am 4. Juni 2022 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Vielen Dank für Euern Brief. Wieder einmal muss ich mit Entschuldigungen anheben, erstens wegen meines üblichen Ungestüms indem ich umgehend antworte, und zweitens wegen der Unverfrorenheit mit der ich mich hinter Hölderlins wunderbarem Gedicht verstecke, wie hinter einer Maske welche die Hinfälligkeit meiner eigenen Existenz verbirgt. 2. Ja! es frommet auch nicht, ihr Todesgoͤtter! wenn einmal Ihr ihn haltet, und feſt habt den bezwungenen Mann, Wenn ihr Boͤſen hinab in die ſchaurige Nacht ihn genommen, Dann zu ſuchen, zu flehn, oder zu zuͤrnen mit euch, Oder geduldig auch wohl im furchtſamen Banne zu wohnen, Und mit Laͤcheln von euch hoͤren das nuͤchterne Lied. Soll es ſeyn, ſo vergiß dein Heil, und ſchlummere klanglos! Aber doch quillt ein Laut hoffend im Buſen Dir auf, Immer kannſt Du noch nicht, o meine Seele, noch kannſt Du's Nicht gewohnen, und traͤumſt mitten im eiſernen Schlaf! Feſtzeit hab' ich nicht, doch moͤcht' ich die Locke bekraͤnzen; Bin ich allein denn nicht? aber ein Freundliches muß Fernher nahe mir ſeyn, und laͤcheln muß ich und ſtaunen, Wie ſo ſelig doch auch mitten im Leide mir iſt. 3. Licht der Liebe! ſcheineſt du denn auch Todten, du goldnes! Bilder aus hellerer Zeit leuchtet ihr mir in die Nacht? Liebliche Gaͤrten, ſeyd, ihr abendroͤthlichen Berge, Seyd willkommen, und ihr, ſchweigende Pfade des Hains, Zeugen himmliſchen Gluͤcks, und ihr, hochſchauende Sterne, Die mir damals oft ſegnende Blicke gegoͤnnt! Euch, ihr Liebenden, auch, ihr ſchoͤnen Kinder des Maitags, Stille Roſen und euch, Lilien, nenn' ich noch oft! Ihr Vertrauten! ihr Lebenden all' einſt nahe dem Herzen, Einſt wahrhaftiger, einſt heller und ſchoͤner geſehn. Hoͤlderlin Wie Ihr seht, ich hab's nicht einmal mit den eigenen Fingern der Tastatur eingegeben, hab' mich stattdessen begnügt es mit ſeinen altertuͤmlichen Buchſtaben mittels elektronischer Zauberkünste einer hundertfünfzig Jahre alten Wiedergabe im Internet zu entnehmen. Wegen des gelegentlichen Ausfallens der Großschreibung von Anfangsbuchstaben verschiedener Nennwörter bedarf es keiner Entschuldigung. Dergleichen haben, um ihre Besonderheiten zu bezeugen, bekannte, wenn auch nicht einwandslos salonfähige Poeten wie etwa Stefan George und e.e.cummings, programmatisch geübt. Ich weiß nicht, ob es ein Fehler ist, mit Erwägungen über den Satz "Ich fühle Schmerzen, aber ich habe keinen Grund zur Klage." fortzufahren. Vielleicht habe ich keine Wahl, weil es zu spät in dem wenigen mir noch übrigen Leben ist, auf vernüftige Denkweisen umzusatteln. Wie ich Euch schrieb, hab ich mich in den vergangenen Monaten, mit Vorlesungen und Aufsätzen über mathematische Physik abgelenkt, mit dem Vorbehalt, dass ich meinte was ich las zu "verstehen", und wenn ich dennoch die Einzelheiten, wie bei Gelegenheit eines Examens nicht "auswendig" wiederzugeben vermöchte, so ließ ich mein Versagen mit den Schwächen meines viel zu alten Gedächtnisses entschuldigen. Fast ergab es sich von selbst, dass es mir gelang den bisher unbekannten Stoff nur als Vorlage für eigenes Denken zu verarbeiten, indem ich mir das was ich las als Literatur, also als eine besondere Art Dichtung erklärte, als Gedankengut dessen Triftigkeit sich nicht auf eine vermeintliche Übereinstimmung mit einer unveränderlich ewigen "Außenwelt" zurückführen ließe, sondern auf einen hoch gesteigerten geistigen Herdeninstinkt der dem Denken eines jeden von uns eine unbedingte Kongruenz aufzuzwingen sucht, um es gehorsam und gefügig auf jenes gesellschaftlich genehmigte Schienennetz zu steuern, das wir Mathematik und mathematische Logik nennen. Die Mathematik erlebe ich und verstehe ich als ein künstliches Gefüge von wohl ersonnenen und geprüften Gedankenbahnen die man, um zum genehmigten Ziel zu kommen, nicht verlassen darf, wobei die bunte vielfältige Wirklichkeit des unmittelbaren Erlebens nur auf Umwegen und Abwegen untersucht und beschrieben werden darf. Hier handelt es sich um die Frage, was besagt die Behauptung: "Meine Schmerzen sind kein Grund zur Klage."? Schmerzen fühle ich. Ihr Bestehen wäre in meinem Gesicht zu lesen, wäre meinem Stöhnen oder Schreien zu entnehmen. Schmerzen sind ihrem Wesen nach veränderlich, sie kommen und gehen, Man gewöhnt sich an sie bis sie verschwunden sind. Die Klage ist ein Begriff dessen man sich bedient das "Mitleid" seiner Nächsten und seiner Nachbarn zu erheischen. Die Klage ist eine Vergegenständlichung des Schmerzes welche dem Schmerz Dauerhaftigkeit und Beständigkeit zumisst die er anderweitig entbehrte, und die somit bedroht ihn um vieles zu verschlimmern. Auf diese Dauerhaftigkeit und Beständigkeit meinte ich hinzuweisen als ich die Klage als mathematisches oder mathematik-ähnliches Symbol bezeichnete. Auf die quasi-mathematische Eigenschaft der Klage weist auch der Umstand dass sie eines "Grundes" oder einer "Ursache" bedürfte. Es ist eine bekannte Eigenschaft mathematischer Behauptungen dass sie nicht "selbstverständlich" sind, sondern dass ihre Glaubwürdigkeit mittels einer Kette von Beweisführungen zu begründen ist. Des Klagens zu entsagen ermöglicht mir das Fortleben und hält mich, sozusagen, über Wasser. Inzwischen versuche ich mit meinem Schreiben fortzufahren so gut ich kann. Morgen, der 7. Juni ist meines Vaters hunderdreiundzwanzigster Geburtstag. In knapp drei Wochen, am 27. Juni, wenn ich ihn erlebe, werde ich 92 Jahre alt. Herzliche Sommergrüße an Euch beide. Euer Jochen