Lieber Jochen, Danke für deinen Brief vom 27.Juni. Was ist wohl denkerisch heute bei Dir dran? Mathematische Physik oder herder oder...? Bei uns nichts dergleichen. Dafür untersuchungen auf unserem kleinen territorium zu Insektenvorkommen und Pflanzen, die auf den 2 ha gerade blühen. Ich weiß nicht, ob ich Dir gescnrieben habe, dass wir im vorigen Jahr mit einem Landwirt, auch BUND-Mitglied und früherer Schüler, die Umwandlung von 2 ha seines Ackerlandes in Blühfelder beschlossen und praktiziert haben, Wildblumensamen gesät, Glück hatten mit den Wetterbedingungen zur Aussaat-Zeit und danach, ein wahres Paradies konnten entstehen lassen , das eine heimat für Insekten werden soll. Vorläufig, selbst in diesen enorm trockenen zeiten, funktioniert das auch noch. Auch Vögel werden sich sicher bedienen. Damit die Samen im herbst nicht als Vogelnahrung verloren gehen, haben wir die beiden Felder letztes Jahr nichtz gemäht, entgegen allen guten Ratschlägen, und sind damit bestens gefahren. Ohne irgendwelche NAchsaat sind beide Felder dicht bewachsen und blühen bislang freudig. Seit einiger zeit sind die himmelblauen Wegwarten dran. Viele Schwebfliegen vor allem, auch Hummeln, Bienen - wenig Wildbienen bislang -, und gestern habe ich in einer Blüte der Nickenden Distel vier trauer-Rosenkäfer entdeckt, die sich zur Nacht zusammengetan hatten. Das beglückt. Die waren vorher woanders, nun haben sie unser Bemühen belohnt. Auch eine Lerche wurde in der gegen gehört und gesehen, und allerlei sonstige Vögel machen sich auch bemerkbar.Gelegentlich kann ich vorübergehende Wanderer - nicht viele! - auf etwas aufmerksam machen, stoße auf Staunen, und merke immer wieder, wie völlig ahnungslos heutzutage die Menschen der sie umgebenden Natur gegenüber sind. Das ganze Unternehmen zeigt, dass selbst im rauhen und eher unwirtlichen Sauerland Dinge möglich sind, die wir noch halb träumerisch aus unserer Kindheit erinnern. Mal sehen, wann die ersten Probleme auftauchen, tun sie bestimmt. gestern beim Gang um unsere Lieblings-Talsperre flog über uns ein Schwarzstorch, ein höchst seltener Vogel, von dessen Existenz irgendwo in der Nähe man sich lange Jahre aus Sicherheitsgründen nur hinter vorgehaltener Hand erzählte. Zwei Graureiher flogen gleichzeitig mit ihm. Wir waren höchst angenehm überrascht. Jetzt am Morgen blühen im Garten die vielen über mannshohen Wegwarten auf, sie brauchen immer erst die Ermutigung durch Licht und Sonne, und wenn sie die ein paar Stunden genossen haben, verblühen sie schon wieder. Am nächsten Morgen dasselbe Spiel, zu unserer Ergötzung, und das geht über einige Wochen. Da lohnt das Aufstehen. In zwei Stunden werde ich mit einer Freundin aus der Nachbarschaft nochmals zu den Blühfeldern fahren, denn bei unserem gestrigen Besuch am Spätnachmittag waren dort die sehr vielen Wegwarten längst verblüht. Uns erwartet also eine besondere Freude. Und bis dahin werden wir bei den Freunden mit den Hunden, deren eine Hündin Wand wir schon zweimal bei uns aufgenommen haben, in der Nachbarschaft drei Schildkröten , deren eine auf den Namemn Theo hört (bilden wir uns ein, denn ich glaube, Schildkröten "hören" über Erschütterungen des Bodens) mit Wasser und Grünzeug versorgen. Jetzt gerade holt wieder eine Amsel, die Junge zu pflegen hat, einen Schnabel voller gefriergetrockneter Mehrwürmer. Die ewigen Sonnenblumen sind für Jungvögel nicht hinreichend, sie brauchen tierisches Eiweiß, und das ist wegen des großen Insektenmangels kaum lieferbar. So, das war ein Einblick in die Tätigkeiten, mit denen wir uns so beschäftigen. Einige jedenfalls. Gestern Abend habe ich auf Arte eine Sendung über Pestizide, ihre fatalen Wirkungen und die Firmen, die sie herstellen, gesehen. Alptraumhaft. Jetzt aber "nehme ich einen Tee" und spaziere damit einmal durch den Garten, gieße hier und da ein wenig und hoffe weiterhin auf Regen. Das Sauerland, früher berüchtigt für seine immensen Regfenmengen, was man schließlich auch an den vielen Talsperren sieht, wird seit Jahren umgangen, vermieden. Ein erfreuliches Resultat der vernichtung unserer Fichtenwälder ist immerhin die prachtvolle Ausbreitung des Fingerhuts. Und der Himbeeren, die richtig erntebereit überall herumstehen. Tee! Hoffentlich beschert Dir der heutige Tag auch einige Freuden! Liebe Grüße von Deinen Gertraud und Bernd.