Subjekt: Wapnewski Date; July 10, 2022 From: Gertraud Strangfeld Lieber Jochen, danke für Deinen langen Brief, der ein mir schönes, ganz unbekanntes Rilke-Gedicht enthält und viele Gedanken, mit denen ich mich erst noch - und bernd auch - beschäftigen muss. Vorerst aberr will ich Dich informieren, dass ich letzten freitag, den 8.Juli, zwei Bücher in separaten Umschlägen an Dioch geschickt habe, und ich hoffe, dass sie allmählich nicht mehr wochenlang unterwegs sein werden. Es handelt sich um die Autobiografie meines Lieblingsprofessors, Peter Wapnewski, geboren 1922, bei dem ich in Heidelberg 1960 bis 1962 Vorlesungen zur Literatur des Mittelalters gehört habe, Hartmann von Aue, Gottfrid von Straßburg, und vor allem das Nibelungenlied. Ihn zu verlassen, als ich nach Göttingen ging, hat mich wirklich geschmerzt. Kürzlich habe ich angefangen, seine Autobiografie wieder zu lesen, und da wird vieles wieder lebendig. Ich befand, dass Dich das auch interessieren könnte, dass Dir auch der Stil gefallen möchte, und so haben wir die Bücher, die lange vergriffen sind, über Internet erworben. Hoffentlich kommen sie bald an. Heute haben wir bei unserem Gang durch die heimische Umgebung festgestellt, dass die gruseligen Kahlflächen, ehemals nicht sonderlich lebendige Fichtenwälder, qweitgehend bewachsen sind von wunderschönen dichten gräsern, verschiedenen gelbblühenden Stauden und von Fingerhüten. Dazu gedeihen vielerorts Himbeeren, die unglaublich voller köstlich schmeckender Beeren sitzen. Demnächst werde ich mit Gefäß zum Pflücken losziehen. Übrigens habe ich mein Tagebuch von unserem besuch bei unseren Freunden in Northfield gelesen, wir haben 1986 einige Wochen in ihrem A-Frame auf Manitoulin verbracht und konnten dort eine reichliche Himbeerernte genießen, oft in Konkurrenz mit winzigen Kolibris. Himbeeren gab es auch in den Liebenburger Wäldern. Himbeeren sind für mich der Inbegriff des Sommers. Für morgen früh habe ich einige Freundiannen, alle begeisterte Gärtnerinnen, zum Frühstück eingeladen, damit wir die Wegwarten blühen sehen können. Sie blühen nur vormittags.Heute hat es 7 mm geregnet, besser als gar nichts. Und gestern um 21.30 kroch auf unserer terrasse ein Nashornkäfer, Sensation! Ein freund hatte uns aus seinem fabelhaften Komposthaufen mehrere Engerlinge geschenkt, die schon ziemlich reif aussahen, d.h. sich bald verpuppen würden, und dann vielleicht eines Nachts als Käfer hervorkommen würden. Sie sind nachtaktiv. Wir haben ein einziges Mal einen gesehen, einen toten, 1978 abends an einer Tankstelle in Schweden. Und nun einen lebendigen wundersamerweise im eigenen Garten, dank eines Geschenks! Sofort rief ich unseren entomologischen Freund in Bielefeld anum Rat (Was frisst er? Wie kann ich ihn einige Tage aufbewahren, um dieses Wunder auch anderen zu zeigen?) Er fand das kein Problem. Leg ihn in eine Schachtel, tu etwas Erde und ein paar Eichenblätter hinein und stelle das in den Kühlschrank. Dort bleibt er gesund und munter und lebt länger als draußen in der realen Welt. Nun beherbergen wir einen Nashornkäfer! Aufregend. Lieber Jochen, mach es gut, finde weiter so schöne Gedichte von Rilke und denke anregende Gedanken. Liebe Grüße, Deine Gertraud und Bernd.