am 27 Juni 2022 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Vielen Dank für Euern Geburtstagsbrief, und ins Besondere für Eure Nachsicht mit meinen Schrulligkeiten an denen wohl, wenn je, nach 92 Jahren schließlich nichts mehr zu ändern ist. Ich blicke aus den Fenstern rechts neben mir, aus den Fenstern vor mir, und aus den Fenstern an der linken Seite des Zimmers, und sehe keine Sonne, sehe keinen blauen Himmel, sehe keine Züge von Gänsen, nicht einen einzelnen Vogel der Euch seine Grüße sendete, nichts als die tief dunklen vom Sommerregen triefenden grünen Blätter der hohen Ahornbaüme die in den sechzig Jahren seit wir hier wohnen, das Haus wie eine Dornröschenhecke überdachen und beschützen, die es aber im nächsten Wirbelsturm zu erschlagen drohen. Nicht nur der Mensch, auch die sonstige Natur ist den Schlaganfällen des Zufalls oder des Schicksals ausgeliefert. Wenn ich meine Briefe von vor 72 Jahren lese, und die sehnsüchtige Verzweiflung von damals mit der heutigen genügsamen Sättigung des Gemüts, - oder sollte es heißen - mit dem selbstgefälligen senilen Sattseins mit dem Leben des hohen Alters, - vergleiche, dann komme ich zu nichts als dem Beschluss dass ich die stillen ereignislosen Tage die ich jetzt genieße, nicht verdient habe. Das Gemüt ist wechselhaft wie das Wetter. An manchen Tagen fallen mir keine eigenen Gedanken ein. Dann lese ich in den vielen Büchern die seit so vielen Jahren kaum angeschaut und unverstanden auf den Regalen stehen. Kürzlich sind es Albert Schweitzers "Kultur und Ethik", Lessings Laokoon, Herders Philosophie der Geschichte der Menschheit, Georg Simmels "Soziologie",... und zu meinem Erstaunen, fast zu meinem Erschrecken meine ich, das bisher Unverständliche dieser Werke plötzlich zu "verstehen", aber nicht als gewöhnlich Verständliches oder gar Verstandenes, sondern als Bemühungen das Verfassers das Unerklärliche zu Erklären. Wie Goethe es dem Mephistopheles in den Mund legte: "Nachher vor allen andern Sachen Müßt ihr euch an die Metaphysik machen! Da seht, daß ihr tiefsinnig faßt, Was in des Menschen Hirn nicht paßt; Für, was drein geht und nicht drein geht, Ein prächtig Wort zu Diensten steht." Tatsächlich erscheinen mir dann die einschlägigen Fragen, wie etwa über Kultur und Ethik, über das Schreien oder Schweigen des verwundeten Laokoon, über die unwiederbringliche Vergangenheit, über die Freundschaften und Feindschaften der Menschen - sie alle metaphysische Fragen, Fragen über welche ich in meiner äffisch naiven Weise selbst nachgesonnen habe, so dass beim Lesen die Spannung des Verstehens oder Nichtverstehens durch einen gewissen gedanklichen Kurzschluss gelichtet wird; und mir der Schriftsteller mit der hoffnungslos unlöslichen Aufgabe die er sich gestellt hat, plötzlich in brüderlicher Weise leid tut, und mein Unverständnis des jenseits Unverständlichen, des metaphysisch Transzendentalen, in dessen Spiegelbild, ins Verständnis des dieseitig Unverstandenen umkippt, so dass ich den berühmten Schriftsteller in seinem Labyrinth des Unsinns bemitleide, und mir von ihm in meinem eigenen Labyrinth des Unsinns Gesellschaft geleistet und mich von ihm entschuldigt fühle. An Tagen wo mir vermutlich eigene Gedanken einfallen, setze ich mich mit den Theorieen der mathematischen Physik auseinander welche, in mir betrügerischer Weise die "Gegenwart" als eine substanzlose, leere Hyperfläche (Hypersurface) zwischen einem wirklichen Zukunftskegel und einem wirklichen Vergangenheitskegel von Raum-Zeit bestimmt, also wie ein Schinkenbrot das keine saftige, sondern nur eine nominelle unsichtbare Hyperscheibe Schinken enthält; indessen meinem Erleben gemäß beide, die Vergangenheit und die Zukunft zunehmend schwindend und unwirklich sind; die Gegenwart mir hingegen, als das einzig wirkliche, als das tatsächlich ewige Leben erscheint. Was diese Gedanken beweisen, ist schließlich nur eins, dass ich mit 92 Jahren zu alt geworden bin. Aber ich verstehe jedenfalls noch so viel, dass ich mit meinen "Erklärungen" wieder einmal Eure Toleranz, Euern guten Willen für mich auf die Probe gestellt und ausgenützt habe. Herzliche Hochsommergrüße an Euch beide. Euer Jochen