am 7 Juli 2022 Liebe Margret, Vielen Dank für Deinen Brief, vielen Dank auch für das Paket mit den Pralinen und mit dem Taschenbuch. Ins Besondere aber Dank für Deine Nachsicht mit meinen Schrulligkeiten an denen, wenn es je möglih gewesen wäre, wohl nach 92 Jahren schließlich nichts mehr zu ändern ist. Ich blicke aus den Fenstern rechts neben mir, aus den Fenstern vor mir, und aus den Fenstern an der linken Seite des Zimmers, und sehe keine Sonne, sehe keinen blauen Himmel, sehe keine Züge von Gänsen, nicht einen einzigen Vogel der Dir seine Grüße senden möchte, nichts als die tief dunklen vom Sommerregen triefenden grünen Blätter der hohen Ahornbaüme die seit den sechzig Jahren die wir hier wohnen, das Haus wie eine Dornröschenhecke überdachen und beschützen, die es aber im nächsten Wirbelsturm zu erschlagen drohen. Nicht nur der Mensch, auch die sonstige Natur ist den Schlaganfällen des Zufalls oder des Schicksals ausgeliefert. Wenn ich meine Briefe von vor 72 Jahren lese, und die verzweifelte Sehnsucht von damals mit der heutigen genügsamen Sättigung des Gemüts vergleiche, - oder sollte es heißen - mit dem selbstgefälligen senilen Sattseins mit dem Leben im hohen Alter, dann komme ich zu nichts als dem Beschluss dass ich die stillen ereignislosen Tage die ich jetzt genieße, nicht verdient habe. Das Gemüt ist wechselhaft wie das Wetter. An manchen Tagen fallen mir keine eigenen Gedanken ein. Dann lese ich in den vielen Büchern die seit so vielen Jahren kaum angeschaut und unverstanden auf den Regalen stehen. Kürzlich sind es Albert Schweitzers "Kultur und Ethik", Lessings Laokoon, Herders Philosophie der Geschichte der Menschheit, Georg Simmels "Soziologie",... und zu meinem Erstaunen, fast zu meinem Erschrecken meine ich, das bisher Unverständliche dieser Werke plötzlich zu "verstehen", aber nicht als gewöhnlich Verständliches oder gar Verstandenes, sondern als Bemühungen das Verfassers das Unerklärliche zu Erklären. Wie Goethe es dem Mephistopheles in den Mund legte: "Nachher vor allen andern Sachen Müßt ihr euch an die Metaphysik machen! Da seht, daß ihr tiefsinnig faßt, Was in des Menschen Hirn nicht paßt; Für, was drein geht und nicht drein geht, Ein prächtig Wort zu Diensten steht." Tatsächlich erscheinen mir dann die einschlägigen Fragen, wie etwa über Kultur und Ethik, über das Schreien oder Schweigen des verwundeten Laokoon, über die geheimnisse der Zeit, mit ihrer ewigen Gegenwart, mit ihrer unwiederbringliche Vergangenheit, und mit ihrer unerreichbaren Zukunft, über die Freundschaften und Feindschaften der Menschen - sie alle dünken mich metaphysische Fragen, Fragen über welche ich in meiner äffisch naiven Weise selbst nachgesonnen habe, so dass beim Lesen die Spannung des Verstehens oder Nichtverstehens durch einen gewissen gedanklichen Kurzschluss gelichtet wird; und mir der Schriftsteller mit der hoffnungslos unlöslichen Aufgabe die er sich gestellt hat, plötzlich in brüderlicher Weise leid tut, und mein Unverständnis des jenseits Unverständlichen, des metaphysisch Transzendentalen, in dessen Spiegelbild, in mein Verständnis des dieseitig Unverstandenen, umkippt, so dass ich den berühmten Schriftsteller in seinem Labyrinth des Unsinns bemitleide, und mir von ihm in meinem eigenen Labyrinth des Unsinns Gesellschaft geleistet und mich von ihm entschuldigt fühle. An Tagen wo mir vermutlich eigene Gedanken einfallen, setze ich mich mit den Widersprüchen zwischen dem einfachen anspruchslosen Erleben und den überwältigend schwer verständlichen Theorieen der mathematischen Physik auseinander. Als Abiturient bekam ich abgesehen von Deutsch, in der Physik die besten Zensuren, und der Anfang meines Universitätsstudiums war auf die Physik gerichtet. Ich weiß nicht ob mein Interesse versank weil meine Leistungen auf diesem Gebiet versagten oder weil, umgekehrt, meine Begeisterung für die Physik verebbte, weil ich mich von Rilke und Hölderlin auf andere Geistespfade hatte verleiten oder verführen lassen. Jedenfalls wendete ich mich damals von der Physik zur Literatur. Medizinstudium, erst Allgemeinpraxis und dann Ophthalmologie, hab ich stets als Ablenkungsmanöver betrachtet, habe die folgenen 76 Jahre im Schatten von Hölderlins Bekenntnis verbracht: Lebenslauf Größeres wolltest auch du, aber die Liebe zwingt All uns nieder, das Leid beugt gewaltiger, Doch es kehret umsonst nicht Unser Bogen, woher er kommt. Aufwärts oder hinab! herrschet in heiliger Nacht, Wo die stumme Natur werdende Tage sinnt, Herrscht im schiefesten Orkus Nicht ein Grades, ein Recht noch auch? Dies erfuhr ich. Denn nie, sterblichen Meistern gleich, Habt ihr Himmlischen, ihr Alleserhaltenden, Daß ich wüßte, mit Vorsicht Mich des ebenen Pfads geführt. Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen, Daß er, kräftig genährt, danken für alles lern, Und verstehe die Freiheit, Aufzubrechen, wohin er will. Hölderlin Und nun, fast am Ende, wage ich diesen letzten Aufbruch in die Leidenschaft der Jugend, erlaube ich mir diese beschämend hoffnungslose Trödelei mit der mathematischen Physik die ich im schulischen Sinne so wenig "verstehe", dass ich wahrscheinlich auch die einfachste akademische Prüfung nicht zu bestehen vermöchte. Und doch sage ich mir, dass vielleicht meine Bemühungen, allenfalls als docta ignorantia, oder sollte ich schreiben, als wissenslose Gelehrtheit, für mich selber, einen Sinn haben. Eine denkbare Brücke von der Literatur zur mathematischen Physik bietet sich mir das zwölfte aus der ersten Reihe von Rilkes Sonette an Orpheus: Heil dem Geist, der uns verbinden mag; denn wir leben wahrhaft in Figuren. Und mit kleinen Schritten gehn die Uhren neben unserm eigentlichen Tag. Ohne unsern wahren Platz zu kennen, handeln wir aus wirklichem Bezug. Die Antennen fühlen die Antennen, und die leere Ferne trug... Reine Spannung. O Musik der Kräfte! Ist nicht durch die läßlichen Geschäfte jede Störung von dir abgelenkt? Selbst wenn sich der Bauer sorgt und handelt, wo die Saat in Sommer sich verwandelt, reicht er niemals hin. Die Erde schenkt. Rilke Sonette an Orpheus I, 12 Wäre es möglich, dass mit dem hier heilig gepriesenen "Geist "der uns verbinden mag;" die Mathematik als eine besondere Logik verstanden sein sollte, wovon Mephistopheles erklärte: "Gebraucht der Zeit, ſie geht ſo ſchnell von hinnen, Doch Ordnung lehrt euch Zeit gewinnen. Mein theurer Freund, ich rath’ euch drum Zuerſt Collegium Logicum. Da wird der Geiſt euch wohl dreſſirt, In ſpaniſche Stiefeln eingeſchnuͤrt, Daß er bedaͤchtiger ſo fort an Hinſchleiche die Gedankenbahn, Und nicht etwa, die Kreuz’ und Quer, Irlichtelire hin und her. Dann lehret man euch manchen Tag, Daß, was ihr ſonſt auf einen Schlag Getrieben, wie Eſſen und Trinken frey, Eins! Zwey! Drey! dazu noͤthig ſey. Zwar iſt’s mit der Gedanken-Fabrik Wie mit einem Weber-Meiſterſtuͤck, Wo Ein Tritt tauſend Faͤden regt, Die Schifflein heruͤber hinuͤber ſchießen, Die Faͤden ungeſehen fließen," Goethe, Faust I Es war diese "Gedankenfabrik" der mathematischen Wissenschaft die mir Angst machte und vor der ich in andere Gebiete floh - in die Literatur und in die Medizin. Mit seinem Hinweis "denn wir leben wahrhaft in Figuren." erinnert Rilke an das Ausmaß in welchem unser Erleben vom Rechnen beherrscht wird, besonders vom Zählen der Zeit; "Und mit kleinen Schritten gehn die Uhren neben unserm eigentlichen Tag." Dass es einen "eigentlichen Tag" geben möchte, dem der Stundenplan und der Kalender fremd bleiben, erinnert an die Beobachtung in Rilkes Erster Duineser Elegie: "und die findigen Tiere merken es schon, daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind in der gedeuteten Welt". Es mag ein Merkmal meines hohen Alters sein, dass ich viel über das Erleben und das Verstehen dessen was wir "Zeit" nennen, nachsinne. Überraschend und fremd empfinde ich die Zeitvorstellung der Speziellen Relativitätstheorie, die Zeit sei als eine von der Lichtgeschwindigkeit abgeleitete Erscheinung zu verstehen. Wer hat Recht? Der Mathematiker der behauptet Gegenwart ist "nichts als" substanzlose Hyperfläche, oder der Nichtmathematiker der sagt, "Alles wirkliche ist Gegenwart," und der sich weigert die Minuten, die Tage, die Stunden, die Jahre zu zählen. Der Physiker behauptet die "Gegenwart" sei eine substanzlose, leere Hyperfläche (Hypersurface) zwischen einem wirklichen Zukunftskegel und einem wirklichen Vergangenheitskegel von Raum-Zeit, (siehe Anhang) indessen meinem Erleben gemäß, beide, die Vergangenheit und die Zukunft in das mir Gegenwartige verschlungen sind, aber zunehmend schwindend und unwirklich. Von dem was mir in den nächsten zehn Minuten bevorsteht, hege ich eine lebhafte Vorstellung, aber was in zehn Wochen, in zehn Jahren, oder gar in tausend Jahren sein möchte, wage ich mir nicht auszudenken. Vergleichbar ist es mit der Vergangenheit, von dem was ich vor zehn Minuten erlebte ist mir noch einiges gegenwärtig, von vor zehn Stunden, verschwindend wenig. Was weiter vergangen ist, wie leidenschaftlich auch mir vom Gedächtnis, mit Hilfe von Briefen, Bildern, und den gelehrtesten von Büchern ins Gemüt zitiert, mutet mich an als Mythos. Einzig wirklich, hingegen, ist mir die Gegenwart, in der ich, bis es Zeit is zu Bett zu gehen, das ewige Leben genieße. Herzliche Sommergrüße, auch von Nathaniel, an Euch alle, von Jochen