am 9. Juli 2022 Liebe Gertraud, lieber Bernd. Vielen Dank für Euern Brief mit der erbaulichen Beschreibung Eurer Blühfelder und der Pflanzen, Vögel und Insekten denen Ihr dort Zuflucht und Herberge schenkt. Bitte empfindet es nicht anspruchsvoll oder herablassend wenn ich Euch schreibe, dass mir Eure Bemühungen sehr sympathisch sind, und dass ich seit Jahren bestrebt gewesen bin die Flecken Land in Konnarock und auf Nantucket und das verfallene Bauerngut in New Hampshire, und nicht zuletzt den kleinen Garten hier hinterm Hause, in vergleichbarem Sinne der Natur und ihren Lebewesen zu überlassen. Dass ich jetzt zu alt geworden bin mich dorthin, nicht einmal in den Garten unter meinem Fenster, zu begeben, die Bekanntschaften mit den Blumen und Sträuchern, mit den Vögeln, Kaninchen, Eichhörnchen, und ja, auch mit den Stinktieren aufrechtzuerhalten; dass ich nicht mehr in der Lage bin die Grüße der Natur an Euch in Empfang zu nehmen und an Euch zu vermitteln, auch das finde ich "natürlich" im eigentlichsten Sinne. An Tagen wo mir vermutlich eigene Gedanken einfallen, setze ich mich mit den Widersprüchen zwischen dem einfachen anspruchslosen Erleben und den überwältigend schwer verständlichen Theorieen der mathematischen Physik auseinander. Als Abiturient bekam ich abgesehen von Deutsch, in der Physik die besten Zensuren, und der Anfang meines Universitätsstudiums war auf die Physik gerichtet. Ich weiß nicht ob mein Interesse versank weil meine Leistungen auf diesem Gebiet versagten oder weil, umgekehrt, meine Begeisterung für die Physik verebbte, weil ich mich von Rilke und Hölderlin auf andere Geistespfade hatte verleiten oder verführen lassen. Jedenfalls wendete ich mich damals von der Physik zur Literatur. Medizinstudium, erst Allgemeinpraxis und dann Ophthalmologie hab ich stets als Ablenkungsmanöver betrachtet, habe die folgenen 76 Jahre im Schatten von Hölderlins Bekenntnis verbracht: Lebenslauf Größeres wolltest auch du, aber die Liebe zwingt All uns nieder, das Leid beugt gewaltiger, Doch es kehret umsonst nicht Unser Bogen, woher er kommt. Aufwärts oder hinab! herrschet in heiliger Nacht, Wo die stumme Natur werdende Tage sinnt, Herrscht im schiefesten Orkus Nicht ein Grades, ein Recht noch auch? Dies erfuhr ich. Denn nie, sterblichen Meistern gleich, Habt ihr Himmlischen, ihr Alleserhaltenden, Daß ich wüßte, mit Vorsicht Mich des ebenen Pfads geführt. Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen, Daß er, kräftig genährt, danken für alles lern, Und verstehe die Freiheit, Aufzubrechen, wohin er will. Und nun, fast am Ende, wage ich diesen letzten Aufbruch in die Leidenschaft der Jugend, erlaube ich mir diese beschämend hoffnungslose Trödelei mit der mathematischen Physik die ich im schulischen Sinne so wenig "verstehe", dass ich wahrscheinlich auch die einfachste akademische Prüfung nicht zu bestehen vermöchte. Und doch sage ich mir, dass vielleicht meine Bemühungen, allenfalls als docta ignorantia, oder sollte ich schreiben, als (ge)wissenslose Gelehrtheit, für mich selber, einen Sinn haben. Eine denkbare Brücke von der Literatur zur mathematischen Physik bietet sich mir das zwölfte aus der ersten Reihe von Rilkes Sonette an Orpheus: Heil dem Geist, der uns verbinden mag; denn wir leben wahrhaft in Figuren. Und mit kleinen Schritten gehn die Uhren neben unserm eigentlichen Tag. Ohne unsern wahren Platz zu kennen, handeln wir aus wirklichem Bezug. Die Antennen fühlen die Antennen, und die leere Ferne trug... Reine Spannung. O Musik der Kräfte! Ist nicht durch die läßlichen Geschäfte jede Störung von dir abgelenkt? Selbst wenn sich der Bauer sorgt und handelt, wo die Saat in Sommer sich verwandelt, reicht er niemals hin. Die Erde schenkt. Sonette an Orpheus I, 12 Wäre es möglich, dass mit dem hier mit leichter Ironie heilig gepriesenen "Geist "der uns verbinden mag;" die Mathematik, wie es die Mathematiker denn auch behaupten, als eine besondere Logik verstanden sein sollte, wovon Mephistopheles einst erklärte: "Gebraucht der Zeit, ſie geht ſo ſchnell von hinnen, Doch Ordnung lehrt euch Zeit gewinnen. Mein theurer Freund, ich rath’ euch drum Zuerſt Collegium Logicum. Da wird der Geiſt euch wohl dreſſirt, In ſpaniſche Stiefeln eingeſchnuͤrt, Daß er bedaͤchtiger ſo fort an Hinſchleiche die Gedankenbahn, Und nicht etwa, die Kreuz’ und Quer, Irlichtelire hin und her. Dann lehret man euch manchen Tag, Daß, was ihr ſonſt auf einen Schlag Getrieben, wie Eſſen und Trinken frey, Eins! Zwey! Drey! dazu noͤthig ſey. Zwar iſt’s mit der