Lieber Jochen, jetzt hast Du schon wieder viel zu lange warten müssen, dabei hat Dein letzter brief uns mit seiner fast frühlingshaften Frische wieder sehr erfreut. Jetzt gerade liegt er neben mir, und ich müsste ihn eigentlich noch einmal sehr gründlich lesen, und gleich am Anfang begeistert mich wieder Iphigenie mit dem grandiosen Heimweh-Beginn, dann Müller, während ich Dostojewskis Bericht nicht gelesen habe, sondern nur zu Studienzeiten "Die Dämonen" , und dann vergesse ich immer, von wem "verbrechen und Strafe" ist, von ihm oder Tolstoi. Aber Deine Beschreibung Deiones Gehverlustes beunruhigt natürlich sehr. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie man sich da überhaupt noch bewegen kann. Die Operation, d.h. neue Hüftgelenke, hätten wohl früher in Deinem Leben eingebaut werden sollen., oder? Aber Du magst ja keine Ärzte, hast Du öfter mal gesagt. Da können wir nur alles Gute wünschen und hoffen, dass Du in Deiner Unabhängigkeit durchhältst. Pflegerische Hilfe kommt für Dich wohl nicht in frage? In Deutschland würde man einen Pflegedienst in Anspruch nehmen. Manchmal auch eine durchgehende Pflegekraft aus vorzüglich Polen engagieren, die mit im Hause wohnen und viel helfen würde. Solches hast Du sicher auch überlegt und abgelehnt. Deine Befürchtungen, nach einer OPD eine Unabhängigkeit zu verlieren, kann ich sehr nachfühlen Deine Überlegungen zu Ähnlichkeiten zwischen Jesus und Herakles (ich bevorzuge den griechischen Namen) sind für uns sehr überraschend und anregend. Immer, wenn ich anfange, über das Verhältnis Zwischen Gott und seinem Sohn nachzudenken, ergreift mich Erstaunen und Ungläubigkeit über die christliche Religion, die solche Salti mortale schlägt, ein Schöpfer, dem die Schöpfung außer Kontrolle gerät und der zur Wiederherstellung seiner mal gewollten Ordnung einen Menschen entstehen lässt, dem er unendliche Qualen zumutet. Und dann die kannibalischen Konsequenzen, welche die Christen daraus gemacht haben. Schlicht und eindfach gruselig. Die Geschichte mit der Entstehung der Milchstraße kenne ich nicht, wohl aber etliche Taten und verbrechen des Superhelden, der ja - ich habe gerade noch einmal im Hunger nachgelesen - ein wahnsinnsmäßig aufregendes, turbulentes, von Taten überquellendes leben hat führen müssen, in dem immer wieder die Götter die Hauptrolle spielten und ihn von einemn einigermaßen begreiflichen Weg abgehalten haben. Naja, letztlich kam er wohl doch in den Olymp und kann sich dort hoffentlich erholen von seinem wilden leben. Ob er wohl jemals Freude daran hatte? Der Zusammenhang mit dem Universum und seiner unbegreiflichen Ausdehnung ist mir nicht zugänglich. Macht aber nichts. Vor langer zeit, auf unserer ersten Griechenlandreise, gelangten wir auch nach Nemea, und da dachtren wir natürlich an den Tod des dortigen bedeutenden Löwen durch Herakles. Viel mehr haben uns aber die vielen Nachtfalter - Bärenspinner - beeindruckt, die vielerorts schlafend am Wegesrand saßen und die Nacht erwarteten. Aus unserem im vergleich zu Herakles weit weniger aufregenden Leben ist zu berichten, dass wir zweimal eine Woche Besuch hatten, zuerst von unserem alten freund Achim aus Konstanz, einem sehr natur-und besonders vogelkundigen Menschen, der mit seinen 81 Jahren noch enorm fit ist, lange Läufe und sogar Alpenwanderungen unternimmt, alles allein, und am Bodensee für den Nabu vogelkundliche Führungen und Nist-Kartierungen unternimmt. Dann von Freunden aus Millau, denen wir das vorzügliche Neandertal-Museum bei Mettmann zeigten und in Oberhausen, im seinerzeit europa-größten Gasometer, die fabelhafte Ausstellung "Das zerbrechliche Paradies", Fotos und Videos in unerhörter Qualität und Eindringlichkeit. Gewandert sind wir natürlich auch ein Bisschen, und abends gab es öfter einen französischen, auch französichsprachigen Film. Das Wetter war uns hold. Diese Woche haben wir nun viel nachzuholen, vor allem im Garten, weil alles wächst wie wild, Gewolltes und nicht so sehr Gewolltes, und wir am kommenden Sonntag für insgesamt 3 Wochen verreisen, nach Frankreich , hauptsächlich zu meinem Vetter, auch Bernd geheißen, der 80 wird, und da er mein einziger enger Verwandter ist, mit dem wir in den letzten 20 Jahren guten und ziemlich häufigen Kontakt hatten, möchte ich ihn endlich wieder sehen - wegen Corona ist eine große Lücke entstanden. So sind wir ziemlich beschäftigt. Der Ukrainekrieg beunruhigt natürlich gewaltig. Was waren wir froh damals, als wir mit Gorbatschow das russische Volk ans herz zu schließen meinten und wir ihnen so nah schienen. Nun sind abgründe entstanden, von denen ich mir gar nicht vorstellen kann, dass sie irgendwann wieder zu überbrüc Lieber Jochen, mal wieder ein Beispiel für meine alte Fehde mit dem Computer. Den Schluss wollte er einfach nicht annehmen, weigerte sich überhaupt, noch auf dem Bildschirm zu erscheinen, so dass ich schließlich Bernd aus seiner Bärlauchbekämpfung im Garten reißen musste. Bernd hat immer mehr Ideen, wo man noch drücken könnte, um Gewünschtes herbeizuzaubern. Er war auch ganz froh, denn er merkte, als er sich muehsam aufrichtete, dass er sich von dieser lange innegehabten Körperhaltung verabschieden sollte, wenigstens für heute. Kurze NAchrichten aus der Landwirtschaft: Es muss regnen! Die kleinen Bäche und Teiche in der Umgebung sind trocken. Alles wächst wie verrückt und braucht dafür Unterstützung durch feuchte Himmelsgaben. Es ist die aufregendste Zeit im Jahr. Ein Freund hat uns die vielen riesigen Engerlinge in seinem Komposthaufen gezeigt, vermutlich die Raupen des Nashornkäfers, der nachtaktiv ist und den wir alle noch nie gesehen haben. Der Freund schenkte uns einige Exemplare mitsamt drei Eimern seines vorzüglichen Kompostes, und nun haben wir die Tiere umgebettet, in der Hoffnung, dass sie es bei uns aushalten und sich irgendwann verpuppen können. Neulich haben wir übrigens einen Nagelfleck gesehen, den dritten meines langen lebens, der sich um ein ganz frisch geschlüpftes Weibchen bemühte. Viel Glück und viele Nachfahren! Wir wünschen Dir alles Gute und Lösungen für Deine Hüftprobleme, die Dir angenehm sind! Liebe Grüße, Gertraud und Bernd.