NICHT ABGESANDT Katzenjammer Nachtrag Am Morgen danach den 23. April 2023 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Aus dem Dunkel meiner Erinnerung, und zu träge zu dem Versuch mich dokumentarisch zu rechtfertigen, meine ich Euch vielleicht schon verschiedentlich erklärt und bekannt zu haben, dass ich meine Briefe an Euch, nachdem ich sie abgesandt habe, tagelang hintereinander immer und immer wieder mit narzistischer Begeisterung überlese. So auch heute Morgen. Manchmal scheint es mir, dass ich überhaupt erst in meinem Schreiben lebendig werde. Was ich geschrieben habe, lese ich als endgültige und einzige Bezeugung meines Ich. Unterstützt werde ich durch die selbstgefällige Entschuldigung mit welcher ich mir mein Leben, oder was von meinem Leben noch übrig bleibt, leicht mache, - dass nur jene Worte die mir von Augenblick zu Augenblick durchs Gemüt flattern, in ihrer Leichtigkeit vergleichbar mit den trockenen Blättern winterlicher Bäume die "existientielle Wahrheit" besagen, die einzige "Wahrheit" die schriftlich zu beurkunden der Mühe wert ist. Durch diese Prämisse bin ich der Pflicht enthoben meine Gedanken, eh ich sie niederschreibe, im Lichte irgendeiner Vernunft oder irgendeiner Angemessenheitsprüfung zu eichen und zu zensieren. Fast spielerisch entwickelt die Sprache sich wie von selbst, die Worte fließen ineinander, mehr wird zu Meer, und Lehre zu Leere, Ähre zu Ehre, Segen zu sägen. Der Sinn wird lebendig indem er laut wird und sich auf "Flügeln des Gesanges" vom Gemüt des Einen zum Gemüt des Nächsten schwingt, und mit dieser Übertragung die beiden in eine schicksalhaft harmonische Gesellschaft bindet. Ich besinne mich auf eine sehr junge Englischlehrerin in der Missionsschule "Konnarock Training School" - ihr Name liegt mir an der Gedächtnisoberfläche, so dass ich ihn fast zu ergreifen vermag, und doch nicht. Es war im 9. oder 10. Schuljahre, das also für mich im September 1943 oder 1944, nein nicht "startete", sondern begann. Schon damals stufte ich Miss Whatshername, wie ich sie in der Vergessenheit nennen muss, als außergewöhnlich unintelligent ein. Sie war bestrebt ihre Besonderheit vorzuführen, indem sie ihren SchülerInnen grundsätzlich verbat falsch buchstabierte Worte nachträglich zu verbessern, als hätte man sich ihnen mit dem anfänglichen Entwurf wie Pontio Pilato, "Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben," der Unwiderruflichkeit verschrieben. Miss Whatshername brandmarkte jeden Versuch das irrtümlich falsch Geschriebene zu korrigieren als "cheating", als mogeln, als betrügen. Ich hab fast lebenslang vermutet, sie hatte sich von einer missglückten pädagogischen Gestalttheorie in die Irre leiten lassen. Damals war Miss Whatshernames Dogma lediglich ein Stolperstein für meine Eifersucht, der Klassenerste zu bleiben; heute erkenne ich ihr sturres Gebot als ein pädagogisches Vergiften das bewirkt ein Leben wie meines, das um zu gedeihen des Widerspruchs, der Korrektur, der Dialektik und der Ironie bedarf, zu lähmen wenn nicht gar zu ersticken. Voriges als Vorwort zum Wiederkäuen des Satzes: "weil die allgemeine gesellschaftliche Entropie eine Wiederherstellung meiner Unabhängigkeit unverbrechlich verhindern würde." Als ich ihn las, hörte ich die Stimme meiner Mutter in ihrem neu erworbenen Englisch: "I did a mistake". Dann bat ich Jakob und Wilhelm Grimm mich zu verteidigen, und fand folgende Einträge: verbrechlich, adj. fragilis, daneben die form ohne brechung verbrichlich, was zerbricht, also was zerbrechen kann, leicht zerstörbar. sehr selten im schriftdeutsch, wo es durch zerbrechlich verdrängt ist, häufiger in den mundarten: verbrechlich waar; bildlich: der sündliche weltlauf ist gleich einem tantz spiele, die verblendeten laster buhler folgen ihrem aufspieler ... unbedachtsam so lange nach, bis der mürbe tantzboden, die verbrichliche zeit, einen nach dem andern hindurch fallen lässet, der peinlichen ewigkeit heim schickt. Butschky Patmos 41. verbrüchlich, adj. was bricht, gebrochen werden kann. mhd. nur in der nebenform verbrochenlich nachzuweisen und zwar auch nur durch unverbrochenlich; niederd. vorbrokelik Schiller-Lübben 5, 325, doch in der activen bedeutung, der etwas verbricht; nhd. commissus, violabilis Steinbach 1, 203. heute nur noch in der bildung unverbrüchlich erhalten: unverbrüchliches gesetz; verbände mich nicht eine unverbrüchliche zusage, dir auch nicht das geringste zu verhehlen. Schiller räuber 1, 1; damit dieser unserer gemachter fischordnung desto genauer und unverbrüchlicher nachgelebet werde. Eisenacher archiv 1752. ebenso setzt unverbrüchlichkeit (Novalis 1, 208) ein verbrüchlichkeit voraus, das nicht gebräuchlich ist. unverbrechlich, adj. adv., unverbrüchlich. mnd. unvorbrekelik, mnl. onvorbrekelijk: alles unverbrächlich zu halten Albanus päbstische anatomia (1636) 16; mit einem unverbrechlichen schwur Jung-Stilling 6, 135. unverbrechenlich, adv., Grasser Waldenser chronik (1623) 79. dafür üblich unverbrüchlich; vgl. unverbrochlich. — Tatsächlich, als ich "unverbrechlich" las, meinte ich unverbrüchlich einen Fehler gemacht zu haben. Nun frage ich mich, und frage Euch, war "unverbrechlich" mein Fehler, oder war es mein Fehler als Fehler zu bestimmen, was kein Fehler war. Wenn ich mich in psychoanalytischer Behandlung befände, würde ich meinen Seelenarzt nach der Bedeutung meines bestreitbaren Fehlers fragen. Meinte ich im "Unterbewusstsein" mit meinem unverbrüchlichen Entschluss mich nicht aus diesem Hause zu entfernen oder zu entfernen lassen, ein "Verbrechen" zu begehen, oder meinte ich die gesellschaftliche Entropie die meiner Rückkehr in dieses Haus entgegenstehen würde, als ein "Verbrechen" zu beklagen? Der mir unumgängliche Beschluss dieser Erwägungen ist die transzendentale Unzuverlässigkeit von allem in Worten vermeintlich Festgelegtes. Worte sind flüssig und veränderlich. Ihre Verlässlichkeit ist Täuschung und beruht auf gesellschaftsbedingter Behauptung. Nicht Immanuel Kant sondern Konrad Duden ist der endgültige Schutzherr von Wissenschaft und Wahrheit. Die Unbeständigkeit und Unzuverlässigkeit der Sprache gilt mir als Grenze aller vermeintlichen wissenschaftlichen Wahrheiten. Ich zögere mich auf den Duden als Maßstab der Wirklichkeit zu verlassen. Das ist der Ausgang auf den mein erwähntes "Standard Modell des Wissenschaftlichen Mythos" und mein erwähntes "Standard Modell der Subjektivität" hinauslaufen. Mich beschäftigt auch ein anderes Thema: Wieder einmal kann ich nicht erinnern ob ich Euch vormals schon über die sogenannte "Post- Traumatische Belastungs Störung" (PTBS) im Englischen, "Post Traumatic Stress Disorder" (PTSD) geschrieben habe und ob ich mich wiederhole. Diese Begriffe wurden mir von Marlene Busch nahgelegt. Sie ist eine Psychologin, die ihren Mann Reinhold, der das Buch über die Familie meiner väterlichen Großmutter verfasste, überzeugt dass nicht nur das Erleben meiner verfolgten Familie, sondern auch das Erleben ihrer Verfolger wesentlich als Ergebnis der erwähnten Belastungs-Störungen gedeutet werden möchte. Ich habe verschiedentlich über PTSD und PTBS nachgelesen, und bin zu dem Beschluss gekommen, dass weil der zur Belastungsstörung erforderliche Verletzungspegel unbestimmt und vielleicht unbestimmbar ist, möglicherweise in tautologischer Weise die Mühen und Sorgen des Lebens die den Menschen befallen keineswegs vorübergehend sind, sondern dienen weitere Schmerzen zu schüren und somit das Lebensparadies in ein Jammertal zu verwandeln. Mich selber fühle ich von diesem Trauerzyklus unbetroffen. Als ich noch Patienten hatte und mich mit ihnen zu unterhalten vermochte, pflegte ich ihnen auf die Frage: "How are you?" zu antworten, "Much better than I deserve." Das wäre auch heute noch meine Antwort, denn ich fühle mich weder verletzt noch belastet. In meinen theologischen Gedankenspielen, - oder sollte ich schreiben, für meine theologischen Modelle, erscheint mir die Post Traumatische Belastungs Störung aufschlussreich. Ich betrachte das Christliche Evangelium als die Geschichte eines unehelichen Kindes das, von seinem Stiefvater verstoßen, sich mit großer Inbrunst nach einem liebenden Vater sehnte, und das, weil es in rabbinischer Treibhausatmosphäre aufwuchs, den Herrgott selbst zu seinem Vater bestimmte, und sich somit als ein Prophet herausstellte den man verfolgte und schließlich kreuzigte, weil er nunmehr nur als ein Besonderer unter seinen Mitmenschen erscheinen musste. Deren Bestimmung ihn zu kreuzigen war gleichfalls Ausdruck einer Post Traumatischen Belastungs Störung, denn überall, an allen Seiten der römischen Via sahen sie sich gemarterten, leidenden, sterbenden, gekreuzigten Menschen gegenueber, und um diesen Schreckenstod von sich selber abzulenken, wählten sie den selbsternannten Gottessohn zum Opfer. Die Biographie des Heracles erzählt vergleichbares. Herkules enbehrte nicht des Vaters sondern seiner Mutter, Alkmene, die den Säugling aus Furcht vor der Rache seiner Stiefmutter Hera aussetzte. Es war des Herkules Halbschwester Athena die ihn rettete und zu seiner Mutter Alkmene zurück brachte. Möglicherweise war es die Belastung seiner traumatischen Kindheit, die Herkules nötigte sein Leben mit zwölf unglaublich mühsamen Heldentaten zu entsühnen eh er, wie sein Kollege Jesus von Nazareth nach dessen Kreuzigung, seinen Platz als Gott im Himmel einnehmen konnte. Liebe Gertraud, lieber Bernd, dies war wieder einmal zu viel. Und wieder einmal sende ich Euch herzliche Frühlingsgrüße. Euer Jochen