So wie der Arzt, um seinen Patienten gewissenhaft behandeln zu können, mit der Anatomie als der Struktur, mit der Physiologie als der gesunden, und mit der Pathologie als der krankhaften Vorgänge des Körpers und des Geistes vertraut sein sollte, so muss ich, wenn ich beanspruche die wünschenswerten, gesunden Handlungsweisen des Menschen zu benennen, seine grundlegenden geistig-seelischen Fähigkeiten und Gepflogenheiten meinen Erwägungen zugrunde legen. Und nicht nur des Wesens des einzelnen Menschen muss ich kundig werden, sondern auch der Eigenarten der Menge der Menschen, der Eigenschaften der Gesellschaft zu welcher der Mensch als ein unabtrennbarer Bestandteil gehört. Indem ich auf diese Forderung hinweise, entdecke ich die Verflochtenheit meiner Bemühungen. Dass ich auf keinen Vorgänger meines Unternehmens verweise, besagt nicht dass es keinen solchen gäbe, sondern dass es mir weniger auf das Ergebnis des Denkens ankommt als auf dessen Vorgang, und dass es mir notwendig ist meinen eigenen Weg zu den Antworten auf diese Fragen zu finden. Wenn ich die Weite der Erde, die Vielfältigkeit der Völker und ihrer Sprachen bedenke, und hinzu dass geistiges und gesellschaftliches Leben sich fortwährend verwandelt, dann erscheint mir der Anspruch, wie etwa von Kant, eine allgemeingültige Ethik zu bestimmen, unerreichbar, unerfüllbar. Demgemäß muss ich mich mit nur beschränkten Ergebnissen abfinden, indem ich mich auf mein eigenes Erleben, auf meine eigenen Beobachtungen verlasse, von denen ich nichts mehr Anspruchsvolles zu hoffen vermag, als dass sie dem Leser behilflich sein möchten, sich in dem Labyrinth seines täglichen Lebens zurechtzufinden. Was die Ethik anbelangt, so ist vielleicht die grundlegende und nachhaltigste Frage ob der einzelne Mensch, ob ich als Einzelner, als Individuum in der Lage bin, mittels meiner Gedanken und Worte zu bestimmen was ich in der unmittelbaren Gegenwart oder in der Zukunft tue und was ich lasse. Mit anderen Worten, ob ich über einen "freien Willen" verfüge. Meinem Erleben gemäß ist der unmittelbare Urspring meines Tuns und Lassens unbewusst, und es entspringt, wenn überhaupt einem Unterbewusstsein. Erst im Nachhinein, erst im Rückblick, erkenne ich, das ich etwas getan habe und was dies gewesen sein möchte. Eine vergleichbare Unwissenheit begleitet all mein Handeln. Erst im Rückblick stelle ich fest was ich getan habe. Außerdem meine ich die Ethik sollte verstanden werden nicht als die Lehre von den notwendigen und wünschenswerten Handlungen des unanbhängigen einzelnen, sondern desin das Gewebe der Gesellschaft eingebundenen Menschen. Ein Handeln meinerselbst oder irgend eines anderen, ohne jeglichen Bezug auf die menschliche Umwelt vermag ich mir nicht vorzustellen. Und doch empfinde ich oftmals eine Spannung zwischem dem was die Gesellschaft von mir erwartet, und was ich zu tun geneigt bin. In diesem Zusammenhang bemerke ich, dass meine Anpassung an die Gesellschaft wesentlich unbewusst ist. In welchem Maße ich ein Herdentier bin ahne ich erst wenn ich im Rückblick darüber nachdenke. Wenn ich den Schwarm von Fischen beobachte der durch den See oder durch das Meer zieht, oder die Formation von Gänsen wie sie über die Wipfel der Bäume fliegen, die Bienen an ihren Waben, und die Ameisen in ihrem Haufen von Erde, dann frage ich mich, sind sich die einzelnen Tiere ihrer Individualitäten bewusst ebenso wie ich der meinen, rufen sie sich wie ich mir selber einander zu "Die Subjektivität ist die Wahrheit!", oder ist ihr gemeinsames Wirken so an- und eingeboren, dass ihnen ihr Zusammenhängen unbewusst und selbstverständlich ist. Ich wüsste nicht zu sagen, wie andere ihr Leben, ihne Mitmenschen, und die Menschheit sehen. Von meinem Standpunkte aber ist es sehr klar wie es um sie, wie es um uns alle, wie's um mich selber steht. Am Anfang und zugrunde liegt mein Unwissen, meine