Wenn ich meine Eintragungen der kürzlich vergangenen Tage, jedoch ohne sie ein weiteres Mal nachgelesen zu haben, überdenke, befällt mich die Ahnung sie beurkundeten eine bedeutende Begründung meines Denkens. Dabei mutet mich der von Kant geprägte Ausdruck "Kopernikanische Wendung" allenfalls in meiner geistigen Lage als ein Missverständnis an; denn der Vergleich mit Kopernikus widerspricht dem Bestreben meines Denkens unmittelbar zu sein - oder zu werden - mich und mein tägliches Dasein als einmalig, gegenwärtig, ort- und zeitbedingt zu erleben, und somit der Historizitäts- der Zeitenfalle zu entschlüpfen. Ich verstehe aber in welchem Maße mein Gedeihen und Leben von einer objektiven Pseudowirklichkeit abhängig sind. Mit der Entdeckung, Bestimmung und Sicherung meiner Gegenwart, meines existentiellen Jetzt und Hier, ergibt sich dann zugleich die unbedingte Unentbehrlichkeit einer gedeuteten Welt auf die ich mich um zu Überleben und um zu Gedeihen verlassen muss. Die Unvollkommenheit, die Fragwürdigkeit dieser gedeuteten Welt entspricht den Beschränkungen der mir unmittelbaren erlebten Welt. Der Zweifel an der gedeuteten Welt ist nicht nur vereinbar mit dem Überleben; er ist vielleicht auch dessen Bedingung. Die Bestimmung meiner Gegenwärtigkeit ist geeignet weder die notwendigen Aufgaben des täglichen Lebens, noch die großen offenen Fragen der Natur- und Geisteswissenschaften zu beantworten. Doch meine ich, dass meine Gegenwärtigkeit mir diese vermeintlich endgültige, objektive Pseudowirklichkeit keineswegs verbaut, sondern in erstaunlicher Weise erst zugänglich macht. Wirklichkeit ist mein gegenwärtiges Erleben. Alles andere ist Vorstellung. Aber wer glaubt unsrer Predigt, und wem wird der Arm des HERRN offenbart? Vor 62 Jahren beschäftigte mich mein erster Versuch zwischen Wirklichkeit und Vorstellung zu unterscheiden und zwischen den beiden eine Linie zu ziehen. Seitdem habe ich fast zwei Drittel meines Lebens mit der Suche nach, und der Pflege von Wirklichkeit verbracht. Ob ich versagte, oder ob ich erfolgreich war? Das darf ich nicht, das darf keiner, aus "historischer" Sicht zu entscheiden beanspruchen, denn Historie, Geschichte ist eine täuschend unechte objektive Vergangenheit, Sie ist, wie ich immer und immer wiederhole, Mythos. Das einzig Wirkliche ist das Selbsterlebte. Die Gültigkeit des Zweifels an der gedeuteten Welt wäre belegbar nur aus dem eigenen Leben das sich auf diesen Zweifel zu gründen wagte. Der Sinn dieses Lebens hat zwei Phasen, die subjektive und die objektive. Die subjektive Phase meines Lebens ist mein gegenwärtiges Erleben. Die objektive Phase meines Lebens ist ein Erleben zwar auch einer Gegenwart, sie ist aber das Begegnen einer künstlichen, mit Hilfe von Symbolen modellierten und erweiterten Welt. Welcher von diesen beiden Phasen meines Erlebens der Vorrang zugeschrieben werden sollte, möchte umstritten bleiben. Ich frage mich wie sich Entideaisierung und Vergegenwärtigung zu einander verhalten. Der Wert der Vergegenwärtigung besteht darin, dass sie die Mängel der Deutung, und demgemäß die Mängel der gedeuteten Welt bloßlegt. Vorausblickend zähle ich sie auf: a) Die Unzulänglichkeit der Mitteilung bis zum Versagen weist auf ihre Grenzen. b) Das Geltungsbedürfnis des Einzelnen ist zugleich Sporn und Schwäche des gemeinschaftlichen Geistes. Es ist unvermeidlich, dass Gesellschaftsmitglieder mit einander auch geistig konkurrieren. c) Die Gliederung des Einzelnen in die Herde ist mit vielen Mängeln behaftet. d) Die gemeinschaftliche Symbolik der Sprache und der Mathematik ist wesentlich beschränkt. Wesentlich ist mir meine Beobachtung dass mein Erleben des mir Fremden mein Gemüt verwandelt, in dem Sinne und in der Weise, dass das womit ich heute ringe, weil es mir unverständlich ist, mir morgen vertraut erscheint weil meine Berührung mit dem Unbekannten mich verändert hat indem ich es assimiliert habe. Verstehen in diesem Sinne heißt das vormals Unverstandene in das Gefüge anderer mir vertrauter Vorstellungen einzugliedern, so dass es hinfort als ein Gegenstand unter anderen in meiner Gedankenwelt wirkt. Dabei möchte ich der Erste sein der darauf hinweist, dass der Gebrauch eines Wortes wie etwa Quantenmechanik or Relativitätstheorie oder Hilbert Raum keineswegs bezeugt, um es krass auszudrücken, dass ich weiß wovon ich rede. Und doch ist ein solches Reden von unverstanden Sachen nichts außerordentliches. Denn ist es nicht gang und gäbe vom Himmel, vom Paradies, von Sonne, Mond und Sternen, von Gott und seinen Engeln, von den Menschen, von wahr und unwahr, von gut und böse zu berichten, von Dingen von denen ich sehr wenig oder garnichts verstehe. Was aber die Physik, die Teilchenphysik, die Kernphysik, die Relativitätstheorieen, die Quantenmechanik, zum Beispiel, anbelangt, so erdreiste ich mich zu fragen ob das Wissen, das Verstehen worüber die Sachverständigen verfügen etwas anderes ist als mit den einschlägigen Begriffen und Worten vertraut zu sein und sie in kunstgerechter Weise zu jonglieren. Ich entschuldige mich für meine Unverschämtheit, und gebe zu, dass ich mit meiner Abschätzung der Wissenschaften nichts beweise als die Unerheblichkeit meines eigenen Geistes.