Zufällig, beim Frühstück am Wandschrank hinter mir, ist mir Albert Schweitzers "Kultur und Ethik" in die Hände gefallen. Ich nahm die Gelegenheit die ersten zwölf Seiten darin zu lesen, und wieder fiel mir auf, dass es sich bei Schweitzers Kulturbegriff um eine Geschichte von der Geschichte handelt, also um einen Mythos vom Mythos, wo dem es mir scheint, dass er der Weg in ein Geisteslabyrinth darstellt, der es zu meiner Aufgabe gemacht hat, den Ariadnefaden zu finden um sich an ihm in die unbefangene Freiheit des (existentiellen) Denkens und Fühlens führen zu lassen. Dieser Faden ist das eigene Erleben, das eigene unmittelbare, gegenwärtige Denken und Fühlen. Ich muss gestehen, dass dieser Vorgang, dass dies Erleben nicht bedingungslos ist. Es gibt keine Tabula Rasa. Mein Gemüt ist durch die Symbolik, durch die Sprache und durch die Mathematik gestaltet. Das sind überlieferte "kulturelle" voraussetzende Gegebenheiten an denen es sich wie an einem Spalier entwickelt hat. Schweitzer fordert eine "populäre" Philosophie als ein Gedankengerüst das die "Kultur" ermöglichte und daran gebunden, oder davon geleitet, die "Kultur" sich entwickeln oder erhalten möchte. Als solche betrachte ich die unbeabsichtigten Überlieferungen der Antike, ins besondere des jüdischen und des christlichen Glaubens welche seither das Denken und Fühlen der westlichen Welt verwalten. Von den geistigen Überlieferungen des Ostens weiß ich zu wenig um auch nur eine Erwähnung zu ermöglichen. Von den Traditionen des Westens aber, in denen ich aufgewachsen bin, und an denen, wie an Spalieren, mein Geistes- und Gefühlsleben sich entfaltet hat, meine ich zu erkennen dass sie sich nicht aus Vorsicht und aus Absicht, sondern "naturgemäß" aus zufälligen Umständen entwickelt haben. Anders als der Schweitzer, der wie ein Prophet und Evangelist, zugleich Apokalypse Verdammnis und Erlösung predigt, mute ich mir nicht zu, wage und beanspruche ich nicht die Zukunft zu erahnen und zu berichtigen. Ich vergleiche Schweitzers Imperatif der Ehrfurcht vor dem Leben mit den Antispeciesis Begehren der Gegenwart. Dieses widerspricht der schicksalsvollen Satzung der Menschen als Herrscher über die Tiere wie sie im 1. Buch Mose verkündigt wird. Wenn Menschen "nur" Tiere wie andere Tiere sind, warum sollte sich dann die Liebe und die Ehrfurcht welche sie für einander empfinden auf andere Lebewesen ausgedehnt werden? Leben nicht Fische indem sie einander verzehren? Leben nicht Raubtiere, einbeschlossen Raubvögel, indem sie andere Tiere - und Vögel - töten und fressen? Wenn es natürlich ist, dass der Bär den Menschen tötet um ihn zu fressen, ist es nicht ebenso natürlich, dass der Mensch den Bären tötet, wenn nur um sich vor ihm zu schützen? Wäre Ehrfurcht vor dem Leben etwa Angst vor dem eigenen Tod? Es ist ebenso unmöglich dass alles Lebendige ewig lebt wie es unmöglich ist, dass ich selber ewig lebe.