Philosophie ist ein anspruchsvolles Wort das ich zu meiden versuche, vornehmlich aus Scheu mich und mein Denken dem Leser aufzudrängen. Das Denken ist mir unabkömmliche Notwendigkeit, und weil ich ein leidenschaftlicher Mensch bin, vermag ich leidenschaftliches Denken nicht zu vermeiden. Nachdem ich jahrelang versucht habe aus Büchern bei den Gedanken berühmter Denker eine Grundlage und einen Ausgangspunkt für mein eigenes Denken zu finden und es ihnen sozusagen nachzumachen, bin ich schließlich zu der Überzeugung gekommen, dass mir nichts übrig bleibt als mich auf mein Denken in der Gegenwart zu verlassen, wobei ich verlegen wäre bestimmen zu müssen wo diese Gegenwart beginnt und wo sie ihr Ende hat. Ich möchte im Gegenteil vorschlagen, dass Gegenwart mit dem Verlauf der Zeit unvereinbar ist, dass die Gegenwart etwas bleibendes, ein Ewiges ist, und dass insofern die Gegenwart das Leben, und das Leben die Gegenwart ist, das Leben unvergänglich, unsterblich verstanden werden muss. Mein Ewigkeitserleben der Gegenwart wird von der gemessenen Zeit, von den gezählten Stunden, Tagen, Wochen, Monaten, Jahren, Jahrtausenden angefochten. Und wiederum bestreitet mein Erleben der Gegenwart die gemessene Zeit. Ich erinnere die Zeilen in eins von Rilkes Sonetten an Orpheus, Und mit kleinen Schritten gehen die Uhren neben unserm eigentlichen Tag. Am 4. Juni 2022 um 21 Uhr 49, ist es jetzt dunkel. Ich besinne mich der Sonne und ihres Untergangs vor nur zwei Stunden, und in etwa sieben Stunden wird es wieder hell, und wenn ich nicht gestorben bin, erlebe ich dann den Anbruch eines neuen Tags. Aber ich frage mich, gehören der vergangene Tag mit seinem Sonnenuntergang, und der kommende morgige Tag mit seiner aufgehenden Sonne, zur Gegenwart dieses Abends und dieser Nacht? Und wenn, warum nicht auch die vergangenen und die künftigen Tage und nicht nur zwei oder drei, sondern eine berechenbare Menge wie weit und zahlreich auch immer, die sich in die Vergangenheit und in die Zukunft erstrecken. Die Rechenkunst kennt keine Grenzen. Aber was bedeutet es eine dem Leben jetzt unerreichbare Gegenwart in der Vergangenheit oder in der Zukunft zu konstatieren? Das ist eine Frage zugleich unumgänglich und unbeantwortbar. Erstens, mein Erinnerungsvermögen, meine beschränkte Fähigkeit mich des Vergangenen zu besinnen; zweitens, die wesentlich mehr beschränkte Vorwegnahme des Künftigen, und drittens, das akute Bewusstsein meiner gegenwärtigen Tätigkeit und Gesinnung, das sind die drei Einteilungen meines Erlebens von der Zeit. Und diese Teilungen sind jede in ihrer Weise flüchtig, vergänglich und enttäuschend. Wenn ich's gewissenhaft bedenke, dann sind meine Vorstellungen von vor kurzem, soeben, vorhin, vom verstrichenen Morgen, von der vergangenen Nacht, vom gestrigen Tag, gebunden und gefesselt an die Gegenstände die mich gegenwaertig umgeben, an den Sessel in dem ich sitze, an den Tisch mit Rechner, Bildschirm und Tastatur, Telephon, mit Brillen, Rechnungen und allerlei anderen Papieren, und dann kaum zwei Meter links, das ungemachte Bett, das mir bestätigt dort die unruhige Nacht verbracht zu haben, und draußen, hinter den zehn hohen Fenstern die das Zimmer nach drei Seiten umringen, die Blätter der Bäume, abwechselnd flackernd mit hellem und dunklem Grün und glänzendem Sonnenlicht. Beständig bestätigen mir die sich unablässig aufdrängenden Wahrnehmungen die jüngste Vergangenheit, die unmittelbare Gegenwart, und die sich mir sich aufdrängende und sich doch ewig entziehende Zukunft. Dabei weiß ich aus eigenster Beobachtung, wie abhängig alte Menschen von der Verlässlichkeit ihrer unmittelbaren Umgebung doch sind, wie ihnen mit großer Verwirrung der Orts- und Zeitsinn schwindet, wenn sie sich plötzlich in einer ihnen fremden Umgebung befinden. Die Gültigkeit der Behauptung Schopenhauers, Die Welt ist mein Wille und meine Vorstellung, ist nicht zu unterschätzen. Wenn ich nun vorsichtig und vorläufig die Geschichte, den Mythos also, unseres Denkens ueberlege, und mit Descartes Cogito ergo sum den Anfang mache, dann meine ich zu verstehen, dass dies eine bahnbrechnede Entdeckung der Subjektivität war, dass es uns aber nach vierhundert Jahren noch nicht gelungen ist zu begreifen, dass die von uns erlebt und erkannte Außenwelt wie wir sie nennen, gleichfalls Ergebnis und Ausdruck unseres Erlebens ist. Demgemäß wäre die Aufgabe nicht die Art und Weise zu ermitteln in der die Außenwelt ihr vom einzelnen Gemüt unabhängiges Bestehn hat, sondern wie diese Außenwelt nichts anderes ist als Phantasmagorie, eine Fata Morgana des Menschengeistes. So käme ich am Ende zu dem Ausgangspunkt, nämlich, dass ich zwischen meinem Ich und der Welt in welcher es sich befindet nicht zu unterscheiden vermag; und in dieser Einsicht stimmten der Spiritualist, der nichts als das Nichtmateriale anerkennt und der Materialist der nichts als das Nichtgeistige zu erleben meint, überein. Vielleicht wäre es die eigentliche Aufgabe des Denkens sein eigenes Pendeln, das Hin und Her, das Hinüber und Zurück, zwischen Geist und Stoff, zwischen Ich und Gesellschaft, zwischen Innen und Außen, zu beschreiben und vielleicht sogar zu begreifen.