Wo finde ich, wie ziehe ich die Grenzen zwischen Sinn, Unsinn und Wahnsinn? Dies ist zugleich eine politische und eine wissenschaftliche Frage. Ich vermute sie gilt auf allen Gebieten, wo immer ich denke. Beim genaueren Hinschauen oder Bedenken, scheint es mir, dass letzten Endes mein eigenes Ich es ist, das einzig Sinn hat, und dass alle anderen Menschen, dass alle anderen Wesen mir sinnvoll erscheinen insofern ihr Denken und Fühlen mit den meinen übereinstimmt. So fern sie aber nicht mit mir übereinstimmen ohne mich zu stören, bezeichne ich sie als unsinnig. Stören sie mich aber, heiße ich sie wahnsinnig und sperre sie ein um mich vor ihnen zu bewahren. Gestern Nachmittag und gestern Abend verbrachte ich mit dem Lesen mir anderweitig unverständlicher mathematischer und physikalischer Texte über Quantenmechnik als rein Geschriebenes, als Sprache, eben schlicht und einfach nur als Literatur, und bei diesem Versuch kam mir ein eigenartiges Verständnis. Zum zweitem Mal war ich fünfzehn Jahre alt, von der Mechanik der Physik begeistert, und hörte aus dem Munde meines damaligen charismatischen Englisch Lehrers Harry Domincovich die Worte Shakespeares, Life's but a walking shadow, a poor player That struts and frets his hour upon the stage And then is heard no more: it is a tale Told by an idiot, full of sound and fury, Signifying nothing. Sollten vielleicht diese Worte nicht nur einen Überlick auf mein eigenes Leben bieten, sondern eine Zusammenfassung der Quantentheorieen? Sollte dass die Erklärungen, die Beschreibungen der Quantenmechanik (mir) sehr wenig sagen, bedeuten dass diese Lehre zwar besteht, aber dass die Lehrer welche diese Theorien zu erklären versuchen sie selber nicht verstehen, oder dass diese Theorieen sich nicht in Worten kundgeben lassen, dass sie Sprachen anders als der deutschen oder englischen bedürfen, also einer mathematischen Symbolik, um mitgeteilt zu werden? Oder dass sie sich vielleicht überhaupt nicht mitteilen lassen? Dass sie geistige Gebilde sind, welche ein jeder zu eigenem Gebrauch, seinen eigenen Bedürfnissen gemäß, sich erarbeiten muss? Es ist aber auch möglich, dass ich mich mit meinem vermeintlichen Unverständnis täusche, dass ich die Quantentheorie sehr gut verstehe, besser vielleicht als manche ihrer Adepten. Oder aber dass mir Quantentheorie viel zu erzählen hat, das ich nicht wahrnehme, weil ich mich der falschen Frequenz bediene, insofern ich meine um die Quantentheorien zu verstehen, ich mich in Hilberträumen zurecht finden müsste, statt mich jenes mir eigenen geistigen Raumes zu bedienen, den ich mir in den inzwischen verlaufenen 77 Jahre eingerichtet und angwöhnt habe. Angesichts der sprachlichen Beschränkungen möglicher Beschreibungen, Darstellungen, Ausführungen der Quantentheorieen, wie sind die vermeintlichen Übereinstimmungen von zwei oder mehreren ihrer Befürworter zu eichen? Ist es nicht möglich, wenn nicht gar wahrscheinlich, dass verschiedene Verständnisse nicht koinzidieren, sondern weitgehend auseinander fallen? vielleicht sogar wenn sie zum Ausdruck kämen, einander widersprächen? Ich vermag den Beschluss nicht umgehen, dass die Wirklichkeiten, die Wahrheiten, die Bestimmtheiten auf denen jeder von uns in eigener Weise beharrt, nur als Ideale, als Vollkommenheitsgebilde zu verstehen sind. Ob diese wie