Subject: Ironie oder nicht From: bugstrangfeld@web.de Date: am 9. April 2022 Lieber Jochen, Deinen letzten brief haben wir in Thüringen gelesen und beschlossen, seinen Inhalt späer zu bedenken, in der bequemlichkeit unseres Hauses. Unsere 10tägige Reise war durchaus ereignisreich (warum hast Du eine "ereignislose" reise gewünscht? Dann brauchte man doch gar nicht zu verreisen) Eine etwas mühelige Anreise auf den Autobahnen, weil überall Baustellen hindern, fast alle Brücken sind kaputt, auf der Sauerlandlinie sowieso - Beton sollte ja ein Baustoff für die Ewigkeit sein, und nun bröselt es allenthalben um die Wette -, viel zu viel Verkehr, Mengen von immer größer werdenden LKWs. Naja, wir sind trotzdem heil angekommenhaben im ziemlich überforderten Weimar eine große Tiefgarage nahe dem Zentrum gefunden für 25 Euro pro Tag und wurden von unseren langjährigen Freunden liebevoll aufgenommen. Zwei der Alt-freundinnen sind allerdings seit einigen Jahren bitterlichst verfeindet, und es müssen einige Regeln eingehalten werden, wenn wir uns alle auf einmal sehen wollöen, wie das früher selbstverständlich war. Das führt bei mir immer mal wieder zu Verzweiflungen, bis dann schließlich doch alles weitgehend glatt verläuft. Diesmal haben wir Ausflüge unternommen, Neues kennengelernt und mal wieder festgestellt, dass Thüringen ein phantastisch schönes, geschichts-und kulturträchtiges Land ist. Burgen, Kirchen von kleinen Dorfkirchen bis zu den gotischen Domen in Mühlhausen, das wir endlich kennengelernt haben. Eine Stadt wie aus dem Bilderbuch. Dazu Thomas Müntzer, der junge Bach, alle möglichen Maler, zum Beispiel.Porzellan, Glas, keramik. F rühjahrsblumen, blühende Büsche und Bäume. Ich habe ja Thüringen schon als Kind lieben g elernt, weil meine Mutter oft erzählte von dem halben Jahr, das sie als 18jährige in einer Schule in Waltershausen (bei Friedrichroda) verbrachte. Zur Ironie fällt mir auch einiges ein, denn als Lehrerin hat man öfter mal damit zu tun. Das Schwierigste schien mir, Signale zu senden, die darauf hinwiesen, dass es sich bei diesem oder jenem überhaupt um Ironie handelte. Wenn jemand kein Gespür für Doppelbödigkeit hat, hilft auch oft ein Erklärungsversuch nicht. Heute Nachmittag haben Bernd und ich uns längere Zeit mit Deinen Ausführungen beschäftigt, konnten Dir aber wie üblich oft nicht folgen und waren bestimmt auch gelegentlich anderer Meinung. Aber jedenfalls ist es anregend. In Deinem Brief an Deine Eltern von 1950 gebrauchst Du schön höflich den klassischen Bescheidenheitstopos, und dabei kann doch die Ironie nur darin liegen, dass Du eigentlich den Empfehlungen der beiden gelehrten Männer zustimmst, das aber nicht direkt zugeben möchtest, weil sich das nicht schickt, und deshalb - siehe oben. jedenfals, alles hat geholfen, und Harvard hat Dich in seine seine welt-weisen Arme geschlossen. Aber den stärksten Eindruck hast Du zweifellos selber gemacht! Ich habe mich im Rahmen meiner Staatsarbeit, die über Caxtons Übersetzung des "Reineke Fuchs" aus dem Niederländischen ging, sehr intensiv mit Ironie beschäftigt, denn Reineke ist ja ein Ironiker der übelsten Art, und mein Vergraben in dies Thema unter dem enormen Druck der Examenssituation und der Zeitnot gipfelte in dem Satz, "Weiß der Erzähler, dass Reineke ironisch ist?" Diesen Satz konnte ich zum Glück noch rechtzeitig streichen. Deine Erinnerung an Euren Abschied aus Deutschland vor 83 Jahren hat uns bewegt. Ja, natürlich rühren die Ereignisse in der Ukraine an eigenes Erleben. Kein gespräch in diesen Wochen und Tagen, das nicht ziemlich bald auf den Krieg kommt, und immer endet alles in Angst und Ratlosigkeit. Es kann ja kein gutes Ende geben, und wie wird die Welt, unsere Welt, danach aussehen. Wie lange wird die Entschlossenheit der Ukrainer und die Hilfsbereitschaft der Westmenschen aushalten. Was macht, ganz nebenbei, der so dringend nötige Klimaschutz. Oder brauchen wir ihn vielleicht gar nicht mehr, weil die Welt sowieso ruiniert ist. Wie gut, dass die Vögel im Garten von dergleichen Drohendem nichts ahnen und im Augenblick emsig am Nestbauen und Brüten sind. Zu unserem kleinen See kommt seit über einem Monat täglich ein Stockentenpaar, tummelt sich auf dem Wässerchen, ruht auf dem Gras und partizipiert an den Sonnenblumenkernen auf der Terrasse. Dazu 20 Bergfinken (ich habe sie mehrmals gezählt) und, wie üblich, allerlei andere Finkenvögel und Meisen. Ihre selbstverständliche Zuversicht färbt ein wenig auf uns ab. Gleich werden wir, wie jeden Abend, wieder mit Zähneknirschen die Nachrichten aus der Tagesschau zur Kenntnis nehmen. Die Corona-Politik unserer sonst ja durchaus tüchtigen Regierung kann einen ja allein schon zur Raserei treiben. Dabei ist es immer noch bitter kalt, knapp über Null, windig, und heute immer wieder sehr lebhafte Graupelschauer. Es soll ja wärmer werden. Morgen fahren wir mit unserem Verein für Kommikation und Kunst nach Essen ins Folkwangmuseum, die große Impressionisten-Ausstellung bewundern. Erleichternd, wenn wir nicht selber fahren müssen. Habe einen schönen Frühling und öfter mal erquickliche gedanken, dazu viele liebe grüße von Deinen Gertraud und Bernd. P.S. Wir bangen etwas um die Wahlenin Frankreich morgen.