Das Ziel das ich mir gesetzt habe ist mein eigenes Verständnis der Zeit zu entwerfen und auszuführen. Die rücksichtslos berechenbare Zeit der mathematischen Physiker genügt mir nicht. Diese zieht sich zurück auf den sich aus einer Singularität ergebenden Urknall, erstreckt sich in die Zukunft in ein sich unablässig mit Lichtgeschwindigkeit erweiterndes Weltall, und verbindet die beiden, Zukunft und Vergangenheit mit einer infinitesimalen und deshalb unbegreifbaren und unergreifaren wesenlosen Hyperfläche der Gegenwart. In dieser Weise verleugnet und vernichtet die Messung und Berechnung, nicht aber das Zählen, die erlebte Zeit. Wirklich wird mir die Zeit, wenn ich das Aufgehen oder Versinken der Sonne, das schwingende Pendel, das Verrinnen und Häufen des Sandhäufchens in der Sanduhr beobachte, wenn ich das Ticken der Uhr oder das Läuten der Glocke höre, den Trommelschlag, die Melodie und den Takt der Musik. Ich lebe in einer Gegenwart die ewig ist bis ich anfange sie zu messen. Dann verschmilzt meine Gegenwart in zunehmend geringere Zeitspannen bis es sich in einer bestandlosen Hyperfläche verliert. Das reimt sich, denn es steht geschrieben 1 Mose 2:17 "aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen sollst du nicht essen; denn welches Tages du davon ißt, wirst du des Todes sterben." Dieses Zitat weist auf die Frage, ob nicht da alles vermeintlich Gewusste wahr oder unwahr sein muss, und da die Wahrheit gut, die Unwahrheit aber schlecht ist, seinem Wesen nicht nach alles vermeintliche Wissen ein Unterscheiden von Wahrheit und Unwahrheit, ein Wissen von Gut und Böse ist. Ich frage, ob es überhaupt ein Wissen gibt das nicht ein Wissen von Gut und Böse ist? Oder ergehe ich mich in spitzfindigen Sophismen? Mit anderen Worten, wenn alles Wissen im Grunde ein Wissen um Wahrheit und Lüge ist, wäre nicht der Schrift gemäß alles Wissen Ursache des Todes. Die Physik behauptet das gültige Wissen sei das Messen; behauptet aber dann wiederum (in der Quantenmechanik), dass schließlich das Messen unmöglich ist, und dass das endgültige Wissen sich in Unwissen auflöst. Die Gegenwart wird durch den Anspruch sie zu messen zerstört, so unvermeidlich wie das Leben durch die Vivisektion. Wäre es vielleicht ein Folgesatz der Quantenmechnik, dass das Messen die Gegenwart - und somit das Leben - zerstört? Ich schlage vor: Das Berechnen macht die Liebe unmöglich und zerstört sie. Die Mathematik zerstört das Leben. John Maynard Keynes hat gesagt: In the long run we are all dead. Unser Leben ist ein kurzes. Es ist ein Dazwischen. Ein Zwischenspiel, an Interlude zwischen einem unbegreifbaren Anfang und einem unbegreifbaren Ende. Ist Mathematik das wirkliche Wissen das zum Tode führt? das nichts zu erklären vermag als den Tod? Wenn ich nun aber behaupte Zukunft und Vergangenheit seien mir unerreichbar, so erweise ich, dass ich mich von der mathematischen Bestimmung der Gegenwart als Hyperfläche habe verleiten lassen, dass nämlich die Gegenwart ein Maß oder einen Grad der Zukunft einbeschließt und ebenso dass die Gegenwart ein Maß oder einen Grad der Vergangenheit einbeschließt. Es handelt sich eben nur um Worte, und dass ich mich vielleicht von einer von mir falsch verstandenen Mathematik habe zu einem Missverständnis von Zeit und Gegenwart habe verleiten lassen. Also will ich Vergangenheit und Zukunft ein weiteres Mal überlegen. Von der Vergangenheit muss ich zugeben, muss ich