Platon und Kant behaupteten, in einer außermenschlichen transzendentalen Natur, von uns unergreifbar, nur geahnt werden können, oder ob sie sich wie Erinnerungsfähigkeit Gesichtssinn und Gehör mit dem Erwachen und Erwachsen eines jeden Menschen entwickeln, ist bestreitbar. Schlüssig ist die Einsicht dass die Wirklichkeiten und Wahrheiten die der Forscher außer seiner selbst in der Natur aufzufinden beansprucht und behauptet, tatsächlich unerlässliche Forderungen des eigenen Geistes sind, Forderungen welche einen jeden von uns befähigt unsere Welt als eine solche zu begreifen, und welche, was nicht weniger bedeutsam ist, als Brücken dienen mittels deren wir uns mit einander verständigen. Mathematische, physikalische Vorstellungen, und ins Besondere die Quantenmechanik, sind Spiegelbilder nicht einer außermenschlichen Natur, sondern des menschlichen Geistes in seiner Beziehung zu dieser außermenschlichen Natur. Spiegelbilder in doppelter Weise: erstens als Spiegelbilder des Gemüts des Einzelnen; ebenso bedeutsam aber auch als Spiegelbilder des gemeinsamen Geistes des gesellschaftlichen Raumes, der zu dem Entstehen und Gedeihen der Geistigkeit des Einzelnen unentbehrlich ist. Die Quantentheorie behauptet, dass das mir Wirkliche erst durch meine Messung, durch mein Urteil, durch meinen Geist geschaffen wird, wenn ich ihn meiner Umwelt gegenüber anstrenge. So what else is new? Ist das nicht die Behauptung der kantschen kopernikanischen Wendung, und der Behauptung von Schopenhauer meine Welt sei mein Wille und meine Vorstellung? Bemerkenswert finde ich, dass die geistigen Betätigungen eines jeden Tages mich zu dem entgegengesetzten Urteil leiten, nähmlich zu der täuschenden Überzeugung, dass meine Welt, dass die Bäume und Häuser, die Blumen und Wolken die ich sehe und die ich zu erkennen meine, tatsächlich ein von meinem Erkennen unabhängige Wirklichkeit besitzen. Das ist eine meinem Denken entwachsende Hypothese die sich immer und immer wieder behauptet, und die sich doch niemals prüfen, die sich weder beweisen noch widerlegen lässt; wenn nur aus dem Grunde dass diese Gegenstände samt ihrer Wirklichkeiten mir nur durch meine Erkenntnis zugängig sind, und dass ich, abwesend diese Erkenntnis, nichts von ihnen zu wissen vermöchte. Eine mögliche Antwort auf die Frage nach der unabhängigen Wirklichkeit des Erlebten ist der Traum, insofern er bei mir die Überzeugung hinterlässt, dass seine Gebilde nur der Wirklichkeit meines träumenden Gemüts entsprechen, nicht aber einer von diesem Gemüte unabhängigen Wirklichkeit. Eine solche Gedankenfolge wäre gültig so lange ich einen qualitativ unbedingten Unterschied zwischen den im Traum und den im Wachen wahrgenommenen Gegenstände behaupte. In diesem Fall wäre der im Wachen wahrgenommene Gegenstand durch ein Wahrheitssiegel, das seine Wirklichkeit bezeugt, erkannt. Aber weil dieses Wahrheitssiegel ein von meinem Gemüt hinzugefügtes Zeugnis ist, muss die Frage nach einer unabhängigen Wirklichkeit unbeantwortet bleiben. Wohlbemerkt werden meine Wirklichkeitsurteile im Rahmen der "klassischen" Physik so wie im Rahmen der Quantenphysik durch verschiedene Parteien meiner Mitmenschen unterstützt. Mit meinem Verständnis aber der endgültigen Ausschließlichkeit meines gegenwärtigen Erlebens als Einzelner werde ich allein bleiben müssen.