am 4. Mai 2022 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Habt vielen Dank für Euern jüngsten Brief. Das liebevolle Mitgefühl das er bekundet ermutigte mich meinen bis jetzt unterschlagenen "Katzenjammer Nachtrag" vom 23. April, Euch noch nachträglich zukommen zu lassen, und ermutigt mich weiterhin Euch meine heutigen Überlegungen mitzuteilen. Meine Gelenkbeschwerden sind, wie vormals erwähnt, schon jahrelang im Anzug. Meine bisherige Entscheidung mich nicht operieren zu lassen leite ich von der Genugtuung ab die ich dem Lesen und Schreiben und vor allem, dem Denken entnehme. Der ich als Augenarzt chirurgische Eingriffe, bzw, Kataraktoperationen bei vielen alten Menschen vorgenommen habe, weiß ich aus Erfahrung wie oft die Unterbrechung seines gewohnten Lebenslaufs, und die Verlagerung des hochjährigen Patienten in eine fremde Umgebung, das Geistesleben, worauf es mir doch letzten Endes am wesentlichsten ankommt, unwiederbringlich zerrüttet. Dann würde der Verlust der Gedanken den Wiedergewinn der Schritte bei weitem überwiegen. Hinzu kommt die Tatsache, dass die operativ eingesetzten metallnen Gelenke die anliegenden Knochen derart infektionsanfällig machen, dass gelegentlich jedes Besuchs beim Zahnarzt vorbeugende Antibiotika eingenommen werden sollen. Da sich mein Mund aber ungezählter halb vernarbter Zahnwurzelabszesse rühmt, so hätte ich mich als Vorbereitung für die beiden vorgeschlagenen Hüftenoperationen mehreren vorbereitenden Gaumenoperationen unterziehen müssen, welche eine nach der anderen, meine Gedankentätigkeit, wenn ich sie so nennen darf, wochen- wenn nicht monatelang beeinträchtigt hätten. Das wäre auch heute noch der Fall. Wenn ich mich jetzt operieren ließe, ist es wahrscheinlich, dass man mich nach den Operationen nur in ein Rehabilitationszentrum entlassen würde, und von diesem nur in ein Altersheim, unter dem Vorwand dass die Pflegekräfte hier im Hause meinem geschwächten Zustand nicht gewachsen wären. Und im Altersheim würden die aufgezogenen Gitterschranken am Bett mein Aufstehen unmöglich machen. Dann wäre ich besonders in unserem Massachusetts, das wir als einen "Nannystaat" bezeichnen, zum Leben im Bett vor dem Fernsehnschirm im Alterheim verbannt. Hüftgelenksoperationen in meinem Alter deute ich als chirurgische Sterbehilfe. Da halte ich es mit Hamlet: And makes us rather bear those ills we have Than fly to others that we know not of und mit Rilke: O Herr, gib jedem seinen eignen Tod. Das Sterben, das aus jenem Leben geht, darin er Liebe hatte, Sinn und Not. In diesem Frühling befinde ich mich stark beschäftigt, mit dem Beantworten von Briefen, wie den Euren, mit der Fortführung des neunten Bandes meiner autobiographischen Romanreihe, und kürzlich, ins Besondere, mit der Kenntnisnahme durchs Internet von Physikvorlesungen von Richard Feynman, einem geistreichen und einsichtsvollen Mathematiker dessen Worte betreffs der Viervektorenanalyse: "We could, of course, use any notation we want; do not laugh at notations; invent them, they are powerful. In fact, mathematics is, to a large extent, invention of better notations." bei mir den Gedanken gestiftet haben, dass wenn tatsächlich die Mathematik wesentlich als Erfindung besserer Schreibweisen zu verstehen ist, es sich bei der Mathematik, und bei der auf Mathematik basierten Physik um eine besondere Art Dichtung handelt. Diese Einsicht bedeutet keineswegs dass ich mittels ihrer eine gegebene mathematisch-physikalische Darstellung "verstünde", aber vielmehr dass ich, der ich mich nun einmal mit der Dichtung als vertraut betrachte, endlich das Wesen meines Unverstands zu "verstehen" lerne. Kepler, Galileo, Newton, Gauß, und Einstein, zum Beispiel, werden von den Reich-Ranicki Kritikern der Wissenschaften zu historischen Spitzenreitern der mathematischen Physik gekürt. Das sind Helden die wenngleich nur von wenigen, wenn überhaupt "verstanden", aber dennoch von der ganzen Welt gepriesen und bejubelt werden. Was heißt es einen Dichter zu verstehen? Vielleicht wird Shakespeare von einem Schauspieler "verstanden", der Hamlets Worte auswendig verinnerlicht hat um sie Wort für Wort ausdrucksvoll zu wiederholen. Heißt Shakespeare zu verstehen, Shakespeare's Sprache nachzuahmen? Das hab' ich einmal, als Siebzehnjähriger, zum Entsetzen meines Studienberaters Klemens von Klemperer, versucht. Heißt es bei der Prüfung eine dem Universitätslehrer, wie F. O. Matthiessen zusagende Erklärung zu geben, wie etwa als ich über Ibsen als Verfasser des Volksfeinds schrieb, Ibsen Einstellung zu seinem Helden Thomas Stockmann sei vergleichbar mit der des Kapitän Horster. Wie Horster unbefangen seinem Freund Stockmann ein leeres Haus zur Verfügung stellte, so stellte Ibsen unbefangen seinem Freund Stockmann eine Bühne zur Verfügung, um das Leben sich im Haus wie auf der Bühne entfalten zu lassen. Es mag die Beschränktheit meines eigenen "Verstehens" bezeichnen, dass ich mich überzeugt habe, jeder Physiker "versteht" die Physik in eigener Weise und die vermeintlich "korrekte" Lösung der Probleme mathematischer Physik ist eine geistige Dressur welche die Bestätigung vorgeschriebener Glaubenssätze erzwingt. Ich finde es bezeichnend, dass während in alten Zeiten die Forscher die Sterne mit den Namen ihrer mythischen Helden benannten, zeitgenössische Astronomen die Himmelsgebilde nach sich selber nennen. https://en.wikipedia.org/wiki/Stars_named_after_people wie auch physikalische Konstante: https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_scientific_constants_named_after_people https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_scientists_whose_names_are_used_as_units Es gibt nur fünf Einheiten: Kilogram, Meter, Sekunde, Mol und Candela die keine Personennamen tragen. Jetzt bin ich müde, und wohl nur deshalb zu Ende. Herzliche Frühlingsgrüße an Euch beide. Euer Jochen