From: bugstrangfeld@web.de Subject: Schmerz am 16. Juni 2022 Lieber Jochen, Schmerzen empfinden zu müssen, ist ene der großen Ängste, die viele Leute im Alter (und überhaupt) bewegt, und selig sind die, die einfach ohne Vorwarnung plötzlich umfallen oder des Morgens nicht mehr aufwachen. Mit vielen frerunden meines Alters habe ich dieses Thema schon besprochen, es zeigt sich da immer eine große Gemeinsamkeit. Du musst Dich quälen und weißt als Linderung die beschäftigung mit Fragen der Mathematik. Und die Klage, die Du aber gleichzeitig relativierst, indem Du sie den Armen der Mathematik anvertraust. Kompliziert und durchaus jenseits meines Horizontes, auch deshalb, weil ich zur Mathematik - Du wirst es Dir denken können - nie ein inniges, man könnte eher sagen höchst gestörtes Verhältnis hatte. Allerdings muss ich saagen, dass, wenn ich mal etwas begriffen hatte, mich das beglückte. Warum wohl? Wohl nicht, um meinem Lehrer einen gefallen zu tun, es war etwas Tieferes. Aber ich brauchte es nicht zum leben. Hölderlin liest sich mal wieder wunderbar. Wie beglückend, wenn man jemanden findet, der die eigenen Gedanken und Empfindungen so ausdrücken kann! Was Du aber nicht beschrieben hast, ist, wie Du bei den Plagen, die Deine beweglichkeit so stark einschränken, dennoch zurechtkommst. Aber Du musst natürlich darüber nicht sprechen. Schade, dass Du mir nicht gegenüber sitzen kannst an unserem Küchentisch, Blick in den Garten, vorne blühender Natternkopf (Echium vulgare), einen guten Meter hoch, besucht von Hummeln und ab und an einem Schmetterling, meist Kleinem Fuchs (Small tortoiseshell), dahinter Wegwarte, Zichorie, in Knospen, über 2 m hoch, rechts und links gelbe, rote und lilablaue Blüten, dazu Vogelgezwitscher, alles unter einer wohlgesonnenen Sonne, leisem Wind. Dazu dieses hoffnungsvolle Gefühl von Frühsommer, wenn noch alles möglich erscheint, Probleme lösbar, , die Menschen guten Willens, die Atmosphäre lächelnd vor allgemeinem Wohlgefallen. Das ist das Gefühl, das - für mich jdenfalls - der Juni verbreitet. Vor uns noch eine Reihe langer heller Tage, alles noch im Werden, mitteleuropäische Üppigkeit. Und bei Euch ja auch. Eher finstere Beschlüsse und Entscheidungen, die man im Winter getroffen hat, scheinen unnötig oder zumindest noch lange Aufschiebbar.. Ähnlich erging es Bernd und mir auch, als wir 2004 im April einige Kilometer auf dem Appalachian Trail gewandert und aus dem bewundernden Staunen über all die Flora kaum heraus fanden. Schon bei Regen können sich diese glücklichen Empfindungen in zweifelnde melancholie verwandeln. So ist wohl das leben. Sie sind ja sowieso ein Luxus der in Wohlstand und Frieden Lebenden, hauptsächlich, glaube ich. Wir sind heftigst mit dem Garten beschäftigt. In den drei Wochen unserer Abwesenheit hat sich alles sehr beflügerlt in die Höhe und breite gestreckt, manche Pflanzen führen seither sozusagen ein Leben im Untergrund oder haben den geist aufgegeben, insgesamt blüht es verspricht Blüte an allen Enden. bernd hat Wege freigeschnitten, geschreddertes verteilt, halbe Bäume besägt - abenteuerlich, auf der Leiter stehend mit Motorsäge fast ber dem Kopf, jugebndlich leichtfertig, aber erfolgreich - , ich habe mehrmals längere Einsätze bei unserem 91jährigen Nachbarn absolviert und Berge von Grünzeug ausgegraben oder -gerissen, und damit unseren Nachbarn hoffentlich von den größten Sorgen befreit. Er ist nämlich sehr abhängig vom Urteil anderer Leute, deren Ansichten über Gartenb er überhaupt nicht teilt , aber offenbar dennoch verinnerlicht hat, woraus eine Unterwürfigkeit gegenüber solchen Urteilen resultiert, eine selbstvernichtende Selbstkritik, die ihm nicht guttut. Er findet aber immer wieder etwas Neues, was er sich zum Vorwurf machen kann. Doch neulich haben wir zu dritt auf den Stufen seines Hauses gesessen und über die Kunstwerke gesprochen, die winzig kleine Käfer, in diesem Falle er HAselblattroller, anfertigen, ganz allein, um ihre Eier darin abzulegen. Er berichtete, dass er diese Phänomene schon in seiner Kindheit beobachtet hat. Und wir waren uns einig, dass die Natur doch sehr wunderbar sein kann. In einer Stunde treffen wir uns mit unserem BUND-Mitglied und Landwort an den Blühfeldern, die kürzlich ganz weiß vor Margeriten waren. Ich weiß icht, ob ich Dir davon erzählt habe . Wir haben im vorigen Frühjahr, 2021, zwei Hektar Ackerland mit Samen überwiegend einheimischer Blütenpflanzen eingesät, um Möglichkeiten für Insekten zu schaffen, die ja in unserer Form der Landwirtschaft kaum noch Lebensmöglichkeiten finden. Monatelang hat es dort voriges Jahr geblüht, zu unserem Entzücken und dem von Spaziergängern, während nicht so viele Insekten wie erhofft erschienen. Aber vielleicht muss sich das erst herumsprechen. Im herbst haben wir nicht gemäht, um die Samen für die Vögel zu erhalten und etwaige Eigelegen, Raupen und Puppen nicht zu zerstören. Und siehe, dieses Jahr wächst und Blüht es wie erhofft. Heute wollen wir überlegen, wie es weitergehen soll. Hoffentlich muss hier nicht Weizen nach dem Ausfall der Ukraine angebaut werden. Wir versuchen zu verdrängen. Eine Lerche wurde dort, wie schon im letzten Jahr und davor Jahrzehnte nicht, eine Lerche gehört und gesichtet . Das könnte ja mit unseren benühungen in Zusammenhanfg stehen. Lieber Jochen, wir wünschen Dir, dass Deine Gedanken Deinen Schmerz eindämmen und Dich zu mehr solch begeisternden und hoffentlich tröstenden texten wie die von Hölderlin führen. Aber die leben ja ohnehin in Deinem Kopf. Wenn Wünsche helfen könnten, würde wir tägliche Wunsch-Rituale einführen. Vielleicht hilft das ja doch etwas! Liebe grüße von Deinen Gertraud und Bernd.