Subjekt: Dein Brief vom 23. Mai am 4. Juni 2022 Lieber Jochen, auf deinen Brief hätte ich sofort antworten müssen, , einmal sowieso und dann vor allem, weil es Dir so akut schlecht ging, dass auch nicht abzusehen war, wie sich das bessern könnte. Seitdem haben wir zwar oft an Dich gedacht, sind aber untätig geblieben. Das hat praktische gründe. In Frankreich haben wir Deinen Brief auf unserem Smartphone gelesen, mit dem wir aber nicht umgehen können. Das Äußerste ist E-Mails vom Computer transferieren lassen und lesen, aber nicht auf dem Kleingerät etwas schreiben und senden. Ja, Du wirst den Kopf schütteln, hast absolut recht, aber wir sind unsäglich beschränkt in unseren Möglichkeiten, mit diesen Phänomenen umzugehen. Bei unserer Rückkehr vor einer Woche fanden wir Computer und Festnetztelefon außer Funktion, beide altmodischen Handys waren mit ihren Reserven schon länger ans Ende gekommen. Bis wir einen Fachmann gefunden hatten, wurde es Donnerstag. Gleichzeitig wurde uns auf telefonische Anfrage mitgeteilt, dass unserer Router erneuert werden müsse. Der neue kam einen Tag später, aber wir wissen natürlich nicht, wie so ein Dinganzuschließen ist. Seit Donnerstag Abend ist nun alles in benutzbare Bahnen gelenkt, aber jetzt mussten wir uns erst einmal um unseren über 90jährigen Nachbarn kümmern, der allein lebt, seit Jahrzehnten an lokalgeschichtlich Themen arbeitet und von Geschichtavereinen in weitem Umkreis als eine sehr wichtige Informationdquelle geschätzt und benutzt und befragt wird und der immer noch wieder ein neues Buch beginnt. Zudem hat er einen großen Garten, den man auch in jugendlichen Jahren kaum bewältigen kann. Er lebt allein und kann sich neuerdings ohne Stütze kaum noch aufrecht halten., Mit ihm haben wir gestern eine größere Gartenbegehung veranstaltet, erklärt, was wir tun können und werden, ihn von neuen Plänen hoffentlich abgebracht (etliches umpflanzen, was da ganz friedlich steht und gdeiht, eine größeren Hang umzugestalten und statt der Staudeb Sträucher zu pflanzen- welche bitte, fragte er). Anschließend habe ich vier Stunden sehr intensiv gejätet, Kübel und Säcke gefüllt, die nun Bernd heute Morgen zu Annahmestelle der Stadt bringen wird. Derweil werde ich einer freundin in der Nachbarschaft das Wochenendrätsel aus der heutigen zeitung bringen. (Jetzt bin ich es leid und werde alle Nomina klein schreben. Das musst Du bitte ertragen.) In unserem f reundenkreis häufen sich naturgegebenermaßen die fälle von krankheit und besorgnis, wir haben riesiges glück, dass wir die frankreichreise noch ohne probleme machen konnten - größere unterbrechung, anruf von einer Goslarer klassenkameradin, die nach 10 wochen klinik und reha wegen immer wieder rausgesprungenem hüftgelenk gestern nach hause gekommen ist und alles sehr schwierig findet. sie lebt allein, kann bisher nur an zwei stöcken gehen, sieht alles von einer staubschicht bedeckt und wundert sich über das, was so in 10 wochen alles sich in der luft umtreibt. aber nun endlich zu deinem brief! ich weiß gar nicht, wie ich mir deine tage jetzt vorstellen kann. Es sind ja fast 2 wochen vergangen seit deinem nicht-klage-brief. du hast dir einmal vorgenommen, nie zu klagen, wahrscheinlich nicht aus mathematischen überlegungen, sondern weil du gefürchtet hast, andere damit zu beunruhigen und/oder sie in ratlosigkeit zu stürzen, oder weil du keine schwäche zeigen wolltest? Es gibt bestimmt noch andere gründe. aber was eine klage mit mathematik zu tun haben könnte, erschließt sich mir mal wieder so gar nicht. du hast allen grund zur klage. und wie sollten deine freunde und nachbarn ( falls vorhanden) sonst wissen, wie du dich fühlst und wie es dir geht? das klagen sollte nur kein dauerzustand werden, dann ermüdet das gegenüber. aber das sind ja banalitäten. worin besteht der unterschied zwischen dem benennen von tatsachen und der klage? darüber habe ich nie sehr nachgedacht, aber doch wohl darin, dass man bei der klage auch die seelische wirkung benennt. Zu sagen, etwas schmerzt, ist noch keine klage, aber im innern des gegenübers kann diese aussage so wirken. wohl deshalb, weil sich das gegenüber spontan versucht, in die lage des betroffenen hineinzuversetzen, sich vorstellt, was damit für einschränkungen und schmerzen verbunden sind. auch die aussage des betroffenen "es tut sehr weh" ist eine sachliche aussage, denn es gibt ja auch verletzungen ohne schmerzen. aber weil der mensch ein mitrfühlendes wesen ist, empfindet er unwillkürlich mit dem anderen. wer das nicht tut, ist krank. aber ich begreife noch immer nicht, was das alles mit mathematik zu tun hat, lieber Jochen. Deine überlegungen zu "Das ist eine lüge" kann ich noch begreifen, nicht aber das folgende. und der aussage "Ich fühle schmerzen, aber ich hab keinen grund zur klage" kann ich zunächst keinen glauben schenken, denn schmerzen sind normalerweise immer beklagenswert . und es bauchte chon eine erklärung, warum das in diesem fall anders sein sollte. Im übrigen weigere ich vehement, die tatsache, dass über die bedeutung von brgriffen algemeines einverständnis herrscht, für einen triumph der mathematik zu halten. so, lieber Jochen, jetzt wende ich mich wieder meinem lebensumfeld zu, werde die vogelfutterspender auffüllen und dann die nachbarin besuche, die parkinson hat und von der ich viel über diese sehr beklagenswerte krankheit erfahre. aber wir lachen auch viel. unser nachbar hat mal wieder probleme mit seinem computer, dabei braucht er ihn dringend, damit sein neuestes buch endlich gedruckt werden kann. wie schaffst du s nur, deine maschine immer dienstbereit zu halten? Danke für deine frühlingsgrüße. hier ist inzwischen der sommer ausgebrochen. wir wünschen dir linderung deiner schmerzen und eine gute lösung deiner probleme und grüßen dich vielmals herzlich, deiner gertraud und bernd.