behaupten, dass sie mich wie ich mich jetzt tätig und handelnd befinde, geschaffen hat; dass was ich von der Sprache, von meiner Umgebung, ja und auch was ich von den verschiedensten Berechnungen und vom Rechnen selbst "gelernt" habe, ein Teil meines gegenwärtigen Fühlens, Denkens, und Handelns geworden ist; ein Teil dess der ich geworden bin und der ich auch heute noch bin, so dass ich beschließen muss, dass insofern die Vergangenheit sich in mir vergegenwärtigt (aber nur insofern) mein geistiges und körperliches Leben aus der Vergangenheit rührt, und diese Vergangenheit bewahrt und bestätigt. Da gibt es die verschiedensten sprachlichen, geistigen, körperlichen Strähnen die sich in der Gegenwart behaupten und die mir somit die Vergangenheit vergegenwärtigen. Überall aber begegne ich Schranken die mir sehr weite und bedeutende Teile der vorstellbaren (und nicht vorstellbaren) Vergangenheit unzugänglich machen, und die ich nicht überqueren kann. Wie sich die Vergangenheit, wenn auch in nur beschränktem Maße in meinem (gegenwärtigen) Leben zur Gegenwart wird und sich als solche bestätigt, so nimmt auch die Zukunft teil an meinen gegenwärtigen Leben. Die Zukunft wird durch mein Leben in beschränktem Maß in meine Gegenwart einberufen und in dieser verwirklicht. Eine gewisse, beschränkte Ahnung der Zukunft gehört zu den Lebensnotwendigkeiten meines Daseins. Am Einfachsten, ich weiß dass ich hungrig, durstig, müde werden werde, und dass ich mich vorbereiten muss, zu essen zu trinken, zu ruhen, zu schlafen. In vergleichbarer Weise ist es mir lebensnotwendig, die verschiedensten Bedürfnisse und Notwendigkeiten des künftigen Lebens vorwegzunehmen. Nicht umsonst gibt es Lebenspläne aller Art: Studienpläne, Reisepläne, Fahrpläne, Vorsehungen und Vorsichten aller Art die sich mir aus der Vergangenheit eingegliedert haben, und auf die ich mich verlasse, und verlassen muss um die beschränkte SPanne meines restlichen Lebens zu ermöglichen. Beim Entwerfen und Ausführungen, zum Beispiel eine Haushaltsplans, wird anschaulich wie intim sich die Erwartungen des Zukünftigen sich in die Gegenwart eingeschlichen und eingebürgert haben, und sich nunmehr als ein Teil der Gegenwart behaupten. Und dies wiederum ist offensichtlich nur in Hinsicht auf eine beschränkte Zukunftszeit möglich. Das Ausmaß und die Gültigkeit des Vergangenen das mein gegenwärtiges Bewusstsein - und ein anderes gibt es nicht - beherrscht ist Ausdruck und Auswirkung meines Gemüts, meines Gedächtnisses, meiner geistigen Tätigkeit. Nicht nur meine Wahrnehmungen sondern auch meine Gedanken verwandeln mein Gemüt, und dies in einer Weise welche die erinnerte Vergangenheit mir gegenwärtig macht. Auch die Veränderungen meines Gemüts die der Verlauf der Zeit geschaffen hat und zu schaffen fortfährt, hinterlassen tiefe Spuren in meinem Gemüt. Das sind Spuren welche meinem Geist die Bewältigung der auf mich zukommenden Zeiten, der Zukunft ermöglichen. Ein Missverständnis ergibt sich aus der unbegründeten Voraussetzung mein Erleben und meine Bewältigung des Zeitverlaufes müssten mit der mathematischen Beschreibung und Bestimmung der Zeit übereinstimmen. Das ist keineswegs der Fall, eröffnet aber des Ausblick auf wesentliche Fragen in dem weiten Feld, wie die Mathematik das Erleben verwandelt, und wie sich das Erleben der mathematischen Sätze und Schlüsse zu dem übrigen, dem nicht-mathematischen, dem naiven Erleben verhält.