Gedanken-Fabrik Wie mit einem Weber-Meiſterſtuͤck, Wo Ein Tritt tauſend Faͤden regt, Die Schifflein heruͤber hinuͤber ſchießen, Die Faͤden ungeſehen fließen," Es war diese "Gedankenfabrik" der mathematischen Wissenschaft die mir Angst machte und vor der ich in andere Gebiete floh - in die Literatur und in die Medizin. Mit seinem Hinweis "denn wir leben wahrhaft in Figuren." erinnert Rilke an das Ausmaß in welchem unser Erleben vom Rechnen beherrscht wird, besonders vom Zählen der Zeit; "Und mit kleinen Schritten gehn die Uhren neben unserm eigentlichen Tag." Dass es einen "eigentlichen Tag" geben möchte dem der Stundenplan und der Kalender fremd bleiben erinnert an die Beobachtung in Rilkes Erster Duineser Elegie: "und die findigen Tiere merken es schon, daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind in der gedeuteten Welt". Es lässt sich wohl mit der Altersschwäche des Gedächtnisses erklären, dass die Tage einander mit erstaunlicher Geschwindigkeit verjagen, nicht nur das Heute, sondern die Woche, auch der Monat sind vorüber - dahin - eh ich Gelegenheit gefunden habe mich von ihnen zu verabschieden. Es mag ein Merkmal meines hohen Alters sein, dass ich viel über das Erleben und das Verstehen dessen was wir "Zeit" nennen, nachsinne. Überraschend und befremdend empfinde ich die Zeitvorstellung der Speziellen Relativitätstheorie, die Zeit sei als eine von der Lichtgeschwindigkeit abgeleitete Erscheinung zu verstehen. Wer hat Recht? Der Mathematiker der behauptet Gegenwart ist "nichts als" substanzlose Hyperfläche, (siehe Anhang) oder der Nichtmathematiker der sagt, "Alles wirkliche ist Gegenwart," und der sich weigert die Minuten, die Tage, die Stunden, die Jahre zu zählen. Der Physiker behauptet die "Gegenwart" sei eine substanzlose, leere Hyperfläche (Hypersurface) zwischen einem wirklichen Zukunftskegel und einem wirklichen Vergangenheitskegel von Raum-Zeit, indessen meinem Erleben gemäß beide, die Vergangenheit und die Zukunft in das mir Gegenwartige verschlungen sind, aber zunehmend schwindend und unwirklich. Von dem was mir in den nächsten zehn Minuten bevorsteht, hege ich eine lebhafte Vorstellung, aber in zehn Wochen, in zehn Jahren, oder gar in tausend Jahren sein möchte, wage ich mir nicht auszudenken. Vergleichbar ist es mit der Vergangenheit, von dem was ich vor zehn Minuten erlebte ist mir noch einiges gegenwärtig, von vor zehn Stunden, verschwindend wenig. Was weiter vergangen ist, wie leidenschaftlich auch mir vom Gedächtnis, mit Hilfe von Briefen, Bildern, und den gelehrtesten von Büchern in die Gegenwart zitiert, mutet mich an als Mythos. Einzig wirklich, hingegen, ist mir die Gegenwart, in der ich, bis es Zeit ist zu Bett zu gehen, das ewige Leben genieße. Als elf oder zwölf jähriges Kind in Konnarock wurde ich Autodidakt. Ich lernte ohne Lehrer über Elektrizität, über Gleichstrom und Wechselstrom, und deren mechanische und chemische Erzeuger, lernte elektrische Geräte, einbeschlossen Radios zu reparieren, und so wurde ich gewohnt was immer mich verblüffte auf eigenen Antrieb zu untersuchen. Schon damals warnte mich mein Vater, dass künftige Lehrer es mir übel nehmen würden nicht auf Erlaubnis und Anleitung zum Lernen gewartet zu haben. Ich gebe zu, ich habe vieles falsch gemacht, und vieles missverstanden. Aber daran ist jetzt, in meinem 93. Jahre nicht mehr viel zu ändern. Schließlich komme ich zu der Einsicht, dass die Schule eine wesentliche, und vielleicht unentbehrliche Anstalt zur Vergesellschaftung ist, und dass ich die Worte welche Dein Vater 1938 in mein Zeugnis schrieb, "Geistig sehr rege, und der Klasse weit voraus," lebenslang als Würdigung statt als die Warnung die sie tatsächlich waren, missverstanden habe. Denn nicht wie alle anderen zu sein, stellt den Menschen zwischen die Alternative von Zuchthaus oder Irrenanstalt. In diesem Zusammenhang bedarf es weiterer Entschuldigung, wenn ich erwähne dass ich die Genugtuung die ich den Rhapsodieen der mathematischen Physiker entnehme, irgendwie mit der Freude vergleiche die Euch die Lieder der Lerchen oder die Züge von Kranichen bescheren, denn die Mitteilungen der Lerchen und die Ziele der Kraniche werden von Euch so wenig verstanden, wie von mir der geheime Sinn der mathematischen Gleichungen. Aber alles, das Gute wie das Böse, das Vernünftige wie der Unsinn, das Verständliche wie das Unverständliche, ist Natur. Und die Natur ist, letzten Endes, was uns mit einander verbindet und was uns von einander trennt. Herzliche Grüße, wie immer, an Euch beide. Euer Jochen