens hilft mir in den Wagen zu klettern und fährt. Nach vier Stunden sind wir in Readfield. Margarets einzig überlebendes Geschwister, ihren 12 Jahre jüngeren Bruder Peter werde ich wohl zum letzten Mal begrüßen, dazu sechs Neffen und vier Nichten. Essen und besonders trinken, werde ich so wenig wie möglich. Dann die vierstündige Fahrt zurück, und schließlich wieder auf Händen und Knieen die Wendeltreppe hinauf in mein Zimmer. Das sind meine Sommerferien. Herzliche Grüße, wie immer, an Euch beide. Euer Jochen