am 22. April 2022 Lieber Jochen, nun hast Du bestimmt schon länger auf einen brief gewartet, und nichts kam. Wir mussten uns erst mal wieder sortieren nach unseren 10 Tagen Thüringen, dann bekamen wir Besuch von einem alten freund, mit dem ich in Göttingen für das Staatsexamen gepaukt habe, Altenglisch und engl. Sprachgeschichte, schwierig und mühsam. Gerade hatte ich bernd kennengelernt, der als Hilfsassistent unsere Anstrengungen begleitet hat. Das Staatsexamen lag schon 2 Jahre hinter ihm. Naja, ziemliche Zeitverschwundung war das, denn außer genau drei Vokabeln ,der Entwicklung des Wörtchens "through" aus ae. thurh (das Zeichen für den Thornlaut hat die Tastatur nicht) mit Beispiel für r-Metathese und die Verwandtschaft der deutschen und der englischen Sprache und natürlich einem Einblick in die Komplexität der Sprachwissenschaft ist nichts hängen geblieben. Immerhin, am "through" habe ich gelegentlich meinen Schülern einiges erklären können. Das ae. Wort für "wiederkäuen" weiß ich auch noch. Keine Ahung, aus welchem Kontext das in meinen Kopf gedrungen ist. Also, aus der Zeit kennen wir unseren freund, der seit sehr langer zeit in Konstanz wohnt. Er kam mit dfer Bahn und hatte viel Unglaubliches von der Leistungsunfähigkeit der deutschen Bundesbahn zu erzählen. jedenfalls waren wir die Woche mit ihm sehr beschäftigt. Zum Glück hatten wir die ganze Zeit strahlende Sonne, wodurch das käfergeplagte Sauerland bildschön und hochsympathisch wirkte. Über Physik und Mathematik haben wir allerdings nicht geredet, auch nicht gedacht. Achim ist viel eher Philosoph, ist ungemein belesen und auch redefreudig. Dazu ein begeisterter Wanderer, auch im Hochgebirge, der sich aber für Insekten überhaupt nicht nteressiert und auch nicht gern zuhört. Naja, wir hatten eine gute, anregende zeit miteinander. Nun versuchen wir aufzuholen, was all diese Tage in den Hintergrund gedrängt wurde. Übermorgen kommen für 6 Tage Dominique und Yves aus Millau. Am 8. Mai brechen wir dann unsererseits gen frankreich auf, meinen Vettzer Bernd bei Cordes besuchen, unseren freund John wiederzusehen und eventuell unsere alte heimat St.-Pierre und Umgebung wiederzusehen, aber die Franzosen sind durch Corona reisemäßig mehr auf ihr eigenes Land konzentriert, und wir haben Schwierigkeiten, eine Unterkunft zu finden. Haben auch alles auf die letzte Minute geschoben, auch wegen Corona. Das alles kann Dich nicht interessieren, zeigt Dir aber unsere Beschäftigungen, zum Teil. Dazu drückt und entsetzt natürlich immerzu der Krieg in der Ukraine. Man kann ja an ein vernünftiges baldiges Ende gar nicht glauben. Und die Denkweise und das Wahlverhalten der Franzosen beunruhigen uns und unsere Freunde. Aber auch alte Freunde werden uns fremd, wenn sie Meinungen, eher Überzeugungen zu Corona und Macron äußern. Leere Stimmzettel abgeben, weil keineswegs Macron Präsident bleiben soll. Le Pen wollen sie aber auch nicht. Das für die Stichwahkl, wo doch nur diese beiden zur Wahl stehen! Wir sind schockiert und befremdet, was bei freunden schlimm ist. Die "Kommikation" war ein schlichter Tippfehler. Könnte er denken, wüde er sich freuen, dass er zu so vielen Überlegungen Anlass gegeben hat. So aber dümpelt er stumpf und unbegreifend vor sich hin. Deine Empfindungen betreffend "Fragen betreffs Physik und Mathematik" sind mir sehr anschaulich und erheiternd. Dabei ist es ja eine ernste Sache, die aber mit unserem Leben hier auf Erden mit seinen Schrecken und verwicklungen rein gar nichts zu tun hat, jedenfalls für einen so schlichten Geist wie mich. Mir ist es auch egal, obn die Dinge, die ich sehe, fühle, liebe oder ablehne, in Wirklichkeit ganz anders aussehen oder beschaffen sind. So, wie sie mich betreffen, glaube ich an ihre Existenz. Ich denke lieber darüber nach, warum sich die vielen Amseln in unserem Garten ständig streiten müssen, als über die größe des Weltalls. Das Universum ist für mich eine sehr beängstigende Vorstellung - ach, was heißt Vorstellung, geht ja gar nicht, also was überbaupt? Idee? Die ist auch eine Art Vorstellung. S o etwas wie Schwarze Löcher, Strahlungen, Ausdehnung und anderes im fabelhaften Weltall sind mir phantastische Ungeheuerlichkeiten, die mich, wenn ich versuche, über sie nachzudenken, am Leben hindern. Gerade ist Bernd aus dem heute morgen kalten Garten zurück in die aufräumunghsbedürftige Küche gekommen, wo ich am Tisch sitze (Allzwecktisch, an dem sich Essen, Schreiben, Lesen und anderes abspielt, samt unzähligen Blicken hinaus ins grüne, Bunte und immer wieder auf Vögel, gerade war das Eichhörnchen wieder da) , demnächst werden wir versucnen, die nötigen Tätigkeiten zu sammeln und zu ordnen und dann auszuführen. Wir versuchen auch, heizung und Licht ein wenig zu sparen. Dabei sind wir beide frosteköttel, wie man in meiner Familie zu sagen pflegte, Bernd, einst eine Art Feuerball, wird immer mehr zum Eisklumpen und muss beheizt werden. Noch geht das ja. Ja, Scholz schien ein kluger, bedächtiger Mann zu sein, aber jetzt können wir ihm nicht mehr zustimmen. Die Grünen müssen dauernd über ihren eigenen Schatten springen, tun das aber auch, und es scheint die einzig vernünftige reaktion auf das verbrechen in der Ukraine zu sein. Langes Thema, will ich nicht diskutieren, aber hier ist es natürlich Top-Thema. Ja, sympathisch ist uns die neue Regierung im Prinzip unbedingt, abgesehen vor der "freiheitsliebenden" FDP, die bezüglich Corona manchmal seltsame Regelungen durchboxt. Schluss nun aber! Nach einem ungewohnt völlig trüben Morgen hat sich die Sonne emporgearbeitet und erleuchtet ein wenig die Gemüter und das Gelände. Einen schönen Frühling weiterhin! Deine Gertraud und Bernd.