Unfähigkeit zu erkennen, wie es denn wirklich um mit selber und mit uns allen geht. Darum muss ich mein Denken beginnen mit dem was ich weiß, oder ehrlicher und genauer, mit meinem Unwissen. Der wesentliche Vorgang mittels dessen die Gesellschaft das Betragen ihrer Mitglieder zu kontrollieren, zu bestimmen sucht, ist die Gesetzgebung, und wenn die Gesetzgebung wirksam wäre, dann erschiene das Gesetz als das wesentliche Instrument der Ethik. Und historisch ist ja auch dies der Fall. Denn die jüdisch-christliche Überlieferung fußt und verlässt sich auf Gesetze und Gebote. Die Tatsache, dass in angesicht dieser Gesetze und Gebote eine Ethik dennoch vonnöten erscheint, ist der Hinweis auf deren Unzulänglichkeit. Bei keinem Thema tritt die Problematik der Ethik so unlöslich in den Vordergrund wie beim Streit um das Töten, sei es der Tiere oder der Menschen, zum Spaß wie beim Jagen, zur Nahrung, sei's beim Züchten zum Schlachten, sei's von Feinden zur Verteidigung des eigenen Lebens oder dem Wohl einer Sippschaft, und schließlich, am aller problematischsten, das Töten seiner selbst, als die endgültige Entsagung, der unwiderrufliche Abschied vom Dasein. Besonders bemerkenswert finde ich, dass wir für alles von einander und von uns selber Erlaubis erheischen, und zu bestimmen meinen was getan oder nicht getan werden muss, und oder getan werden darf. Was heißt Freiheit, wo ist sie? Es soll auf alles ankommen, alles will nach Regeln und Gesetzen entschieden sein. Ob dieses oder jenes Groß oder klein geschrieben werden muss, ob die Toten die in dem Herrn sterben selig oder seelig sind; ob meine Seele selig ist, oder ob deine sele Seelig sein möchte. Du glaubst alles, oder du glaubst nichts, war was Murphy einst zu Döhring sagte. Das ist auch meine Losung, und ich glaube nichts. Dass ich davon absehe mich selbst zu töten weil ich meinen Verwandten die Trauer ersparen will, ist ein weiterer Gedanke mit dem ich mich selbst betrüge. Aus Feigheit ist es, und nur aus Feigheit, dass ich am Leben bleibe. Fast, aber nicht völlig möchte ich behaupten, das mir Bedeutende wurde bewahrt und überliefert nicht wegen seiner Besondernheit, sondern lediglich durch Zufall. Das stimmt, aber nur bis zu einem gewissen Punkte. Denn um überhaupt überlieferungsträchtig zu sein, muss etwas Bestand haben. Was nicht besteht vermag sich der Gesellschaft nicht zur Überlieferung anzubieten. Dann aber aus dem vielen Verschiedenen das ihr zur Verfügung steht trift die Gesellschaft die schicksalhafte Auswahl welche der Kultur ihr Gepräge gibt. So verdanken wir die alte griechiche Kultur nicht (nur) der außerordentlichen Dichter, Künstler und Denker die sie sähten, sondern ebenfalls der Gesellschaft welche diese Kultur zu Herzen nahm, sie nährte und überlieferte. Heute Nachmittag - am 9. Juni 2022 - meine ich wieder einmal klar und eindeutig die Umstände zu erkennen, die mein Leben gestaltet haben. Hölderlin hat es geschrieben: Die Liebe zwingt all uns nieder. Das ist in meinem, wie in seinem Falle, keineswegs die geschlechtliche Liebe. Vielmehr ist es die Liebe zu nahstehenden Menschen, eine Liebe die aus der eigenen Einsamkeit, und aus der Furcht vor der Einsamkeit und Verlassenheit erblüht. Die Arbeit, erst die berufliche, dann die schriftliche - um das Wort schriftstellerisch zu vermeiden - und schließlich die gedankliche Arbeit ist mir zum Bollwerk gegen die Einsamkeit geworden. Dass ich anfangs von meinem Schreiben Gemeinsamkeit - eine Gemeinschaft gleichgesinnter, sympathischer Leser erwartete, ist verständlich, denn ich selber war ja zu der "klassischen" Literatur wie in eine geistig-seelische Heimat verlockt. Erst jetzt sehe ich ein wie ich mich getäuscht und betrogen habe, - oder wie ich mich habe von der Vorstellung täuschen und betrügen lassen, dass es einen Adel der Kulter gäbe den ich entdeckt hätte und der mich entdecken würde. lassen.