am 23. Mai 2022 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Seit Euerm letzten Brief sind sechzehn Tage verstrichen. Ihr seid auf Reisen, und ich hoffe sehr, zufrieden, gesund und wohlbehalten und vermutlich im Begriff vor Ende der Woche nach Kierspe zurückzukehren. Indem ich ausrechne wie lange ich meine Antwort aufgeschoben habe, werde ich mir bewusst, dass mich kürzlich mein Schreiben weniger begeistert als bisher. Fast ist es mir, als ob ich alles Wesentliche längst niedergeschrieben hätte und nicht nur einmal, sondern wiederholt, viel zu oft, immer und immer wieder dasselbe. Nun wäre es statt es schreibend zu vervielfältigen, Zeit das Verschiedene das sich im Verlauf des langen Lebens im Gemüt angesammelt hat, aufzuräumen, zusammenzustellen und einzupacken, so wie man beim Abschied aus dem Hotel - oder aus der Anstalt - seine Sachen in Koffer verpackt, um seine Wohnung, wie angenehm sie auch immer gewesen sein mag, so sauber und wohlgeordnet zu hinterlassen, wie man sie vorfand. Behilflich mich in diese Abschiedsstimmung einzuüben, sind die Umstände, dass es mir seit wenigen Tagen, obwohl auf den Gehbock gestützt, unmöglich geworden ist mehr als ein paar kurze Schritte zu gehen. Jeden Morgen, wenn ich erwache, werde ich von der aufgehenden Sonne zum Aufstehen aus dem Bett wie zu einem großen gefährlichen Abenteuer eingeladen. Dass dies mir heute Morgen noch einmal gelungen ist, beweist der Umstand dass ich nun hier sitze und Euch schreibe. Wenn ich meine gegenwärtige Situation überlege, erinnere ich das Paradox des Lügners welches uns alle von der Sprache erlöst, denn die Aussage: "Dies ist Lüge." widerspricht sich in jedem Falle. Sie vermag nicht wahr zu sein, denn als wahr, strafte sie sich lüge. Sie vermag aber auch nicht unwahr zu sein, denn dann wäre es ja wahr dass sie das wäre, was sie behauptet zu sein, nämlich Lüge. Dies vorerst in Hinsicht auf das Klagen. Ich hatte mir unverbrüchlich vorgenommen, niemals zu klagen. Nun frage ich mich, und frage Euch, steht es mit dem Satz: "Ich habe Schmerzen, aber ich äußere keine Klage," vielleicht ähnlich wie mit dem Paradox des Lügners? Wäre nicht die Erklärung "Ich habe Schmerzen" eine inbegriffene Klage die durch die Behauptung "aber ich äußere keine Klage," nicht widerrufen zu werden vermag. Andererseits, wenn ich nun meine, Euch die gegenwärtigen Umstände, wie zum Beispiel, kaum vom Bette aufstehen zu vermögen, einer eingebildeten Aufrichtigkeit halber nicht verschweigen zu dürfen, was bedeutet es, wenn ich um die inbegriffene Klage zu löschen, hinzufüge, "Aber das macht nichts, eigentlich geht es mir gut, und ich betrachte mich als glücklich. Ich habe keinen Grund zu klagen, weil ich mich in keinem Altersheimgefängnis eingesperrt befinde?" Wären nicht dergleichen Äußerungen, von einem pflichtbewussten Sachverständigen überhört, Gelegenheit mich, nein, nicht in ein gehöriges Altersheim, sondern in eine Irrenanstalt zu überweisen? Inzwischen habe ich mich mit dem Lesen im Internet von verschiedenen Traktaten über mathematische Physik ablenken lassen. Fragte mich jemand was, oder ob, oder wie, ich das Gelesene verstanden hätte, so müsste er mir sagen was verstehen heißt. Angenommen Gregor Samsa (Kafka, die Verwandlung, 1912) oder irgend ein anderes Insekt, hätte Einsteins 1906 erschienenen Aufsatz, "Über einen die Erzeugung und Verwandlung des Lichtes betreffenden heuristischen Gesichtspunkt", entdeckt und hätte daran zu nagen begonnen, hätte besonders die besonders triftigen Einsichten über das Wesen des Lichtes, angefressen, aufgefressen, verschluckt und verdaut, mit drauffolgenden wohligen Gefühlen in der Magengegend des Bauches, wäre nicht auch das eine Art Verstehen dieser tiefsinnigen mathematischen Physik? So etwa komme mir beim "Zurkenntnisnehmen" von mathematisch physikalischen Vorlesungen vor, wie eine Motte oder ein Termit der nachdem er die Seiten sagen wir des 5. Kapitels Matthäus zerfressen hat, sich um einen Lehrstuhl für Theologie bewirbt. Aber zur Sache, oder genauer, zum Satz: "Ich fühle Schmerzen, aber ich hab keinen Grund zur Klage." Die ersten drei Worte, "Ich fühle Schmerzen", gehören zur Physik. Sie sind sind vergleichbar mit den Aussagen, "Ich stelle mir den Urknall vor." "Ich veranschauliche die Ausdehnung des Weltalls mit Lichtgeschwindigkeit," "Ich denke mir Photonen, Electronen, Mesonen" u.s.w. Das sind Worte welche meine Phantasie, meine Einbildungskraft, meine Anschauung herausfordern. Hingegen die Worte "Ich habe keinen Grund zur Klage," sind ihrem Wesen nach mathematisch, denn sie setzen allgemein anerkannten Bestimmtheiten der Begriffe "Grund haben" und "Klage" voraus. Die empirische Feststellung: "Ich fühle Schmerzen, aber ich habe keinen Grund zur Klage." ist Schrot für die Gedankenmühlen der mathematischen Physik. Oder vielleicht sollte ich schreiben: "I feel pain, but I have no cause to complain," is grist for the mental mills of mathematical physics." oder auf Deutsch: "Ich fühle Schmerzen aber ich habe keinen Grund zur Klage, ist Wasser auf die Gedankenmühlen der mathematischen Physik." Denn der Stolz dieser der edelsten und erhabendsten der Naturwissenschaften ist die unbestreitbaren Berechnungen der Mathematik als Weiser auf noch unentdeckte Wirklichkeiten zu bewerten, die zu erforschen sind, bis man meint sie entdeckt zu haben. Es gilt also nach nicht Klagen erheischenden Schmerzen zu forschen. Sofort fällt mit Schillers Idealisierung des Todes seiner Johanna ein: Seht ihr den Regenbogen in der Luft, Der Himmel öffnet seine goldnen Tore, Im Chor der Engel steht sie glänzend da, Sie hält den ewgen Sohn an ihrer Brust, Die Arme streckt sie lächelnd mir entgegen. Wie wird mir – Leichte Wolken heben mich – der schwere Panzer wird zum Flügelkleide. Hinauf – hinauf – Die Erde flieht zurück – Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude! Also darauf geht alles hinaus, auf die mathematische Verharmlosung des Lebens, und besonders des von ihm untrennbaren Sterbens. Ist nicht gerade das, die mehr als zwei tausend jahrlang herrschende Propaganda des Christentums? Als Lehrer werdet Ihr mir gestehn, dass ich mich für meine Klausuren gut vorbereite. Herzliche Frühlingsgrüße am Euch beide! Euer Jochen